Schöne heile Welt?
Natalie Heller Mills wollte schon als junges Mädchen nicht so werden wie alle anderen. Eine oberflächliche, törichte Frau mit einem belanglosen Job und einem langweiligen Ehemann. Sich dann dabei zwischen Kindern, Küche und Karriere aufzureiben, und das wars. So wurde sie zu einer Vorzeigefrau, die alles stemmen kann, was sie will: die perfekte Tradwife. Noch mit weit unter 30 Jahren hat sie einen attraktiven Ehemann, fünf perfekte Kinder, eine Bilderbuchfarm. Alles gelingt ihr, ob es das Sauerteigbrot ist oder ihren Mann bei der Stange zu halten.
Doch eines Morgens erwacht sie frierend in der Dunkelheit unter einer fadenscheinigen alten Decke.
Die Ranch steht am selben Platz, Caleb, ihr Mann, ist auch da, wenn auch anders, und auch ihre Kinder sind wohl hier. Bloß: Wo ist alle Bequemlichkeit der Moderne hin, wieso ist alles schäbig, grau, anstrengend und lieblos? Natalie, die ihren Millionen von Followern das perfekte Leben einer Tradwife vorführt, ist völlig durcheinander. In Wirklichkeit hat sie ihr Leben auf der Farm natürlich auch nicht so pur und rein und ohne jede Hilfe geschafft. Für die Posts in den sozialen Medien werden die technischen Hilfsgeräte und Leiharbeiter versteckt, und keine der zwei Nannys darf auf einem Bild erscheinen. Jetzt hat sie ihr pures Leben, völlig ungeschönt!
Die Geschichte entwickelt sich in eine Richtung, mit der ich überhaupt nicht gerechnet hätte, und sie bleibt bis zum Schluss außerordentlich spannend. An alles hätte ich gedacht, aber nicht an dieses Ende, mir bleibt der Mund offen stehen.
Kaum ein Buch wird momentan so viel diskutiert wie Yesteryear – und das nicht ohne Grund. Der Roman greift den aktuellen Tradwife-Trend auf, der vor allem über Social Media Millionen Menschen erreicht: perfekt inszenierte Bilder von Landleben, Familie und traditionellen Rollenbildern. Genau diese Fassade stellt Caro Claire Burke eindrucksvoll in Frage. Dabei hat sie einen modernen, flotten Schreibstil, schreibt bissig und böse. Sie lässt ihre Protagonistin fluchen und schlimme Dinge denken, die sie dann mit kurzen Stoßgebeten zu Gott abmildert. Wie im Lauf der Geschichte Natalies sorgfältig aufgebaute Welt zu bröckeln beginnt, wie Schein und Wirklichkeit verschwimmen, wie Social Media, Selbstinszenierung und gesellschaftliche Erwartungen miteinander verbunden werden, das macht alle Figuren sehr interessant. Als dieses andere Leben noch ins Spiel kommt, kann man das Buch kaum mehr weglegen. Yesteryear, ein Buch, über das man auch nach der letzten Seite noch eine Weile nachdenkt.
5/5
Caro Claire Burke – Yesteryear
Übersetzer*innen: Dietlind Falk, Lisa Kögeböhn
Heyne Verlag, 29. April 2026
464 Seiten
Gebundenes Buch 24,00 Euro
(230)


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