Der Arm eines Gummibärchens
„Wer von euch kann ein Rad?“ So kann man junge Mädchen, Kinder noch, anfeuern. So wurde und wird in Turnhallen nach ausbaufähigen Kunstturnerinnen gesucht. Die sportlichen kleinen Mädchen werden fit gemacht für Wettkämpfe, im besten Fall für Olympiaden. Doch was, wenn die Mädchen älter werden, ihr Gewicht nicht halten können, weibliche Formen bekommen? Wenn die Opfer nicht ausreichen, die sie ohnehin bringen müssen, wie keine Freundschaften haben, die Familie nicht sehen können, die ewigen schmerzhaften Routinen, womit hier auch die Turn-Übungen gemeint sind. Was sie sich einfallen lassen, um Hunger und Schmerz zu überlisten, wenn ein einzelnes Gummibärchen auf mehrere Tage rationiert wird: heute ein Arm, morgen ein Bein …
Die Magglinger-Protokolle in der Schweiz sorgten vor einigen Jahren für Erschütterung. Sportlerinnen hatten sich zusammengetan und wagten über ihre psychischen und physischen Misshandlungen in ihrem Sportzentrum zu berichten. Es folgten weitere Enthüllungen im Schweizer Sport. Immer mehr wurde auch der Öffentlichkeit bekannt, wie das Sportlerinnen-Leben seit Jahrzehnten aussehen kann. Zitate realer Turnerinnen werden in den Roman eingebaut. Ikonen wie Nadia Comăneci, Olga Korbut, Kerri Strug und Simone Biles kommen zu Wort. Sie berichten von einem System, von einem bösen Regime im Kunstturnen, das bis in die 1970er Jahre zurückverfolgt werden kann. Turnerinnen werden getriezt, gedemütigt, erhalten kein offenes Ohr, keine Hilfe. Es gibt nur den quälenden Alltag, bei dem die Turnerinnen auf jedes Detail achten müssen, nicht nur in ihren Übungen, sondern auch am Körper.
Son Lewandowski zeigt in ihrem Debüt-Roman, wie es hinter den glänzenden Fassaden des Leistungsturnens aussieht. Die perfekten Frisuren, der Glitzer auf den Gesichtern, das eingeübte Lächeln, der Applaus und die Traumnoten – und welchen Preis junge Athletinnen für ihren Traum zahlen müssen. Missbrauch, Mobbing und Übergriffe kommen zum Vorschein. Die Hauptprotagonistin ist Amik. Ihr Leben zählt sie in Olympia-Jahren, sie zählt auch ihre Übungen, ihre Wiederholungen, ihre Gramme vor und hinter dem Komma auf der Waage. Als junges Mädchen ist ihr all das leicht gefallen, doch als Frau wird alles anders. Die Aufmerksamkeit des Trainers schwindet, und dabei war das doch das Licht ihres Lebens. Eines Tages wird sie für einen Wettkampf nicht mehr zugelassen. Sie ist über 30 Jahre alt. Das junge Mädchen, mit dem sie ein Zimmer teilt, hat einen schweren Unfall. Diesem Mädchen zu helfen und dabei über ihr eigenes Leben zu reflektieren, hilft ihr etwas, aus den zerstörerischen Strukturen auszubrechen.
Dass Kunstturnen-Leistungssport nicht so schwerelos ist, wie es bei Wettkämpfen aussieht, ist sicher allen klar. Aber dass auch Missbrauchsstrukturen Routine sind, zusätzlich zur Quälerei, der sich die Sportlerinnen aussetzen müssen, war mir nicht bewusst. Schmerzhaft war das manchmal zu lesen. „Die Routinen“ ist ein eindrucksvoller, intensiver Roman, der geschickt Fakten und Historie mit einer Ich-Erzählung verbindet. Er erinnert daran, dass der Preis für Perfektion manchmal zu hoch sein kann.
Son Lewandowski lebt als Autorin und Kuratorin in Köln. 2023 wurde sie zum Klagenfurter Literaturkurs und der Autor*innenwerkstatt des LCB eingeladen. Mit „Die kurzen Karrieren“ stand sie in dem Jahr auf der Shortlist des Edit-Essaypreises. 2024 wurde sie durch das Spaltmaße-Stipendium der Jürgen Ponto-Stiftung gefördert, 2025 durch das Arbeitsstipendium der Kunststiftung NRW (Verlagsinfo).

Son Lewandowski: Die Routinen
Klett-Cotta, 17. Januar 2026
272 Seiten, gebundene Ausgabe
25 €
(355)

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