Froh zu sein bedarf es wenig
Joachim verlebt seine Sommer mit seinen Geschwistern in München bei seinen Großeltern. Diese pflegen skurrile Rituale: Morgens wird mit Mundwasser gegurgelt, das anschließend runtergeschluckt wird (es stellt sich heraus, es hat 42 % Alkohol), zum Frühstück gibt’s Champagner, abends ein Glas Whisky, zum Essen Rotwein. Auf dem Teppich liegend hören sie im Schlafanzug Edvard Grieg. Sonntags geht’s in den Nymphenburger Park, und regelmäßig wird gewandert. Diese Rituale, merkt Joachim Jahre später, haben sie immer noch beibehalten. Er nistet sich nämlich bei ihnen ein, weil er in München etwas vorhat.
Denn da ist diese Lücke, diese entsetzliche Lücke, die der Unfalltod des Bruders hinterlassen hat. Ein Schmerz, der ihn lähmt und sich verkriechen lässt, bis er eine plötzliche Eingebung hat. Er will sich an der Münchner Otto-Falckenberg-Schauspielschule bewerben. Seine Großmutter Inge überrascht das etwas, weiß sie doch selbst als ehemalige renommierte Schauspielerin, wie schwer dieser Beruf ist. Doch seine Großeltern unterstützen ihn. Großmutter nennt ihn zärtlich „Lieberling“. Die Vergangenheit wird bewältigt, der Verlust seines verunglückten Bruders, der Weggang des Vaters. Doch Joachim ist auch für seine Großeltern eine Unterstützung. Sie gewöhnen sich liebevoll aneinander. Joachim tut sich anfangs nicht so leicht an der Schule. Die seltsamen Aufgaben dort, wie Spaghetti im sprudelnden Wasser spielen oder mit den Brustwarzen lächeln sind fast unlösbar. Doch er gibt nicht auf. Heimlich schreibt er zusätzlich auf, was er alles mit seinen exzentrischen Großeltern erlebt. Als Inge das sieht, ist sie nicht erzürnt, sondern sie ermutigt ihn dazu. So wird Joachim Meyerhoff nicht nur Schauspieler, sondern auch ein bekannter Schriftsteller.
Verlust, Selbstzweifel, die Suche nach Identität und das Loslassen im und vom Leben sind Themen dieses Films. Simon Verhoeven ist damit alles gelungen, was man sich für diesen Film wünschen kann. Er kennt sich aus mit diesen Familien-Konstellationen. Sein Vater Michael war auch Regisseur, Senta Berger ist seine Mutter. Gott sei Dank konnte er sie überreden, in diesem Film mitzuspielen. Sie hatte 2024 ihren Mann verloren und wollte nicht mehr drehen. Ich hätte mir keine bessere Darstellerin vorstellen können. Sie ist vor Kurzem schwer gestürzt und liegt im Krankenhaus. An dieser Stelle gute, schnelle Besserung an die Grande Dame! Verhoeven hat zudem natürlich seine anderen Personen ebenso perfekt besetzt, mit großen Namen, bis in die letzte kleine Rolle hinein. Karoline Herfurth als engagierte, dynamische Schauspiellehrerin, Friedrich von Thun als alter Regie-Hase, Tom Schilling übereifrig und ziemlich herablassend als 1. Regieassistenz, Michael A. Grimm als „typischer“ Regisseur und Nikolaus Paryla als Nikolaus Paryla (nein, heimlicher Verehrer).
„Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ basiert auf dem gleichnamigen autobiografischen Roman von Joachim Meyerhoff. Der Titel ist ein Zitat aus dem Briefroman „Die Leiden des jungen Werther“ von Johann Wolfgang von Goethe.

Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke
Genre: Komödie, Drama
Produktionsland: Deutschland
Kinostart: 29. Januar 2026, 136 Min.
Drehbuch und Regie: Simon Verhoeven
Darsteller: Bruno Alexander, Senta Berger, Michael Wittenborn, Laura Tonke, Devid Striesow, Karoline Herfurth, Friedrich von Thun, Tom Schilling, Michael A. Grimm, Nikolaus Paryla u.v.a.
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