The dark side of Ghost

BehemothDie frühe Black Metal Phase von Behemoth habe ich komplett übersprungen und bin erst mit The Satanist auf die Band richtig aufmerksam geworden, das bei vielen Fans und Kritikern als Meilenstein gilt. Besonders “Blow your trumpets Gabriel” hatte es mir angetan. Ansonsten muss ich über die polnischen Extreme Metaller Behemoth um Sänger und Gallionsfigur „NergalAdam Darski sicherlich nicht mehr viel sagen, haben sie doch mit The shit ov God ihr mittlerweile dreizehntes Album veröffentlicht. Aber der Albumtitel, echt jetzt? Peinlich, so zumindest mein erster Gedanke. Auf Teufel komm’ raus wie ein Teenager provozieren wollen.
Erst einmal abgetörnt bin ich aber schließlich auf ein Metal Hammer Interview gestoßen und kann die Hintergründe nun nachvollziehen. Also gebe ich dem Album eine zweite Chance, und deswegen hat die Review auch etwas gebraucht.

“The shadow elite” ist als Opener gut gewählt, denn es gibt die generelle Marschrichtung des Albums vor. Es enthält mehrere Tempowechsel, flirrende Gitarrenläufe und Blast Beats. Über allem liegt natürlich die charismatische Stimme von Nergal, rau, krächzend und von Hass angefressen. In “Sowing salt” kommen noch bombastische und symphonische Momente hinzu, stellenweise aber auch Raserei. Der Track funktioniert super für sich allein genommen, aber gleichzeitig auch als ideale Überleitung zum Titeltrack “The shit ov God”. Ich musste mich erst darauf einlassen, und mit mehrmaligem Hören entfaltet sich seine Wucht. Hier ziehen Behemoth tatsächlich alle Register ihres Schaffens, binden Chöre ein, alles sitzt auf den Punkt. Diese Perfektion ist mir fast schon zu viel, denn obwohl wir uns natürlich nach wie vor im Bereich des Extreme Metal bewegen, wirkt der Song auf mich fast schon kommerziell und ein wenig zu eingängig poppig. Eine Spur vom Ghost-Flair scheint einzuziehen, wobei die Vorstellung, wie zigtausend Fans in Wacken oder beim Hellfest “We are the shit ov God!” brüllen schon auch irgendwie komisch ist. Das folgende “Lvciferaeon” ist mein Favorit auf dem Album. Brutal schnell knüppelt das Schlagzeug voran, und die Gitarren müssen dem Rhythmus vom Bass folgen. Noch am ehesten lassen sich hier die Black Metal Wurzeln ausmachen, und trotz des ruhigeren symphonischen Parts ist hier von Kommerzialität nichts zu spüren.
Dem fügt sich “To drown the svn in wine” quasi nahtlos an, bei dem vor allem das Zitat “O Captain! My Captain!” aus dem Gedicht von Walt Whitman auffällt (ihr kennt es vielleicht aus dem Film Club der toten Dichter). Das ist wirklich gut integriert, und der gesetzte, rhythmische Gesang unterstreicht die Dramatik der Lyrics, und das heraufbeschworene Bild der Titelzeile allein schon ist toll. Im Anschluss daran fällt “Nomen Barbarvm” etwas ab, denn obwohl es gute Momente zum Nackenschwingen beinhaltet, wirkt es auf mich ein bisschen beliebig. Alle zeigen an ihren Instrumenten, was sie drauf haben, auch die Chöre sind cool, aber letztlich bleibt mir der Track nicht in der Erinnerung hängen. Das folgende “O, Venvs come!” schon eher, das sich im Midtempo-Bereich festbeißt und die perfekte Balance findet zwischen monumentaler Epik und Extreme Metal. Vor allem die instrumentale Passage mit Blast Beats und Saitengewitter hat es mir dabei angetan, bevor das Stück erhaben aus klingt. Im Kontrast dazu haut “Avgvr (The dread Vultvre)” noch einmal voll rein und wirkt wie der Konterpart zur Eröffnung. Die flirrenden Gitarren finden sich auch hier, und Nergal röhrt sogar noch eine Spur dreckiger als zuvor. Mit einer massiven Wall of Sound findet das Album zum Ende.

Fazit: Extrem, provokant und kontrovers sind sie seit jeher, und Behemoth liefern auch mit The shit ov God das wofür sie bekannt sind. In ihrer Version von Extreme Metal spielen sie in ihrer eigenen Liga. Nach meiner anfänglichen Skepsis überzeugt mich das Album mehr und mehr. Zwar kommt es nicht ganz an The Satanist heran, ist aber für mich das beste seit eben jener wegweisenden Veröffentlichung.
In einem Metal Hammer Interview erläutert Nergal, wie es zu dem Albumtitel gekommen ist. Der Titel The shit ov God entstammt tatsächlich aus einem Gedichband der Avantgarde-Künstlerin Diamanda Galás, was zeigt, wie vielseitig Nergal ist. Gleichzeitig verwendet er das Christusmonogramm IHS. Es sind die ersten drei Buchstaben des griechischen Wortes für Jesus, sie stehen neben weiteren Interpretationen vor allem für Iesus Hominum Salvator (Jesus, Retter der Menschen). Nur stellt Nergal es auf den Kopf, sodass sich in Verbindung mit dem Kreuz tatsächlich “SHIT” lesen lässt. Das ist zugegebenermaßen schon eine geniale Entdeckung. Dennoch hätte ich am Ende des Tages Lvciferaeon als Albumtitel gewählt.

Das unheilige Triumvirat aus Album, Videos und Liveperformance bildet im Fall von Behemoth eine künstlerische Einheit, die nicht voneinander getrennt und als Ganzes betrachtet werden sollte. Zusammen ergibt alles seinen Sinn. Behemoth wirken dabei auf mich wie “The dark side of Ghost”. Die Thematik ist ja auch grundsätzlich ähnlich angelegt, und wenn sie etwas an deren Erfolg teilhaben wollen, kann ich es ihnen nicht verdenken. Nur bitte rechtzeitig die Kurve kriegen und nicht im schmalzigen Musical-Pop enden.

Anspieltipps: Sowing salt, Lvciferaeon, To drown the svn in wine

:mosch: :mosch: :mosch: :mosch: :mosch2:

Behemoth: The shit ov God
Nuclear Blast, Vö. 09.05.2025
MP3 8,00$ erhältlich über Bandcamp 
CD 17,99 €, LP 31,99 € erältlich über Nuclear Blast 

Links:
https://www.facebook.com/behemoth/?locale=de_DE
https://www.instagram.com/behemothofficial/
https://www.nuclearblast.com/de

Tracklist:
01 The shadow elite
02 Sowing salt
03 The shit ov God
04 Lvciferaeon
05 To drown the svn in wine
06 Nomen Barbarvm
07 O, Venvs come!
08 Avgvr (The dread Vultvre)

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