ELENDE LEIBER – das sind Alex, Jules und Joaquin. Für das Leipziger Trio ist Musik vor allem ein Ventil: eine Möglichkeit, Dinge auszudrücken, ohne reden zu müssen. Geprägt von unterschiedlichen musikalischen Zugängen entstehen ihre Songs im rohen DIY-Prozess. Inhaltlich bewegt sich die Band zwischen Vergänglichkeit, gesellschaftlichen Widersprüchen und existenziellen Fragen. Im Gespräch geben ELENDE LEIBER Einblicke in die Entstehung des Projekts, ihre Arbeitsweise im DIY-Setup und die Erfahrungen und Einflüsse, die ihre Musik zwischen Leipzig, Isolation und gesellschaftlichen Spannungsfeldern prägen.

Wer verbirgt sich hinter Elende Leiber? Wie habt ihr euch kennengelernt? Wie ist euer Projekt entstanden?
ELENDE LEIBER sind momentan Alex, Jules und Joaquin. Gegründet wurde die Band von Alex und Ralf, die sich auf der Suche nach Leuten für ne Black Metal Band auf Facebook kennengelernt hatten. Zusammen sind sie durch Leipzig gestreunt und haben neben Suff und Studium noch viel Have A Nice Life gehört und entsprechende Musik fabriziert. Daraus entstand dann ELENDE LEIBER. Nachdem Ralf raus war, sind Jules und Joaquin dazu gekommen. Wir haben erst Slowcore gemacht und um 2023 auf ne bisschen elektronischere Schiene gewechselt.
Was verbindet euch?
Wir sind alle Weirdos. Und wir haben vermutlich eine recht ähnliche Sicht aufs Leben.
Was bedeutet euer Bandname für euch, und wie ist es zu dieser Wahl gekommen?
Der Name stammt von einem Victor-Hugo-Zitat: „Im Elend drängen sich die Leiber zusammen wie in der Kälte, doch die Herzen entfernen sich voneinander.“ Stark oder? Und passt zu uns. Ihr solltet uns mal live sehen.
Was sind eure ersten musikalischen Erinnerungen? Woher kommt euer Interesse und die Faszination für Musik?
Unterschiedlichst! Jules sammelte erste bewusste und eigenständige Musikerfahrungen mit Metal im frühen Teenageralter. Für Alex waren es Point-and-Click-Videospielmusik und Klassik, weil seine Eltern studiert haben. Joaquin wurde von klein auf gezwungen, ein Instrument zu lernen. Musik hören und Musik machen sind aber zwei verschiedene Paar Schuhe. Wir nutzen das Musikmachen als ne Art Ventil. Man kann damit Sachen sagen, ohne reden zu müssen.
Was ist Klang für euch?
Klang ist, wenn Luft sich bewegt. Am besten laut.
Welchen Einfluss hat eure Umgebung auf eure Musik? Aus welcher Stimmung heraus entstehen für euch die besten Musikstücke?
Es sind recht viel Studentenelend, Misere und lange Stunden in schummerigen Spelunken eingeflossen. Für Alex, der die Texte schreibt, ist ELENDE LEIBER unter seinen 16 Projekten auch dasjenige, das hinter zehn Metaphern versteckt die persönlichsten Texte hat. Was die Stimmung angeht, spielen Isolation, Taubheit und Ohnmacht die größte Rolle. Richtig etwas damit machen kann man aber erst, wenn man wieder aus dem Loch raus ist.
Wie inspiriert Leipzig, die Stadt in der ihr lebt, eure Musik? Inwieweit inspiriert euch urbane Kultur und ggf. die Auseinandersetzung damit?
Seit wir vor beinahe zehn Jahren nacheinander hierhergezogen sind und es für uns alle die erste Stadt war, in der wir außerhalb des Elternhauses gelebt haben, ist Leipzig schon zu einem merkwürdigen, stressigen Teil von uns und unserer Musik geworden. Vor der Pandemie sind wir teilweise viermal die Woche trinkend durch die Stadt gelaufen und an bizarrste Leute und Orte geraten. Gleichzeitig konnte man sich im Alltag, der sich zwischen Studentenjob und Bahnfahren einstellt, sehr stumpf und allein fühlen. Und die Gentrifizierung schlägt mit voller Wucht ein. So viele tolle selbstorganisierte Läden an anthrazitfarbene Hotelbauten verloren. Klar fließt das alles irgendwie mit rein.
Was sind für euch thematische Inspirationen, die ihr auch in euren Texten verarbeitet?
Auseinandersetzung mit dem unvermeidbaren Ende aller Dinge, seien es Leben, Beziehungen, Sachgüter oder Gefühle. Streit mit Gott, ähnlich wie es ein vernachlässigtes Kind in einem Brief, auf den es nie eine Antwort geben wird, machen würde. Außerdem der sich beschleunigende Kapitalismus, der immer schneller den Menschen ersetzt, anstatt umgekehrt. Die Zukunft, die wie eine brennende Lokomotive mit Vollgas in einen bodenlosen Abgrund stürzt (lest Mark Fisher, er hatte recht). Der Ruin einer überkomplizierten, übervernetzten und unberechenbaren Welt, und die eigene Taubheit darin.
Manchmal auch traurig aussehende Wolken – und Okkultismus. Ein Freund von uns hat mal auf ner Afterhour Satan getroffen, der ihm erzählte, er hätte nen Impfschaden. Solcherlei passiert in Leipzig.
Wie findet ein neuer Song seinen Anfang bei euch? Was bringt den Stein ins Rollen, und wie entwickelt sich daraus schließlich ein fertiges Stück?
Wir senden uns meist halbgare Handydemos hin und her, bis irgendwann jemand den Arsch hochkriegt und die Sachen richtig aufnimmt. Da wir alles in den eigenen Wohnungen machen, klingt es entsprechend körnig. Aber wer hat heutzutage noch Geld für Studiostunden? DIY or die.
Welche künstlerischen Einflüsse außerhalb der Musik haben eure Herangehensweise an eure Musik beeinflusst?
Da sind wir nicht kunststudentisch genug, um hier ordentlich Namen nennen zu können. Aber paar kriegen wir hin. Neben bildender Kunst sind primär Filme und Ausgeburten der Philosophie unsere Haupteinflüsse. Vermutlich Goya, Doré, die Filme von Adam Curtis, die Werke von Deleuze, Mainländer, Plath – sowas halt. Alle gut.

In welcher Beziehung steht und/oder repräsentiert der visuelle Aspekt eure Musik?
In den Artworks schauen wir schon, dass die Motive die Musik ergänzen. In der letzten EP-Trilogie haben wir uns viel auf die Schwerter-Reihe der Tarot-Karten bezogen, die u.a. für Konflikte stehen. Sonst halten wir Layouts aber eher schlicht und trist.
Live wollen wir ne Ergänzung zu unserer Musik bieten – in Form von etwas Licht, Nebel und Gezappel.
Was bedeutet es für euch live auf der Bühne zu spielen / der Kontakt zum Publikum?
Spielen ist nett. Ein ordentlicher Weg sich selbst für ne Dreiviertelstunde etwas zu vergessen. Wir können aber nur schlecht mit Lob umgehen und stehen meist nur peinlich rum, wenn jemand sagt, dass es ihm gefallen hat.
Was sind eure Pläne? Worauf freut ihr euch am meisten?
Wir machen grad ein neues Album. Neue Songs spielen = gut. Und paar Shows stehen ja auch noch an.
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