Ein Haus voller Geheimnisse
Die Psychiaterin ist inzwischen das dritte Buch, das ich von Freida McFadden gelesen habe. Ihre Thriller sind leicht zu lesen, leben von vielen Dialogen und einem hohen Tempo. Manche Dinge wiederholen sich für meinen Geschmack ein wenig – bestimmte Figurenkonstellationen oder Charaktere kommen einem bekannt vor. Das stört mich aber nicht wirklich, denn wenn ich zu einem McFadden-Roman greife, weiß ich inzwischen ziemlich genau, worauf ich mich einlasse.
Im Mittelpunkt steht hier Tricia, die erst seit sechs Monaten mit Ethan verheiratet ist. Gemeinsam wollen sie ein abgelegenes Haus besichtigen, das sie vielleicht kaufen möchten. Ganz wohl ist Tricia dabei allerdings nicht. Das Haus gehörte der bekannten Psychiaterin Dr. Adrienne Hale, die dort vor drei Jahren spurlos verschwand.
Seitdem geht man davon aus, dass sie ermordet wurde. Allein dieser Hintergrund verleiht dem Haus von Anfang an eine unheimliche, beklemmende Atmosphäre. Als Tricia und Ethan dort ankommen, zieht ein heftiger Schneesturm auf. Schon nach kurzer Zeit sind sie von der Außenwelt abgeschnitten. Ohne Handyempfang und ohne die erwartete Maklerin müssen sie die Nacht in dem verlassenen Haus verbringen. Schon von den ersten Seiten an hatte ich ein ungutes Gefühl. Das verlassene Haus, das riesige Porträt der ehemaligen Besitzerin und die bedrückende Atmosphäre haben mich sofort gepackt. Als Tricia schließlich einen geheimen Raum mit Tonbandaufnahmen von Dr. Hales Therapiesitzungen entdeckt, beginnt sie auf eigene Faust nach Antworten zu suchen. Von da an entwickelt sich der Roman zu einem echten Pageturner. Besonders gut gefallen hat mir, dass die Geschichte aus zwei Perspektiven erzählt wird. Neben Tricia kommt auch Dr. Adrienne Hale selbst zu Wort. Anfangs fragt man sich ständig, wie diese beiden Handlungsstränge zusammenpassen. Gleichzeitig beginnt man, fast jeder Figur zu misstrauen. Schon früh hatte ich das Gefühl, dass weder Ethan, der zunächst wie der perfekte Ehemann wirkt, noch Dr. Hale so eindeutig sind, wie es auf den ersten Blick scheint. Auch die ehemalige Psychiaterin bekommt im Laufe der Geschichte immer mehr Risse in ihrem Bild. Sie ist nicht nur die engagierte Ärztin, die sich aufopferungsvoll um ihre Patienten kümmert, sondern zeigt auch eine andere, weniger sympathische Seite. Immer wieder hatte ich eigene Theorien, wer welche Rolle spielt und was wirklich passiert sein könnte. Und ich lag mit meinen Vermutungen ziemlich daneben!
Genau das ist für mich die große Stärke von Freida McFadden. Sie versteht es, immer neue Zweifel zu säen und die Leser*innen auf falsche Fährten zu locken. Gerade wenn man glaubt, die Lösung gefunden zu haben, kommt die nächste Wendung. Vor allem das letzte Drittel hat mich richtig überrascht. Die Geschichte nimmt noch einmal mehrere unerwartete Richtungen. Ich saß oft da und dachte: „Wie bitte? Damit habe ich jetzt überhaupt nicht gerechnet.“ Wer literarisch anspruchsvolle Sprache sucht, wird hier vielleicht nicht vollständig glücklich. Wer aber einen spannenden Thriller lesen möchte, der sich flüssig wegliest und einen bis zum Schluss rätseln lässt, ist hier genau richtig. Freida McFadden schafft es immer wieder, am Ende völlig zu überraschen.
4/5
Freida McFadden: Die Psychiaterin
Übersetzer: Frank Dabrock
Heyne Verlag, 15. Juli 2026
336 Seiten
Taschenbuch 17 Euro
(206)

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