Ode an Individualität und Originalität
Überall in der Welt: Alle stecken inmitten einer riesigen Katastrophe. Das Internet verabschiedet sich, Fernsehsender bringen nichts mehr, Kalifornien versinkt im Meer, mitten in Deutschland bricht ein Vulkan aus! Hier in diesem Städtchen sind einige Menschen miteinander verbunden, doch sie wissen auch keinen Rat. Eine Straße, die man gestern noch überqueren konnte, gibt es heute nicht mehr, Autos sind in einen Krater gestürzt, das Krankenhaus ist voll von Patienten, doch das Personal taucht nicht mehr auf. Was aber plötzlich überall auftaucht, das ist Reklame für einen gewissen Chuck. „Danke für 39 tolle Jahre“ heißt es allerorten, doch keiner kennt diesen Chuck.Der Film beginnt mit dem Ende, mit dem dritten Akt. Es läuft alles schnell auf das Unausweichliche hinaus: Die Erde haucht ihren letzten Atemzug aus, doch nicht nur die Erde, auch die Sterne, das ganze Weltall. Kurz vorher tauchen noch Fragen auf, wie man seine letzte Zeit verbringen will. Alleine? Soll man sich noch versöhnen? Will man lieber mit dem geschiedenen Ex, mit dem man noch freundschaftlich verbunden ist, seine Zeit verbringen oder alleine sich den Ängsten hingeben?
In den nächsten zwei Akten kommt man dem Mysterium allmählich auf die Spur. Das Leben von Chuck wird erzählt, allerdings rückwärts. So ist man anfangs wirklich ratlos und muss zusehen, wie völlig überraschend die Welt untergeht, doch allmählich begreift man, worum es geht. Im zweiten Akt sieht man einen erwachsenen Chuck. Er ist todkrank und hat nicht mehr lange zu leben. Doch Monate vorher bricht er aus seinem geregelten Leben aus: Auf einem Buchhalter-Kongress seilt er sich von seinen Kolleg*innen ab. Er will lieber alleine herumstromern. Hier kommt es zur tollsten Tanzszene ever! Das toppt Fred Astaire, Elvis Presleys Hüftschwung, Dirty Dancing und all die anderen Tanzfilme. Chuck entscheidet ganz spontan, bei einer Straßenmusikerin stehen zu bleiben und dort auf deren Schlagzeugbeat zu tanzen. So wie er es schon als Kind gerne gemacht hat, beigebracht von seiner Oma, vervollkommnet in der Schule in der Tanz-Klasse. (Eine phantastische, leichtfüßige Leistung von Tom Hiddleston!)
Es folgt der erste Akt. Hier lernen wir von Grund auf diesen Chuck kennen, bei dem sich am Ende alle bedanken: „Danke für 39 tolle Jahre“. Der kleine Chuck hatte liebe Eltern, die viel zu früh verstarben. Er wurde liebevoll von seinen Großeltern aufgezogen. Der Großvater trank zu viel, war aber das gutmütigste und gütigste Wesen überhaupt. Er brachte ihm die Buchhalterei bei, verglich sie mit Mathematik, und dass man damit alle Rätsel dieser Welt lösen kann. Die Großmutter, obwohl sie nicht so aussah, meinte der Erzähler, hörte gerne Musik beim Kochen, Hippiemusik! Sie brachte Chuck spielerisch alle coolen Tänze bei, die uncoolen auch. So war er, obwohl er der kleinste Junge war, in der Tanzklasse der Star und konnte mit einem wirklich coolen Mädchen auf dem Abschlussball eine Wahnsinnsperformance hinlegen. Da er ein aufgeweckter und empathischer Junge war, mochten ihn alle. Sowieso die Lehrer*innen, die so viel Aufmerksamkeit und Freude am Lernen nicht gewohnt waren. Hier brachte man ihm bei, Walt Whitman zu verstehen, das Gedicht „Gesang von mir selbst“ ist ganz wichtig für sein Leben – und den Film. Es erklärt, dass Chucks Schicksal auf geheimnisvolle Weise mit dem der ganzen Welt verknüpft ist.
Regisseur Mike Flanagan hat schon mehrere Stephen-King-Geschichten verfilmt. Er ist Experte für Stephen King und seinen subtilen Horror. Hier hält er sich strikt an die Kurzgeschichte des Meisters, die in dem Buch Blutige Nachrichten als „The Life of Chuck“ erschien (Link zur Review). Ein starker und emotionaler Film mit einer Message, die einen berührt im Kinosessel zurücklässt: Was bleibt von einem Leben, das zu früh endet? Was wir aus dem Film lernen: darauf zu achten, dass das Leben voll von Erfahrungen und Begegnungen ist, damit es so vielfältig und so schön wie möglich wird. Denn es kann schnell enden, und man kann sich vielleicht an nichts mehr erinnern, außer an kleine, ungewöhnliche Momente, die man sich getraut hat. Jede*r kann großartig und wertvoll sein und Vielheiten haben.
Wer sich die Zeit nimmt, nach Walt Whitmans Gedicht „Song of Myself“ zu suchen, bekommt zur Belohnung die Erklärung am Ende des Films.

Film: The Life of Chuck
Genre: Drama
Regie: Mike Flanagan
Produktionsland: USA
Kino-Start in Deutschland: 24.07.2025, 110 Min.
Cast: Tom Hiddleston, Mark Hamill, Chiwetel Ejiofor u.v.a.
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