Glauben ist Macht

An einem nebligen, kalten Wintermorgen entdecken die Kinder Emma und Luca im holländischen Allemansend mitten in einem Tulpenfeld ein Schiffswrack. Die beiden schauen es sich aus der Nähe an und betreten das Schiff, die Orakel. Plötzlich ertönt die Schiffsglocke und Emma ist spurlos verschwunden, nachdem sie durch eine Luke ins Schiff geklettert ist. Irgendetwas in Luca hindert ihn daran, Emma zu folgen. Er holt Hilfe, alle Leute, die durch die Luke in das Schiff vordringen, kommen nicht wieder heraus. Das ruft eine niederländische Geheimorganisation namens November 6 auf den Plan. Zeugen werden an einen „sicheren“ Ort gebracht, eingehend befragt und von der Außenwelt abgeschnitten. Die Orakel wird geborgen und zu einem militärischen Waffenstützpunkt gebracht, wo sie eingehender untersucht werden soll. November 6 will Antworten und das zügig. Ihnen ist jedes Mittel Recht, um den Vorfall zu vertuschen. Sie schalten den Okkultismus-Experten Robert Grim ein. Für ihn steht fest – die Orakel ist nur der Anfang, hier sind noch ganz andere, größere Mächte am Werk.

Ich habe mich gefreut, dass der Plot in den Niederlanden spielt. Und ihr habt richtig gelesen: Robert Grim ist zurück. Alle, die Olde Heuvelts Hex gelesen haben, dürfte die Figur bereits bekannt sein. Hex muss jedoch nicht zwingend vor Orakel gelesen werden, das sind zwei in sich abgeschlossene Geschichten.
Aber: Es gibt viele Tote, davor ist man nicht gefeit. Mich stört, dass die Einteilung in gut und böse viel zu geradlinig vorgenommen wurde, das wirkt dann doch schon sehr stereotypisch, und einige Szenen sind doch etwas klischeehaft dargestellt (ich sage nur Holland – Schiff im Tulpenfeld). Innerlich habe ich auch kurz bei dem Namen der Geheimdienstorganisation November 6 aufgestöhnt, da sie wohl einen Querverweis auf Olde Heuvelts Vorgängerroman November darstellen soll. Dem Hauptprotagonisten Luca und Robert Grimm bin ich trotzdem sehr gerne gefolgt, Luca ist nicht von der Stereotype so eingenommen worden. Im Gegensatz zu November war bei Orakel der Epilog besser aufgebaut und das Ende hat mir viel besser gefallen. Einige Nebenschauplätze sind interessant, allerdings hätte man auch hier ein wenig kürzen können. Und es bleibt nicht nur wegen der kurzen Kapitel spannend, und der Spannungsbogen kann gut gehalten werden. Olde Heuvelt schafft es wieder einmal, tolle Atmosphären zu kreieren und einen schön zum Gruseln zu bringen. Ein weiteres Talent des Autors ist es, so zu beschreiben als wäre man hautnah dabei, was besonders beim großen Finale auf einer Bohrinsel von Vorteil ist, wo sich die beiden großen Mächte gegenüberstehen.

Orakel ist tolle Gruselliteratur, ich fühlte mich trotz der etwas zu eindimensional ausgelotenen gut/böse Skala sehr abgeholt, wollte immer dran bleiben und herausfinden, wie die Geschichte ausgeht. Ich würde mir wünschen, dass im nächsten Roman mit ein paar mehr Grauschattierungen gearbeitet wird.

:buch: :buch: :buch: :buch: :buch2:

Thomas Olde Heuvelt: Orakel
Übersetzung aus dem Englischen von Julian Haefs
Heyne/Pengiun House​, Vö. 12.02.2025
656 Seiten
18 EUR

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