Dance through the darkness

Seit der ersten Edition 2018 ist das Katzenclub-Festival ein fester Termin im November (seit einigen Jahren hat es auch einen kleinen Ableger an Ostern bekommen), und wie jedes Jahr fahren die Veranstalter*innen ein großartiges Line-up auf – natürlich nicht nur beim Festival, sondern bei jedem Katzenclub. Newcomer, aktuell angesagte Namen, alte Helden, mal mit mehr Gitarre, mal elektronischer – die Mischung ist immer vielfältig. Nachdem Black Nail Cabaret letztes Jahr die Grippe einen Strich durch die Rechnung gemacht hat, sind die Ungarn dieses Jahr fit, auch sonst gibt es keine Änderungen in letzter Minute, weshalb einem spannenden Festivalabend mit anschließender Party nichts mehr im Weg steht.
DSC_0233Sogar die Deutsche Bahn spielt mit und transportiert mich auf die Minute pünktlich aus Berlin nach München, weshalb ich entspannt zu Hause die Fototasche holen und dann zum Feierwerk radeln kann. Erfreulicherweise sind auch schon einige Leute da, sodass das englische Duo debdepan in der Kranhalle vor ansehnlichem Publikum startet. Chelsea Tolhurst (Gesang, Gitarre) und Grace Bontoft (Gesang, Bass) aus Margate sind seit 2022 aktiv und spielen eine richtig coole und sehr erfrischende Mischung aus … ja, was eigentlich? Pop, Grunge, Alternative und Indie mit ganz viel Groove und auch einem Schuss Elektronik? Die Songs machen jedenfalls vom ersten Moment an richtig viel Laune und sind alles andere als „Oh no“ oder „Bad luck“, und Chelsea führt mit viel Witz und Charme durch den Auftritt. Die beiden sind gerade mit den Traitrs auf ihrer ersten Europatour und dementsprechend aufgeregt und freuen sich sehr über den begeisterten Beifall. Zum neuen Song „Stupid girl“, den debdepan am heutigen Abend zum ersten Mal live spielen, meint Chelsea augenzwinkernd: „It’s a song about me“ und „buy it so we can fly home“. Das klappt bestimmt, der Song ist klasse, und als das Set mit „Habit“ schließt, haben debdepan eine ganze Menge neuer Fans gewonnen. Ende November ist ihre aktuelle EP Lovers & others erschienen.

DSC_0272Genretechnisch ganz anders geht es in der Hansa 39 weiter, denn mit 2nd Face (ganz korrekt: 2̵n̵d̵ ̵f̷a̶c̴e̷) steht Maschinenlärm auf dem Programm, dystopische Klangwelten, die in Brachialität und Verfrickeltheit immer wieder an Skinny Puppy oder Front Line Assembly denken lassen, was aber nur Näherungswerte sind. 2014 von Vincent Uhlig in Mainz gegründet, haben 2nd Face bisher erst zwei Alben veröffentlicht, Nemesis aus dem Jahr 2017, utOpium kam dann 2023. Daraus setzt sich dann auch die Setlist zusammen, unter anderem ist nach Jahren mal wieder „Brother“ vom Debütalbum dabei. Vincent tobt ausdrucksstark über die Bühne, Martin Sane hält hochkonzentriert den Sound zusammen, Scheinwerfer zucken wie Blitze über das Geschehen, und eine mehr als ordentliche Portion Nebel gibt es auch (will heißen, man sieht nichts mehr). Hier gilt es, sich ganz von dem Klanggewitter mitreißen und von den Soundstrukturen hypnotisieren zu lassen. 2nd Face liefern eine eindringliche Show ab, die restlos überzeugt.

DSC_0445Wieder ganz anders geht es danach in der Kranhalle mit Emese Árvai-Illés und Krisztián Árvai weiter, Black Nail Cabaret aus Ungarn, die letztes Jahr krankheitsbedingt absagen mussten (wodurch aber zumindest der Ersatz Yakima Jera vor großem Publikum begeistern durfte, nachzulesen hier). Dieses Jahr passt alles, und die Leute drängen sich dicht vor der Bühne. Black Nail Cabaret gibt es seit 2008 – damals war neben Emese noch Zsófia Tarr Mitglied -, ihre Spezialität ist ihre unheimliche Eleganz, die aber auch mal sehr nachdrücklich und bestimmt sein kann und neben Emeses dunkler, warmer Stimme ein Markenzeichen der Band ist. Neben den berückenden Melodien und markanten Beats freut sich das kundige Publikum vor jedem Auftritt aber auch auf Emeses Outfit des Abends (und nein, darauf wird sie wie leider ja so viele Frauen nicht reduziert, bei ihr ist es integraler Bestandteil der Show und auch eine Komplettierung des Gesamterlebnisses Black Nail Cabaret). Heute kommt sie im schwarzen Oberteil und gleichfarbiger Hose mit einer Art Oktopusschmuck auf die Bühne, der sich über Brustkorb und Hals bis übers Gesicht erstreckt, das wiederum von einer wie ein Wurzelgeflecht wirkenden Maske verdeckt wird. Krisztián ist wie immer schlichter in Schwarz gekleidet und konzentriert sich voll und ganz auf den Sound. BNC bauen das Set langsam und eindringlich auf, „My home is empty“ und „My casual god“ geben zuerst den Takt vor, nach und nach legt Emese erst den Oktopus und die Maske ab und schüttelt irgendwann auch die hochgesteckten Haare aus (während sie sich immer wilder zu Songs wie „Darkness is a friend“ oder „No gold“ über die Bühne bewegt). Das fast schon aggressive „Neurons“ ist der perfekte Übergang zu „Teach me how to techno“, bei dem die Beats durch die Kranhalle wummern und das Publikum genauso versunken tanzt wie Emese. Das richtig alte „Veronica“ beschließt kurz darauf den Auftritt, der wieder einmal rundum wunderschön war und mit viel, viel Beifall honoriert wird, über den sich Emese und Krisztián gerührt freuen. (Ich persönlich hätte mich noch sehr über „A hegy“ gefreut, aber das ist wirklich Nörgeln auf sehr hohem Niveau.)

DSC_0686Musikalisch geht es – wer hätte es gedacht – ganz anders weiter in der Hansa 39, die kanadischen Traitrs stehen auf dem Programm, gern gesehene Gäste beim Katzenclub und durch fleißiges Touren auch mit stetig wachsender Fanschar. Dementsprechend voll ist die Hütte auch, den melancholischen, oft an The Cure erinnernden Post Punk/Cold Wave von Sean-Patrick Nolan und Shawn Tucker wollen gefühlt alle sehen. Eine tolle Kulisse für das Duo, das im düsterroten Licht zwar letztendlich wenig sicht-, aber dafür umso hörbarer ist. Nach „Oh ballerina“ vom Album Horses in the abbatoir spielen die beiden sich quer durch ihre Diskografie und sorgen mit Düsterperlen wie „Burn in heaven“, „Burnt offerings“ oder „The way through a bird’s love“ für mächtig Bewegung in der Hansa 39. Mitreißende Melancholie, zu der es sich hervorragend tanzen lässt.

DSC_0764Nach dem Post-Punk-Ausflug geht’s danach wieder zurück in elektronische Gefilde, das in Berlin lebende polnische Duo NNHMN steht für fast schon technoide Sounds mit lieblichem, leicht verhallten Gesang, die gnadenlos in die Füße gehen. Lee und Michal sind ebenfalls gern gesehene Gäste beim Katzenclub, das Publikum ist großteils mit ihrer Musik vertraut und sorgt von Anfang an für Stimmung. Lee strahlt charmant wie immer, tanzt bei Ohrwürmern wie „Der Unweise“, „Deception island“, „Magic man“ oder „Maybe late“ nahezu ununterbrochen über die Bühne und hält den Kontakt zum Publikum, während Michal in den elektronischen Rhythmen aufgeht. Auch hier ist verschärftes Tanzen angesagt, und am Besten hört man sich die Songs – wenn man sie zuvor nicht eh schon kannte – noch mal in Ruhe zu Hause an, live gehen die schönen Lyrics je nach Soundabmischung oft etwas unter.

DSC_0890Mit der nächsten Band geht es dann … nein, nicht ganz anders weiter, sondern es bleibt elektronisch und hochgradig tanzbar. Das seit zehn Jahren aktive tschechisch-französische Duo Years of Denial war erst vor einem halben Jahr mit Drab Majesty im ZIRKA, und es ist schön, Jerome und Barkosina so bald schon wieder zu sehen. Wobei auch hier die Lichtverhältnisse auf der Bühne echt schwierig sind, von Jerome sieht man hauptsächlich seine Hände, die über die unzähligen Geräte flitzen – was aber sehr, sehr spannend ist! -, und Barkosina tritt erst nach einer ganzen Weile aus den Schatten, als sie vorn am Bühnenrand tanzt. Auch hier gilt es also, sich von den teilweise deutlich härteren, kälteren (und fast schon industriellen) Sounds mitreißen zu lassen und zu Songs wie „Hide and sick“, „Affaire de coeur“ (beide von der aktuellen EP Love cuts, die Anfang September erschienen ist), „Art break“, „Dancing with demons“ oder „We are the party“ zu tanzen. Zwischendurch performt Barkosina mit einem Strumpf über dem Kopf, auch sonst ist die Show wie gewohnt ausdrucksstark. Auch hier gilt: Die Songs lohnen sich, zu Hause noch mal in Ruhe nachgehört zu werden, um alle Feinheiten herauszuhören.

DSC_0966Danach wäre es nach sechs intensiven Acts eigentlich Zeit für eine längere Pause (oder vielleicht auch einen Snack am japanischen Foodtruck), doch es steht noch ein Late-Night-Special auf dem Programm, also keine Müdigkeit vorschützen. Martin Sane und Victoria Chvikova laden als Fïx8:Sëd8 zu einem großen bisschen Horrorshow, wie schon die Aufbauarbeiten vor dem Auftritt zeigen. Der Skulpturenpark und die dabei verbrauchte Anzahl an Stacheln ist beeindruckend und auch bei voller Beleuchtung richtig gruselig, auch die Ständer für Victorias Soundgerätschaften passen perfekt ins dystopische Bühnenbild. Wer schon öfter Fïx8:Sëd8-Konzerte besucht hat, weiß, wie detailliert die Show immer ausgearbeitet ist, und man kann sich kaum vorstellen, wie viel Gedanken, Zeit und Leidenschaft in die Vorbereitungen fließen. Fïx8:Sëd8 präsentieren heute Abend ihr neues Album Octagram und werden ein Full Set von knapp 2h Länge spielen – das ist nach einem durchaus ereignisreichen Festivalnachmittag/-abend etwas gewagt, aber das Publikum wirkt noch fit und bereitwillig, Fïx8:Sëd8 auf ihrem von Musik illustrierten Weg durch das Horrorlabyrinth auf der Bühne zu begleiten. Die ganze Show in Worte zu fassen, ist unmöglich (zumal ich leider nicht bis zum Schluss bleiben kann), daher nur kurz: Es passiert viel. Manchmal wäre ein klein wenig mehr Licht schön gewesen, um gerade das, was am hinteren Bühnenende  passiert, auch sehen zu können, aber so kann man die eigene Phantasie spielen lassen – was vielleicht sogar noch gruseliger ist. (Wobei der Kinderwagen da schwer zu toppen ist.) Martin bewegt sich – in wechselnden Outfits und Masken – mit schweren Schritten über die Bühne, interagiert mit den Requisiten, erzählt dabei eine Geschichte voller Abgründe, die von außen im Detail vielleicht nicht verständlich ist, aber die entsprechenden Gefühle auslöst. Dystopische, industrielle Sounds – quer durch alle Alben, aber natürlich auch von Octagram – vervollständigen das Bild, die teils überlangen Songs erzeugen die passende Atmosphäre. Mal klaustrophobisch, mal tanzbarer, immer ein eigener Kosmos. Fïx8:Sëd8 live sind ein Erlebnis, auf das man sich allerdings auch einlassen können muss, um alles angemessen würdigen zu können.

Eine Party nach den Konzerten gibt es natürlich auch noch, auf der die Pagan DJs Michi und Tom, DJ Misanthrop, DJ Thono & Friends, DJ Chrissi Seifert (Overdose, Salzburg), DJ NeonForce & DJ Serenity (Young & Cold Records), DJ Katja Kajal (HEX:A) und VJ Nosce Te-Ipsum für glühende Füße und fantastische Stimmung sorgen.

Vielen Dank allen Beteiligten für ein weiteres legendäres Katzenclub-Festival! Danke den Organisator*innen und Bands, danke Young & Cold für den Merch-Stand, danke den zahlreich erschienenen und ausdauernden Besucher*innen, danke dem Feierwerk – es hat wirklich großen Spaß gemacht! Bis auf die für uns Fotografen leider oft schwierige Licht-/Nebelsituation. Vielleicht geht von Ersterem ja in Zukunft ein klein wenig mehr und von Letzterem ein bisschen weniger? Das wäre gigantisch und ist wirklich das Einzige, was den Spaß ein wenig getrübt hat. Vielen Dank, lieber Katzenclub, auch für eure Bemühungen, auf mehr Geschlechterausgewogenheit auf der Bühne zu achten! Das ist wirklich eine große Freude. Bis zum nächsten Mal!

Setlist Fïx8:Sëd8

1. New Eden
2. pROGNOSIs (eDIt)
3. Baptism of fire
4. Warning signs
5. High velocity spatter
6. Tyrants
7. Burnt pattern analysis
8. Oathbreaker
9. Flatline friend
10. The needle
11. Monolith
12. cHLORINe cLEAn tEARs
13. mETABOLITe

14. Lynch
15. uNKNOWn tO vIRTUe

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