Wie er der wurde, der er ist,
und vom blauen und vom braunen Auge

Auch ein berühmter Autor kann früher uncool gewesen sein. Frank Schätzing, Jahrgang 1957, ist in eine Familie hineingeboren, die nicht die Top 10 der Hitparade hört, sondern deutsche Schlager und „Erkennen Sie die Melodie“. In der Schule möchte er zu den coolen Jungs gehören, doch das gelingt ihm nicht. Er kennt keine Songs der Beatles oder Stones. Ihn fasziniert jedoch seit jeher das All. Die Mondlandung 1969, das war vielleicht was! Das geht Hand in Hand mit seiner damaligen Lieblingssendung, dem „Raumschiff Orion“. Auf dem Gymnasium muss er sich nicht nur mit Latein und Mathematik herumquälen, auch der Musikunterricht ist wenig erbaulich. Doch eines Tages wird der alte Musiklehrer durch einen jungen, coolen, langhaarigen Lehrer ersetzt. Dieser lässt die Schüler „Le Sacre du Printemps“ hören. Toll! Doch was danach kommt, das prägt sein Leben. Er, der das Weltall liebt, dessen Lieblingsfilm „2001, Odyssee im Weltall“ ist, der seitdem ein Filmemacher wie Stanley Kubrick werden will, er hört 1969 im Musikunterricht „Space Oddity“ von David Bowie. Er ist sein Leben lang davon geflasht.

Frank Schätzing erzählt annähernd chronologisch aus seinem Leben, und er zieht immer Parallelen dabei, was David Bowie zu der Zeit erlebt hat. Man erfährt so nebenbei interessante Gedankengänge zu Stephen King und Kate Bush (mit ihrem Song „Hammer Horror“). Er sinniert über das Leben berühmter Stars, die kamen cool daher, wie Ozzy Osbourne oder Alice Cooper, in Wirklichkeit, das weiß er schon als Jugendlicher, wohnten sie in Häusern wie von Doris Day oder der Partridge Family. Sagte ich schon, dass ich manchmal beim Zuhören laut auflachen musste?

Schätzing erzählt nicht nur von seiner eigenen Jugend, sondern auch aus der des jungen David Bowie, und zwar so, als spräche er von sich. Man hört, dass Bowie ehrgeizig war, was Musikruhm anbelangt oder Mädchen. Er prügelte sich um eins und kam auf diese Weise zu seinen zwei verschiedenen Augenfarben: blau und braun. Selbst eine unrühmliche Angelegenheit, so Schätzing, führte bei Bowie zu etwas Glamourösen. „Moonage daydream“ ist das erste Lied, das Schätzing auf dem Schulhof zum Besten gibt. Zumindest ein kleiner Schritt auf dem Weg zu einer gewissen Coolness. Mit 17 leiht er sich bei einem musikalischen Auftritt Bowies Style. Er malt sich keinen Blitz, sondern einen Stern über das Auge (keinen affigen KISS-Stern!), und plötzlich ist er tatsächlich irgendwie cool. Man kann mehr sein! Das wird zu seinem Mantra!

Step by step und mit ganz viel Zeit erzählt uns Schätzing über sein Erwachsenwerden. Diese Geschichte, wie er mit 17 Jahren in „Emanuelle“ gehen will, einem Film ab 18. Andere Mitschüler, die älter aussehen als er, können sich problemlos eine Kinokarte kaufen oder sich zumindest einen Bart ins Milchgesicht züchten. Er hingegen hat einen riesigen (aber für die Zuhörer*innen lustigen) Aufwand und muss sich stattdessen mit einem Nusshörnchen in einem Café begnügen. Es reicht. Er beschließt von nun an schön zu sein, ein Autor zu werden, ein Musiker, was immer er will und auf Bühnen eine gute Figur zu machen.

Dann hört man wieder von Bowie. Sein Besuch in Gugging, seine tolle Zeit mit Iman, wie er zu dem Namen Ziggy Stardust kam und überhaupt: wie aus David Robert Jones David Bowie wurde. Der Name Bowie stammt aus einem Western, er nahm den Namen in Anlehnung an Jim Bowie an, um nicht mit Davy Jones von den Monkees verwechselt zu werden.

„Spaceboy: Über David Bowie. Über mich“ ist kein Thriller und auch kein Krimi. Es ist eine sehr persönliche Doppelbiografie darüber, wie das Leben und Wirken Bowies das Leben und Wirken Schätzings beeinflusste. Hierbei erzählt Schätzing detailliert und witzig, zynisch, lustig, ironisch, übersprudelnd. Es gibt Phasen, da ist Bowie nicht ganz so wichtig, doch Schätzing lässt ihn nie aus den Augen. Bowie ist und bleibt sein Seelenverwandter. Er ist für Schätzing nicht nur Vorbild, sondern auch eine Art Erlaubnis, anders zu sein. Es begann mit einem Stern. Man kann auch anders sein. Man kann mehr sein.

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Spaceboy (German Edition): Über David Bowie. Über mich.
Sprecher: Frank Schätzing
Verlag: der Hörverlag, Vö.12.11.2025
Originalverlag: Kiepenheuer & Witsch
Ausgabe: Ungekürzte Lesung
Hörbuch, 1 CD
Hördauer: 11h 7min
24 Euro

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