What. The. Föck.

BackengrillenUmeå, da klingelt doch was. Umeå Hardcore, genauer gesagt die schwedische Hardcore-Legende Refused, die ihre Band letztes Jahr auf einer furiosen Abschiedstournee zu Grabe getragen haben. Sänger Dennis Lyxzén, Bassist Magnus Flagge und Drummer David Sandström haben sich nun mit dem Jazz-Saxophon Mats Olof Gustafsson zusammengetan und mit Backengrillen eine neue Band gegründet. O-Ton Pressetext dazu: “The record was written on a Thursday during their first ever rehearsal, performed live on a Friday and recorded on a Saturday …”
Nun ja, ich bin eher kein Fan von Blech- oder Holzblasinstrumenten, finde Jazz schwierig und Free Jazz erst Recht. Beste Voraussetzungen also. Warum tue ich mir das also trotzdem an? Wegen Dennis Lyxzén, der mich mit verschiedenen Bands wie eben Refused, INVSN und Vännäs Kasino überzeugt hat, trotz der unterschiedlichen Musikstile. Und der live eine unfassbar explosive coole Socke ist und einfach verdammt sexy.
“A hate inferior” startet sanft und gefühlvoll mit einer gezupften Gitarre, dessen Melodieführung repetetiv wiederholt wird. Nach und nach steigen auch die anderen ein, und auch das Saxophon nimmt die Melodie auf, bricht aber immer wieder bewusst daraus aus mit schief gespielten Noten. Ebenso das Schlagzeug, das einen grundsätzlich schleppenden Rhythmus verfolgt, aber immer wieder abweichende Patterns verfolgt. Ein Noise-Teppich legt sich über alles, und Dennis schreit eher schrill als dass er singt. Zu Beginn klingt das Saxophon in “Dör för långsamt” wie das Röcheln eines sterbenden Menschen, und die Drums wirken wie aus einer Hinrichtungsszene aus einem Mittelalterfilm, in der der Verurteilte zum Henker geführt wird. Minutenlang spielen beide nur diesen aus nur zwei Tönen bestehen Schritt-Rhythmus, bevor endlich der Gesang hinzustößt. Der ist jedoch nicht gefällig sondern eher dissonant, außerdem wird gestöhnt und geschrien. Schließlich gipfelt alles in einer kakophonischen Lärmorgie, und der Beginn wird als Reprise wieder aufgenommen.
Zum Glück fällt “Repeater II” deutlich zugänglicher aus, wo sich eine Songstruktur ausmachen lässt, und Dennis eine richtige Melodie singt. Aber natürlich stößt er auch Affenlaute aus, und das Saxophon nervt weiterhin mit teils schrägen Quietschern. “Backengrillen” startet mit einem tieflagig gezupften Bass und leisen Gitarren, begleitet von Neubauten-artigem leisen Noise. Schließlich flirrt auch das Saxophon dazu und spielt irgendwas. Das ist ebenso deutlich improvisiert wie die gelegentlichen stimmlichen Einsprengsel. Es ist spürbar, wie die Musiker allesamt spontan aufeinander reagieren. Nach dieser ruhigeren Nummer beginnt “Socialism or barbarism” mit einer ausgiebigen Noise-Einlage, bevor diese von einem Drumsolo ergänzt wird. Schließlich kommt auch der Bass hinzu, und unvermittelt trötet das Saxophon. Dennis keift ein paar wütende Zeilen, und eine an Sixties erinnernde psychedelische Passage geht wieder in Noise über, zu dem das Album ausklingt.

Fazit: What. The. Föck. Ich bin gleichzeitig völlig überfordert und fasziniert davon, weil ich so überfordert bin. Ok, mit Noise kann ich umgehen, und der ist cool. Mit Free Jazz nicht, weil ich dazu keinerlei Berührungspunkte habe und Ahnung davon noch weniger. Backengrillen kombinieren beides zu Free Noise oder auch Death Jazz, und das auch noch mit Songlängen um die zehn Minuten. Ich bin damit insgesamt so ratlos wie du als Leser*in dieser Zeilen jetzt.
Das coole ist, das Chaos des Albums entzieht sich absolut jeglicher Erwartungshaltung, und das mit Sicherheit sogar der Band selbst gegenüber. Die Musiker von Backengrillen sind in der dankbaren Position, nicht davon leben zu müssen, und so können sie völlig befreit von jeglichen kommerziellen Aspekten ihre Vision ohne Rücksicht auf Verluste umsetzen. Sie dekonstruieren jegliche Musiktheorie und Hörgewohnheiten und setzen die Einzelteile neu zusammen. Das ist echte Kunst, das ist mal klar. Wie ich das aber bewerten soll, das ist mir maximal unklar. Vielleicht muss ich das auch live erleben, um es voll erfassen zu können. Beim wiederholten Hören wird manches auf jeden Fall zugänglicher und neue Details lassen sich entdecken, auch in der teils sehr repetitiven Monotonie. Seid auf jeden Fall einfach mal mutig und macht euch euer eigenes Bild. Auch Die Einstürzenden Neubauten galten anfangs vielen als unhörbar.

Hier gibt es heute keine Mosher, hier gibt es völlig verdiente fünf von fünf Fragezeichen.

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Backengrillen: Backengrillen
Svart Records, Vö. 23.01.2026
MP3 9,00 € erhältlich über Bandcamp
LP 26,00 € erhältlich über Svart Records 

Links:
https://backengrillen.bandcamp.com/
https://svartrecords.com/en
https://svartrecords.com/en/artist/backengrillen/13937

Tracklist:
01 A hate inferior
02 Dör för långsamt
03 Repeater II
04 Backengrillen
05 Socialism or barbarism

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