Klang gewordene Entfremdung

„End transmission.“ Mit diesen beiden Worten endet einer der Posts, mit denen Laura Morgan die Veröffentlichung ihres Projekts LIVMØDR, The Greatest Indifference, begleitet. Das  Album klingt wie eine letzte Übertragung aus einer Welt, in der die Verbindung zwischen den Menschen verloren geht. Der Titel beschreibt einen ähnlichen Zustand, in dem Mitgefühl und Verbundenheit von Entfremdung und Gleichgültigkeit verdrängt werden. Laura nennt das „emotionale Entropie“ – einen langsamen Verlust dessen, was Menschen miteinander verbindet. Das Album macht diesen Zustand über Klang erfahrbar: Verdichtung und Unruhe treffen auf fragile Momente, in denen Nähe noch für einen Augenblick spürbar scheint.

Livmodr

„Conclusion Protocol“ eröffnet das Album, und bereits hier wird hörbar, wie brüchig diese Verbindung ist. Das Klangbild verdichtet sich zu einem weit in die Ferne reichenden Klangraum, aus dem immer wieder monotone Sprachsequenzen hervorbrechen, begleitet von LIVMØDRs klagenden Vocals im Hintergrund. Es klingt wie ein gebrochener Dialog, in dem sich einzelne Fragmente nur für kurze Momente zu einem Ganzen fügen. Ton für Ton baut sich ein hallendes Klanggebilde auf, bis die gesprochenen Worte zum Ende hin immer klarer hervortreten, bevor alles in sich zerfällt und schließlich in elektronischer Stille verhallt. „High Value Female“ bringt mit kratzigen Rhythmen und statischem Rauschen Bewegung und Reibung ins Klangbild. Wenn das elektronische Rauschen leiser wird, erklingt in Ansätzen eine pochende Melodie, und in den sphärischen Vocals, die durch die poröse Oberfläche dringen, möchte man verweilen. In „The Pit“ wird dieses Spannungsfeld besonders unmittelbar. Ein hypnotischer Puls treibt den Track an. Der Rhythmus pulsiert mechanisch, während eine raue, zerbrechliche Melodie präsent ist. LIVMØDRs einhüllende Vocals setzen dazu einen schwebenden Gegenpol. Ein flirrender Song mit enormer Sogwirkung und Gänsehautpotential.

Nach dem treibenden „The Pit“ entfaltet „Ares‘ People“ seine Wirkung auf ganz andere Weise. Der Track ist ruhig, schwebend, fast schwerelos, zugleich liegt eine tiefe Melancholie darin. Trotz seiner Ruhe wirkt der Song beinahe ausweglos. Dabei muss ich an „Pyrosomes Ostinato“ von Øx denken, die Zusammenarbeit von LIVMØDR und Majestoluxe. Auch dort entsteht aus hallgetränkten Texturen und eindringlichen Vocals eine ähnlich schwebende Atmosphäre. Während „Pyrosomes Ostinato“ noch einen Spalt für Licht und Trost offenlässt, scheint dieser Spalt in „Ares‘ People“ noch schmaler zu sein. Kontrastreicher könnten „Ares‘ People“ und „Take the Eyes First“ kaum sein. Elektronische Schichten, Geräusche und rhythmische Impulse verbinden sich zu einer finsteren Klangcollage. Grau, metallisch und beklemmend verändert sich die Atmosphäre und wird deutlich unmittelbarer und rauer.  Den Abschluss bildet „A Source of Uncertainty“. Der längste Track des Albums öffnet den Klangraum noch einmal offen und endlos weit. Der Klang wirkt wärmer, Strukturen bauen sich auf, neue Klangflächen kommen hinzu; elektronisches Wellenrauschen, bis ein intensiver Schwebezustand entsteht. Die Reise endet ohne eindeutige Auflösung.

In unserem Interview (Link) vor einigen Jahren beschrieb Laura LIVMØDR als ihre musikalische Auseinandersetzung mit gesellschaftlichem und ökologischem Zusammenbruch – mit brennenden Wäldern, Leid und persönlichen Erfahrungen, aber auch mit Hoffnung. Zugleich sprach sie über den Wunsch, stärker zu experimentieren und neue Wege mit ihrem Sound zu gehen. Über einen langen Zeitraum hat Laura an The Greatest Indifference gearbeitet, vieles produziert und wieder verworfen. Am Ende ist eine EP entstanden, die wieder näher an den ursprünglichen LIVMØDR-Sound rückt. Frühe Elemente treffen auf eine weiterentwickelte, rauere Klangsprache. Besonders die Vocals geben den sechs Stücken ihre eigene emotionale Farbe. Mal kaum greifbar, mal rau, dann wieder fragil und verletzlich, werden sie immer wieder zu Momenten, die besonders berühren.

Wenn am Ende nur noch „End transmission“ bleibt, schließt sich der Kreis. Die Verbindung scheint abgebrochen. Doch ob sie endgültig verloren ist, lässt das Album offen. The Greatest Indifference ist roh, kantig, teilweise hypnotisch und unbehaglich, hat aber gleichzeitig faszinierende Klangmomente und eine ganz eigene Sogwirkung. Die Songs erfordern Aufmerksamkeit, belohnen sie aber mit einer Atmosphäre, die lange nachwirkt. Für mich ist The Greatest Indifference definitiv eine der interessantesten Veröffentlichungen des Jahres und eine meiner Lieblingsveröffentlichungen 2026.

5/5 

LIVMØDR: The Greatest Indifference
Bandcamp , Vö. 01. August 2026
Digitales Album: 72 SEK oder mehr

 

Tracklist:
01. Conclusion Protocol
02. High Value Female
03. The Pit
04. Ares‘ People
05. Take the Eyes First
06. A Source of Uncertainty

LIVMØDR auf Instagram / Facebook

 

(438)

0 Kommentare

Hinterlasse ein Kommentar

An der Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert