Darkness deluxe

Das Wetter war in den letzten Wochen für dunkle Seelen alles andere als ideal, und auch wenn es mittlerweile etwas abgekühlt hat, möchte man die Zeit vielleicht lieber im Freien und nicht in einer stickigen Konzerthalle verbringen. Wenn da nicht der Katzenclub auf dem Programm stünde, der ja sowieso eigentlich immer Pflicht ist – feinste Bandauswahl, tolle Menschen, rauschende Partys! -, dieses Mal aber, zumindest für mich, erst recht ein absolutes Muss. Nachdem die ursprünglich gebuchten Darkways ihren Auftritt aus gesundheitlichen Gründen verschieben mussten, konnte zum Glück schnell Ersatz gefunden werden, nämlich die fantastischen Abu Nein aus Malmö. In Kombi mit den nicht minder spannenden Yakima Jera ist das ein Package, auf das ich mich seit Bekanntgabe irrsinnig gefreut habe. Und heute ist es endlich so weit!
DSC_6903Wie befürchtet, ist es sehr stickig und warm im Feierwerk, sodass die meisten Leute bis zum direkten Beginn noch draußen stehen. Vor leerem Raum müssen Yakima Jera dann aber doch nicht auf die Bühne, außerdem haben sich Kara und Simon bei ihrem Auftritt beim Katzenclub-Festival 2024 (als sie kurzfristig für die erkrankten Black Nail Cabaret eingesprungen sind, hier das Review) viele neue Fans erspielt. Die Musik des Duos aus Regensburg lässt sich selbst mit der Eigenbezeichnung „Dark Wave to End Wave“ nicht adäquat beschreiben, aus der Melange aus synthigen Klängen, Gitarre und Karas wandelbarer, nuancierter Stimme entstehen atmosphärische Songs, die weit über Genrezuschreibungen hinausgehen. Die ersten beiden Alben Capture und Azrael take my hand waren schon voller endwaviger Perlen, heute stellen Yakima Jera den gerade erschienenen Nachfolger Kalte Schauer vor. Die Songs davon dürften – bis auf das bereits vor einiger Zeit veröffentlichte „Dertlı dolap“ – noch kaum jemandem bekannt sein, trotzdem geht das Publikum vom Opener „Gemini“ an mit und tanzt begeistert. Kara und Simon ergänzen sich auf der Bühne perfekt, entfernen sich voneinander, gehen wieder aufeinander zu, sind mal voll aufeinander konzentriert, mal öffnen sie sich und laden alle in ihre vielschichtigen (Klang-)Welten ein. Der Sound ist nicht immer ganz optimal, aber das spielt keine Rolle, Songs wie „The house“ oder das neue „Soul vampire“ bezaubern, genauso wie Karas alles überstrahlendes Lächeln, das wie eine einzige große Umarmung wirkt. Mit dem herzzerreißenden „Felt love“ geht dieser Auftritt zu Ende, der sicher nicht nur bei mir ganz viele verschiedene Emotionen hervorgerufen hat. Vor allem aber sehr viel Freude.

Setlist Yakima Jera:
Gemini
The call
Dertlı dolap
The house
You know
Soul vampire
End wave
The abyss
Felt love

DSC_7318Die kurze Pause nutzen viele für etwas Frischluft, die Kranhalle ist eine schreckliche Sauna, doch das ist vergessen, als Abu Nein um zehn auf die Bühne kommen. Bereits mit ihrer ersten EP I will rise hatte die Band um Erica Li Lundqvist meine Aufmerksamkeit erregt, nachdem mir Erica durch ihre Zusammenarbeit mit Covenant (beim Lee-Hazlewood-Cover „A rider on a white horse“ vom Album The blinding dark) aufgefallen war. Düster-elektronische Sounds, die ganz eigene melancholisch-okkulte Welten schaffen, gekrönt von Ericas dunkler Stimme, die sowieso eine eigene Welt für sich ist, das alles dann auch noch hochgradig tanzbar und mit Ohrwurmmelodien garniert – ich war hin und weg von Abu Nein. In den folgenden Jahren sind drei Alben erschienen, eines faszinierender und intensiver als das andere, mit Lyrics voller Schmerz, emotionalen Abgründen, Querverweisen, Zitaten und persönlichen Glaubenswelten (Secular psalms, II, Dark faith). Auch personell waren es aufwühlende Jahre für die Band, vor allem durch den viel zu frühen Tod von Andreas Catjar-Danielsson (hier unser Nachruf auf ihn) vor zwei Jahren, aber nicht nur. Aktuell bestehen Abu Nein aus Erica Li Lundqvist, Andreas Andersson und dem neuen Bassisten Andreas Lundberg, einem langjährigen Freund der Band. Vor ein paar Wochen habe ich Abu Nein schon in Schweden auf dem Subkult-Festival gesehen, wo sie einen so kurzen wie explosiven Gig gespielt haben (Da auch Schweden Bahnchaos kann, stand er einige Stunden auf der Kippe, was den spätabendlichen Auftritt dann noch intensiver für alle Beteiligten gemacht hat.) – drei Songs vom kommenden Album als Live-Premiere sowie einen Song als Zugabe. Was natürlich viel zu wenig war, aber trotzdem genau richtig und energetisierend, zumal die neuen Songs sehr, sehr stark waren. Und vielleicht heute ja gleich noch mal zu hören sein werden, ich bin gespannt.
Abu Nein erschaffen von den ersten Tönen von „Geist“ (von der EP I will rise) an eine zwar völlig andere Atmosphäre als Yakima Jera, die aber auf ihre ungleich düsterere, gothischere Art genauso wohlig wärmend und einhüllend ist. Die Setlist ist vom Feinsten und zeigt die vielen Facetten des Abu-Nein-Universums – so eingängig-tanzbar und trotzdem voller schmerzhafter Tiefe wie bei „Unwanted“ oder „City of dust“, okkult-mystisch wie bei „Kissing the glove“ oder „Hand of glory“, entschlossen wie bei „I will rise“, bittersüß und verzaubernd wie bei „Waste“ oder elektronisch-treibend wie bei „Cutting corners“. Erica brilliert mit ihrer Stimme sowieso in jedem Song, ganz besonders aber beim Bauhaus-Cover „Hollow hills“, das in der schwitzigfeuchten Kranhalle eine Gänsehaut nach der anderen erzeugt. Nach den ersten noch etwas reserviert vorgetragenen Songs kommt Erica auch immer öfter vor an den Bühnenrand und sucht den Kontakt, zwischen den synthig-kühlen (Andreas A.) und gothrockigeren (Andreas L.) Gegenpolen.
Am Ende gibt es tatsächlich zwei neue Songs zu hören, „Ghost puppeteer“ und „Desire“, die die Vorfreude auf das neue Album Is anyone awake (das entweder noch dieses Jahr oder dann Anfang 2027 erscheinen wird) noch größer werden lassen.
Natürlich fehlen (mir) noch einige Lieblingssongs, vor allem hatte ich auf das epische, elf Minuten lange Meisterwerk „Wir leben“ gehofft, aber auch so haben Abu Nein ganz, ganz viel musikalisches Glück verbreitet und werden euphorisch bejubelt. Tack så jättemycket!!

Danach strömen die meisten temperaturbedingt ins Freie, ganz allein sind die Bands am Merch dann aber nicht und mischen sich später einfach draußen unters Volk – sehr sympathisch! Ich persönlich verbringe den restlichen Abend auch zum größten Teil an der frischen Luft und quatsche, zum Tanzen reicht die Kraft heute nicht. Bei anderen dafür schon, sodass auch die Party auf den bewährten zwei Tanzflächen bis in die frühen Morgenstunden gut besucht ist.
Vielen Dank allen Beteiligten – Katzenclub-Organisator*innen, Bands, DJs, Fans, dem Feierwerk – für diesen musikalisch und menschlich hochklassigen Abend, der sicher nicht nur mir noch lange in Erinnerung bleiben wird.

\m/  \m/ \m/ \m/ \m/

Setlist Abu Nein:
Geist
Wound
Cutting corners
Unwanted
I will rise
Dying into a dance
Rotten garden
Kissing the glove
Waste
City of dust
Hand of glory
Hollow hills
Ghost puppeteer
Desire

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