„Musik ist etwas, was mich bewegt, was mir Zuflucht gibt und was mich tröstet.“
The New Solarism ist das Soloprojekt der in Gdańsk geborenen Geigerin und Komponistin Izabela Kałduńska. In ihrer Musik verwebt die heute in Leipzig lebende Künstlerin klassische Violine mit elektronischen und experimentellen Geräuschen, Klängen, gesprochenen Worten und Gesang zu einzigartigen und einhüllenden Klang(t)räumen, denen man sich nicht entziehen kann. Ende Januar ist das neue Musikvideo „The Kiss Suite“ erschienen. Es beinhaltet vier emotionale und eindringliche Musikstücke aus dem kommenden Album The Kiss, dass für Ende März geplant ist. Wir sind schon sehr gespannt auf Izabelas drittes Studio-Album und freuen uns darauf!

Foto: © Brave Boy Studio
Wie ist dein Musikprojekt The New Solarism entstanden? Wie bist du auf deinen Namen gekommen, und was bedeutet er für dich?
Erstmal war das Projekt nur für meine Schublade gedacht. In unseren Neue-Musik-Unterrichtsstunden haben wir uns neue Spieltechniken angeschaut, darunter auch eine Loopstation. Jeder durfte sie kurz ausprobieren. Danach wollte ich dieses Gerät unbedingt zu Hause haben – als „Spielzeug“, zur Abwechslung. Damals habe ich noch sehr viel in Orchestern und verschiedenen Ensambles gespielt. Aber ich wollte auch etwas Eigenes ausprobieren, unabhängig von anderen Musikern. Als ich dann mehrere Ideen für kleine Musikstücke hatte, habe ich sie meinen Mitbewohnern vorgespielt – als kleines Liegekonzert bei uns in der WG. Danach habe ich immer öfter an verschiedenen kleinen Orten und Galerien in Leipzig gespielt. Mein erstes öffentliches Konzert war im Frühling 2018 in der Galerie NuR.
Und der Name? Als Musik-Trio (das es heute nicht mehr gibt) hatten wie damals mit einer Bandnamen-Suchmaschine nach einem passenden Namen gesucht. Unter den besten Ergebnissen war auch „The New Solarism“. Das Trio nannten wir schließlich Chronon, aber „The New Solarism“ konnte ich nie vergessen – es hatte für mich dieses gewisse „Etwas“. „Solarism“ ist ein englisches Wort für eine „Interpretation von Volksgeschichten und alten Legenden als Erklärung für das Wesen und die Wirkung der Sonne“. „The New Solarsim“ wäre also für eine neue Erklärung dessen, was die Sonne ist und wie sie entstanden ist. Das lässt sehr viel Raum für Träume, und jeder kann natürlich seine eigene Vorstellungen entwickeln und eine neue, verrückte Theorie erschaffen. Ich denke, das trifft den Charakter meiner Musik sehr gut.
Was sind deine ersten musikalischen Erinnerungen?
Ich habe ein paar vage Erinnerungen aus meiner musikalischen Früherziehungsgruppe, da muss ich etwa vier Jahre alt gewesen sein. Der Fußboden war aus Holz, und es gab ein Podest, auf dem das Klavier stand. Die Lehrerin empfahl meiner Mama, mich in die Musikschule zu bringen, weil ich ein sehr gutes Gehör hatte. Mit fünf Jahren kam ich dann in die Musikschule. Ich kann mich noch an das erste Treffen erinnern, bei dem mir die Direktorin alle Instrumente zeigte, die man lernen konnte. Ich sollte mir zwei aussuchen und entschied mich zunächst für Klavier und Blockflöte. Ein Kind, das dort gerade auf der Geige gespielt hat, quietschte so unerbittlich darauf, dass ich erstmal gar keine Lust auf Geige hatte. Wir hatten schon in der Vorschulgruppe damals dreimal pro Woche Instrumentalunterricht, Rhythmik-Gruppenstunden und Chor. Ich hatte in der Tat ein absolutes Gehör und konnte immer alle Töne erraten, was die anderen Kinder oft etwas neidisch machte. Die Lehrerin musste für mich immer schwierigere Aufgaben als für die Gruppe vorbereiten, damit ich etwas zu tun hatte. Dreimal im Jahr gab es eine Prüfung in Form eines Klassenkonzertes, und einmal pro Jahr fand ein feierliches Schulkonzert im Alten Rathaus in Gdańsk statt, bei dem sich alle Klassen, Instrumente und Ensembles präsentierten. Ich war bis zur vierten Klasse in dieser Schule. Als ich klein war, sind meine Mama und ich immer gerne in verschiedene Kinderkonzerte oder sogar in die Oper gegangen, um zum Beispiel die Ballette von Tschaikowsky zu bewundern.
Als Siebenjährige hast du angefangen Geige zu spielen, und Musik ist immer noch dein Lebenselixier. Wie ist es zu dieser Leidenschaft gekommen?
Das weiß ich nicht mehr genau, wahrscheinlich habe ich einen guten Geiger im Fernsehen oder bei einem Konzert gehört. Kurz darauf stand ich vor meiner Mama und habe ihr gesagt, dass ich unbedingt Geige spielen lernen müsse. Ich könnte ihr nie verzeihen, wenn sie es nicht erlauben würde; es war für mich lebenswichtig. Zu meinem und ihrem Glück hat sie es erlaubt.

Foto: © Brave Boy Studio
Was ist Klang für dich?
Alles was man hört – vom eigenen Herzklopfen beim Einschlafen über das Grollen eines Vulkanausbruchs bis hin zu Feuerwehrsirenen. Jeder Gegenstand hat seinen eigenen Klang, und wenn man genau hinhört, ist Musik die ganze Zeit um uns herum.
Wie würdest du deine Musik beschreiben, wenn du keine musikalischen Begriffe verwenden dürftest? Wie klingt deine Musik?
Sie ist wie ein Gefühl, das langsam in einer Ecke unserer Seele entsteht, und erst nach einer Weile erkennen wir, worum es sich genau handelt. Manchmal wissen wir das bis zum Schluss nicht. Am Anfang ist sie wie ein kleiner Tropfen und entwickelt sich zum Sturm. Manchmal ist sie wie ein Bild aus der Erinnerung, das man auf ewig bewahren möchte, aber man weiß, dass es langsam verblassen wird. Wie ein blendender Sonnenstrahl oder ein langer Blick in den tiefsten Abgrund des Ozeans.
Welchen Einfluss hat deine Umgebung auf deine Musik? Wie inspiriert Leipzig, die Stadt, in der du heute lebst, deine Musik?
Leipzig ist eine sehr musikalische Stadt mit einer sehr alten und weltbedeutenden Musiktradition. Die Stadt ist geprägt von den vielen Komponisten, die hier gelebt und gearbeitet haben. Ich bin hierher gezogen, um Geige zu studieren, und ich konnte es mir wirklich nirgends besser vorstellen – es hat genau richtig für mir gepasst. Ich habe unglaublich viel gelernt, mich inspirieren lassen und gearbeitet. Ich lernte Musiker aus der ganzen Welt kennen und arbeitete mit ihnen an vielen unterschiedlichen Projekten zusammen. Anfangs war es vor allem klassische Musik und alte Musik, später jedoch immer mehr zeitgenössische Musik, Jazz, experimentelle Musik und freie Improvisation. Hier hatte ich die Möglichkeit, bei so vielen Musikrichtungen mitzuwirken: Rap, elektronische Musik, Rock, Metal – einfach alles Mögliche. In den letzten Jahren hat Leipzig einen Kulturboom erlebt, fast schon ein Überangebot. Man kann fast jeden Tag ein interessantes Konzert oder eine Veranstaltung besuchen. An manchen Abenden scheint die Kunst förmlich in der Luft zu hängen, und man kann sie auf dem Weg vom Gewandhaus zur geheimen Jamsession in der Eisenbahnstraße beinahe einatmen. Viele Bekannte von mir arbeiten ähnlich wie ich: als freiberufliche Musiker mit eigenen Soloprojekten. Hier fühle ich mich nicht alleine.
Wie wichtig ist die Natur für dich? Welche Rolle spielt die Natur in deinem Leben und in deiner Kunst?
Natur ist für mich unglaublich wichtig und liegt mir sehr am Herzen. Menschen sind natürliche Wesen, und deshalb versuche ich, in möglichst vielen Bereichen meines Lebens die Balance zwischen Natur und Zivilisationsfortschritt zu finden. Sei es bei der Ernährung, in Naturschutzprojekten, die ich unterstütze, im Kontakt mit Tieren, meinem Schlafrhythmus, der Wahl von Kleidung und Kosmetik, der Bewegung an der frischen Luft, beim Sport, bei Ausflügen aus der Stadt, mit Zimmerpflanzen oder den Dingen, mit denen ich mich umgebe. Der Natur habe ich einige Stücke meiner Alben gewidmet: „Phothosynthesis“ (entstanden während einer Phase, in der ich sehr viele Sprossen gezüchtet habe), „Snow // I Recognize myself again“ (ein Spaziergang alleine im winterlichen Wald beim ersten Schneefall des Jahres), „Chestnut tree“ (inspiriert vom Anblick blühender Kastanienbäume in der Nacht, bei starkem Regen). Oft nenne ich meine Stücke nach Elementen in der Natur, wie z.B. Erdbeben, Sonnenblume, Winterschlaf, Sommer. Ich glaube, wenn wir die Natur um uns herum genau beobachten, können wir ein Teil von uns selbst darin wiedererkennen und uns immer besser verstehen. Natur bleibt immer atemberaubend, egal wo man sich auf der Erde befindet. Natur erinnert uns immer an das Gute.
Welche künstlerischen Einflüsse außerhalb der Musik haben deine Herangehensweise an deine Musik beeinflusst?
Die Arbeit von David Lynch – wie er über seine Filme, den kreativen Prozess und das Leben spricht, sein Kurzfilm „The Rabbits“ und die Serie „Twin Peaks“. Lynch selbst verweist darauf, dass er sehr stark auf seine Intuition hört und das Traumhafte sowie das Unerklärliche gerne nutzt.
Die Bücher von Bruno Schulz, „Die Zimtläden“ und „Das Sanatorium zur Sanduhr“. Bruno Schulz hat eine besondere Art, die Welt zu betrachten und zu beschreiben – surreal, expressiv, verträumt. Er erlaubt sich oft, den Faden zu verlieren oder eine Geschichte einfach offen zu lassen, ohne sie zu Ende zu erzählen. Seine Texte sind autobiografisch inspiriert, und er versucht seine Kindheitserinnerungen in eine fast mythologische Dimension zu verwandeln, um allen Geschehnissen einen tieferen Sinn zu geben.
Die Malerei von Zdzisław Beksiński – die ungeheuerlichen, rätselhaften Szenen, mit so vielen Details und mit einer unglaublich guten Technik gemalt. Er sagte, dass er seinen Gemälden nie einen Titel gab, weil er überzeugt war, dass sie von jedem Betrachter beliebig interpretiert werden sollten. Das wünsche ich mir auch für meine Musikstücke, dass sich jeder Zuhörer dazu einen eigenen Film im Inneren vorspielen kann.
Für dieses Jahr hast du vier neue Singles und ein neues Album mit dem Titel „The Kiss“ angekündigt. Was kannst du uns darüber schon erzählen? Wie entsteht deine Musik? Wer unterstützt dich bei der Umsetzung?
„The Kiss“ ist ein Album mit Musik, die ich am Anfang der Corona-Zeit geschrieben habe. Es ist Theatermusik, die ich für das Projekt „Der Kuss in Theorie und Praxis“ von Tomas Blum komponierte. Ursprünglich sollte es ein Online-Theaterstück mit zwölf Folgen werden, doch am Ende haben wir nur sechs geschafft, und das gesamte Projekt geriet im Corona-Chaos in Vergessenheit. Das Album besteht aus zehn Stücken, die nach zehn Gefühlen benannt sind und das Spiel der Schauspieler unterstützen sollten. Ich wollte die Musik noch mal in Studioqualität und in einem Albumformat aufnehmen, was ich im Sommer 2023 mit Kai Kauerhof in seinem Studio in Leipzig umgesetzt habe. Derzeit arbeite ich an der Veröffentlichung, der Release-Tour und den letzten Mastering-Schliffen. Wenn alles gut läuft, erscheint die erste Single am 28. Februar und das gesamte Album am 28. März. Zu den Singles gibt es ein Musikvideo, das ich im polnischen Łódź mit dem Brave Boy Studio gedreht habe. Es wird bereits am 31. Januar auf meinem YouTube Kanal zu sehen sein. Eine Vinyl-Version des Albums wird es ebenfalls geben. Das ist meine dritte Solo-Schallplatte! Sie wird, so wie mein bereits veröffentlichtes Merch, auf meiner Bandcamp-Seite erhältlich sein.
Welcher Moment hat dich als Künstlerin am tiefsten berührt?
Es sind immer wieder diese Momente, wenn Leute aus dem Publikum nach einem Konzert zu mir kommen und mir sagen, dass sie etwas ganz Besonderes erlebt haben. Sie erzählen, dass sie eine Geschichte oder einen Film vor ihrem inneren Auge gesehen haben, oder dass sie weinen mussten, weil die Musik so intensive Gefühle bei ihnen auslöste. Einmal kam nach einem Konzert ein blinder, älterer Mann zu mir und sagte, dass er während meiner Aufführung weite Felder mit wunderschönen, farbigen Blumen gesehen habe – wie aus dem Paradies.
Was bedeutet es für dich Musik zu machen? Gibt es noch andere Projekte, in die du so viel Kreativität und Leidenschaft steckst?
Musik ist für mich ein sehr wichtiger Teil in meinem Leben. Musik ist etwas, was mich bewegt, was mir Zuflucht gibt und was mich tröstet. Sie bleibt immer spannend und bereitet mir immer Freude. Musik hat mich in meinem Leben an Orte und zu Menschen gebracht, die ich ohne Musik nie kennengelernt hätte, und sie hat mich immer weiter getragen, in guten wie in schlechten Zeiten. Manchmal ist Musik für mich fast wie Atmen – sie macht mich lebendig, neugierig, aufmerksam. Sie verlangt von mir 100 % Fokus und das Maximum meiner Fähigkeiten.
Es gibt noch zwei weitere Musikprojekte, die mir sehr am Herzen liegen: meine Balkan Band „Herje Mine“, mit der wir schon seit zehn Jahren eine Art transkultureller Musik schaffen, die von Osteuropa, dem Nahen Osten und der Karibik inspiriert ist. Das andere Projekt ist ein Duo mit der sorbischen Sängerin Walburga Walde, mit der ich traditionelle sorbische Lieder auf eine neue Weise interpretiere, sie mit Jazz und experimenteller Musik vermische und neue Lieder zu alten sorbischen Texten erschaffe. Eine weitere Leidenschaft von mir ist das Unterrichten von Musik. Ich habe in meinem Leben so viel gelernt und von so vielen Lehrern und Professoren wertvolles Wissen mitnehmen können, dass es für mich selbstverständlich ist, dieses weiterzugeben.
Was sind deine Pläne? Worauf freust du dich am meisten?
Als erstes steht die Veröffentlichung meines Albums „The Kiss“ an. Diese beginnt mit dem Video-Release Ende Januar. Danach folgt die Release-Tour mit neun Konzerten. Das erste Konzert findet am 7. Februar in Dresden in der Blauen Fabrik statt. Darauf bin ich sehr gespannt und freue mich riesig! Weitere Stationen der Tour sind Passau, Düsseldorf, Essen, Wuppertal, Polenz, Erlbach, Weimar und Leipzig. Ich hoffe, durch die Tour neue Kontakte zu knüpfen, und glaube, dass dieses Album mein Projekt auf eine neue Ebene bringen wird. Ich werde mich mit dem neuen Material bei Festivals bewerben und hoffe auch, bald wieder an einer Theaterproduktion mitwirken zu können oder vielleicht sogar wieder an einem Film-Soundtrack. Außerhalb des „The New Solarism“-Universums werde ich mit meiner Band „Herje Mine“ dieses Jahr unser zehntes Jubiläum feiern, mit dem Hauptkonzert am 10. Mai im Horns Erben in Leipzig. Außerdem arbeite ich mit Walburga an einem neuen Album. Wir wollen acht sorbische Gedichte von Mina Witkojc vertonen und noch in diesem Jahr veröffentlichen.
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