Cold Cause – das sind Luiça, Bruno und Mathieu. Entstanden ist das Projekt im Rahmen einer künstlerischen Performance, aus der bald ein intensiver gemeinsamer Klangkosmos wurde, der sich im Spannungsfeld zwischen urbaner Melancholie und tanzbarer Dunkelheit bewegt. Im Fokus des französisch-deutschen Trios stehen dabei nicht nur Klang und Atmosphäre, sondern auch die besondere Dynamik zwischen drei sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten, die sich gerade durch ihre Unterschiedlichkeit ergänzen.

Im Interview sprechen Cold Cause darüber, wie sich die Band formiert hat, was sie als Trio verbindet, welche Rolle Kunst, Kino und Literatur für ihre Musik spielen und wie ihr selbstbetiteltes Debütalbum entstanden ist.
Wer verbirgt sich hinter Cold Cause?
Die Band ist ein Trio: Luiça am Gesang, Bruno an Synthesizern und Maschinen, Mathieu an der Gitarre.
Wie habt ihr euch kennengelernt? Wie ist euer Projekt entstanden?
Wir haben uns auf ziemlich ungewöhnliche Weise kennengelernt. Mathieu organisierte eine Ausstellung über den Performancekünstler Joseph Beuys in einer Galerie. Zusammen mit Bruno bereitete er eine musikalische Performance vor, aber ihnen fehlte eine Person, die Deutsch spricht – so kam Luiça dazu. Die Chemie hat sofort gestimmt, und die Performance war ein Erfolg. Wir haben uns gesagt, dass wir das weiterführen müssen. So ist Cold Cause entstanden.
Was verbindet euch?
Wir sind alle drei sehr unterschiedlich und kommen sehr gut damit zurecht – das ist ein stark verbindendes Moment.
Was bedeutet euer Bandname für euch, und wie ist es zu dieser Wahl gekommen?
Der Name Cold Cause ist ganz natürlich entstanden. Er ist einfach und direkt und beschreibt das Projekt ziemlich genau, kann aber dennoch mehrere Bedeutungen tragen – eine mehrdeutige Einfachheit. Er steht für die düsteren und melancholischen Elemente in unserer Musik, die sich wie ein schwarzer Faden durchziehen, ebenso für eine gemeinsame Basis, Reflexion und alles, was der Name an Interpretation zulässt.
Was sind eure ersten musikalischen Erinnerungen? Woher kommt euer Interesse und die Faszination für Musik?
Unsere ersten gemeinsamen musikalischen Erinnerungen entstanden, als wir die Verstärker, den Synthesizer und das Mikro angeschlossen haben. Wir hatten sofort das Gefühl, eine schwarze Messe, ein heidnisches Ritual geschaffen zu haben.
Ansonsten hat jeder von uns unterschiedliche Erinnerungen.
Bruno: Ich bin vier Jahre alt und höre Henri Dès: Ballon ballon, ballon rond, qui monte jusqu’au plafond … Das verfolgt mich bis heute. Ich konnte seitdem „99 Luftballons“ nie hören, ohne daran zu denken. Eine Melodie, die immer wieder zurückkommt. Unter der Dusche, gleiche Zeit, anderes Genre: Dorothée „C’est comme un tremblement de terre, un siphon sur la mer, la fin d’un univers“. Ich rannte wie verrückt um den runden Tisch, einen grünen Filzstift im Mund, ohne die bereits prophetische Botschaft dieses echten Jugendidols zu verstehen. Im Clip: weiße Kittel, Wissenschaftler – später werde ich Mathematik mögen, dann Computer und Synthesizer. Der zweite Refrain setzt ein, es ist wie ein Erdbeben, ich stolpere, falle, der grüne Filzstift ist verbogen; ich weine auf dem Rücksitz, während meine Mutter mit hoher Geschwindigkeit zum Arzt fährt. Ich mag immer noch Computer, Synthesizer, ordentlich verstaut auf Tour in meinem Koffern, die Haare zerzaust wie in den Clips von Dorothée. Jeden Tag denke ich an das Ende des Universums, während ich meine Zunge gegen meinen wunden Gaumen drücke, um einzuschlafen.
Mathieu: Meine erste Erinnerung an Musik ist ein visueller Schock. Als Kind gab es bei meinen Eltern all diese Plattencover – sie waren wie ein Versprechen, in andere Räume zu reisen, andere Welten zu besuchen. Später habe ich sie gehört und wurde nicht enttäuscht: Das Versprechen wurde gehalten.
Luiça: Musik war schon immer ein Mittel für mich, meine Emotionen zu zeigen, zu verstehen und zu transportieren. Es ist ein wichtiges Medium für mich seit meiner frühesten Kindheit.
Was ist Klang für euch?
Mathieu: Unsichtbare Räume.
Luiça: Sinnlicher Ausdruck von ästhetischem Bedürfnis und ästhetischer Ausdruck von sinnlichem Bedürfnis.
Welchen Einfluss hat eure Umgebung auf eure Musik? Aus welcher Stimmung heraus ergeben sich für euch die besten Musikstücke?
Unsere Musik ist urban, düster und tanzbar: düster wie unsere Welt und tanzbar als Antwort darauf.
Bei unseren Kompositionen gab es kleine magische Momente, zum Beispiel beim Stück „Road“. Wir waren zu dritt bei Bruno und sagten, wir könnten doch ein Stück über die Straße machen, und plötzlich kristallisierte sich alles sehr schnell heraus: Worte und Noten sprudelten. In drei Stunden war alles fertig, wie in einem schlechten Hollywoodfilm, aber genauso ist es passiert. Sonst schauen wir gerne gemeinsam Filme, und wir spinnen daraus eine Geschichte weiter oder benennen Stimmungen mit Musik und Worten.
Was sind für euch thematische Inspirationen, die ihr auch in euren Texten verarbeitet?
Es gibt viele unterschiedliche Ebenen. Emotion steht im Vordergrund, aber natürlich sind Literatur, Politik, körperliche Erfahrungen und Kino starke Inspirationsquellen. Gute Stücke zu machen, bedeutet, die richtigen Worte zu finden, um Gefühle und Ideen auszudrücken.
Erzählt uns ein wenig über euer Debüt-Album „Cold Cause“. Wie war der Weg von der ersten Idee bis zum fertigen Album? Wie findet ein neuer Song seinen Anfang bei euch? Was bringt den Stein ins Rollen, und wie entwickelt sich daraus schließlich ein fertiges Stück?
Wir haben sehr schnell fünf Stücke komponiert: „Vampire der Liebe“, „Road“, „E150D“, „Drunken Bird“, ohne an ein Album zu denken. Wir wollten einfach live spielen. Wir gaben ein kleines Konzert bei unseren Freund*innen in unserer Stammkneipe Peine Perdue in Paris. Die weiteren Stücke entstanden in Freiburg. Ziemlich schnell hatten wir über ein Dutzend Songs. Wir wählten diejenigen aus, die am besten zur Gesamtstimmung passten, spielen aber manche, die nicht auf dem Album sind, weiterhin live. Ein Song kann durch vieles ausgelöst werden: ein Wort, eine Filmszene, eine Situation zwischen Menschen, ein Drum-Rhythmus, ein Gefühl, ein paar Synth- oder Gitarrennoten. Aber die Chemie zwischen uns dreien ist entscheidend. Zum Beispiel haben wir „City of Firmament“ eines Abends im Keller von Luiça in einer einzigen Session komponiert, mit ein paar Bieren und eingeschalteten Verstärkern.

© Sévérine Kpoti
Welche künstlerischen Einflüsse außerhalb der Musik haben eure Herangehensweise an eure Musik beeinflusst?
Sehr vieles: Literatur, Kino, bildende Kunst, Architektur. Die Dinge sind nicht voneinander getrennt: ein Geräusch von Heizkörpern oder Fabriken bei David Lynch kann uns genauso beeinflussen wie ein Text von László Krasznahorkai oder die englische Gothic-Literatur des 19. Jahrhunderts, auch die Hochhauskomplexe des 13. Arrondissements oder der abgehängten Freiburger Viertel sind Inspirationsquellen für uns.
In welcher Beziehung steht und/oder repräsentiert der visuelle Aspekt eure Musik?
Die Idee ist, dass das eine nicht die Illustration der anderen ist und umgekehrt. Es sind eher verschiedene Regionen desselben Landes, von dem wir selbst keine Karte haben. In der Hoffnung, dass die Zuhörer*innen ihre eigene Reise machen.
Was bedeutet es für euch, live auf der Bühne zu spielen – der Kontakt zum Publikum?
Es ist das Beste, was einem Menschen passieren kann. Eine Abwesenheit, ein Sich-selbst-Vergessen, das gleichzeitig eine extreme Präsenz ist. Alles verbindet sich zwischen uns, geht durch das Publikum und kommt zurück, das ist eine unglaubliche Erfahrung.
Was sind eure Pläne? Worauf freut ihr euch am meisten?
Spielen, spielen, spielen: Im Juni haben wir drei Konzerte in Paris und eins in Freiburg. Danach würden wir gern eine Tour durch Deutschland machen und anschließend auch etwas durch Europa touren.

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