Man muss sich ins Wasser hinauswagen

Vor ein paar Wochen waren Abu Nein aus Malmö (zusammen mit Yakima Jera) beim Katzenclub im Feierwerk und haben ein wunderschönes Konzert gegeben. Davor war ein bisschen Zeit für ein Gespräch im glühend heißen Dachgeschoss, wir hatten es aber trotzdem sehr nett. Mit Erica Li Lundqvist (EL), Andreas Andersson (AA) und Andreas Lundberg (AL) habe ich (torshammare, SB) mich über alles Mögliche unterhalten, über Veränderungen in der Band, das neue Album und und und. Das Gespräch haben wir auf Schwedisch geführt, hier könnt ihr die etwas gekürzte und geglättete deutsche Fassung lesen.DSC_7313
SB: Herzlich willkommen, schön, dass ihr hier in München seid und es schon so bald mit einem Auftritt beim Katzenclub geklappt hat. Wie geht es euch?

EL: Wir finden es toll, hier zu sein. Ich hatte schon viel vom Katzenclub gehört, von Emma/Emmon zum Beispiel, sie war ja schon mal hier und hat mir erzählt, wie gut es ihr hier gefallen hat und dass wir unbedingt auch hier spielen müssen. Wir haben also nur Gutes über den Katzenclub gehört *lacht*. In München bin ich zum ersten Mal.

AA: Ich war schon mal am Hauptbahnhof, für ungefähr fünf Minuten. *lacht*

EL: Ich hatte auch von anderen Bands gehört, wie angenehm die Location ist und wie gut die Veranstalter sind.

SB: Auch wenn der Weg von Schweden sehr weit ist.

EL: Aber die Reise ist es absolut wert.

SB: Wie seid ihr nach München gekommen?

AA: Mit dem Auto.

SB: Die ganze Strecke von Malmö mit dem Auto?

AA: Genau. Auf dem Hinweg sind wir über Dänemark und durch Deutschland gefahren. Auf der Rückfahrt werden wir in Świnoujście die Nachtfähre nach Schweden nehmen, damit wir da ein bisschen schlafen können und weniger fahren müssen.

SB: Mit dem Auto war es praktischer oder billiger als mit dem Flugzeug?

EL: Ja, und wir vermeiden Flüge, soweit möglich. Das Klima … Manchmal muss man leider fliegen, aber wenn es geht, nehmen wir das Auto oder den Zug.

AA: Zug hätte für diese Reise zu lange gedauert und wäre auch viel zu teuer gewesen.

SB: Und ihr wisst ja vielleicht, wie unzuverlässig die Deutsche Bahn leider ist. Als ich vom Subkult mit dem Zug zurück nach Deutschland gefahren bin, gab es auf jedem Abschnitt meiner Fahrt größere Probleme. Wenn man einen Termin hat und pünktlich irgendwo sein muss, darf man nicht mit der Deutschen Bahn fahren.

AA: Ja, das haben wir uns auch gedacht …

SB: Was sind denn eure ersten Eindrücke vom Feierwerk und von München?

AA: Also, ich weiß jetzt schon, dass ich München großartig finde! Ich möchte unbedingt mehr von der Stadt sehen und erleben.

SB: Das ist schön! Aber hattet ihr München als Goth-Stadt auf dem Schirm? Wusstet ihr vorher, dass es hier eine Goth-Szene gibt?

EL: Ja, nachdem wir ja von anderen Bands vom Katzenclub gehört hatten. Dann war es eigentlich nur eine Frage der Zeit. Wir wollten unbedingt herkommen, und es ist schön, dass man uns eingeladen hat und wir nicht erst betteln mussten. *lacht*

AA: Richtig, manches möchte man einfach machen.

SB: Ja, und Deutschland ist mittlerweile in Sachen Live-Auftritten euer wichtigstes Land, oder?

EL: Ja, definitiv.

SB: Warum, könnt ihr euch das erklären?

EL: Vielleicht weil wir anfangs bei einer deutschen Plattenfirma waren, bei Young & Cold Records. Außerdem ist unsere Bookerin aus Deutschland, Anja. Ich glaube, hier in Deutschland mag man einfach auch schwedische Bands. Oder Schweden generell. Unsere Elche und das Allemansrätten [Das Allemansrätten – zu Deutsch Jedermannsrecht – ermöglicht es allen, sich frei in der Natur zu bewegen. Anm. SB].

SB: Genau, und angefangen hat alles mit Astrid Lindgren.

EL: Genau. Aber Scherz beiseite, Deutschland ist ein wichtiger und großer Markt für uns.

SB: Mit vielen Gelegenheiten für Live-Auftritte, mit kleinen Clubabenden und vielen Festivals.

DSC_7101EL: Richtig, und wir machen beides. Ich finde es großartig, dass wir auf großen Bühnen wie beim Amphi und in einem kleinen Kellerclub in Bochum spielen können. Oder in Siegen. Das Beste aus zwei Welten.

SB: Mit unterschiedlichen Vibes, unterschiedlichen Menschen …

EL: Ja, und das geht unserer Erfahrung nach nur in Deutschland. In Schweden ist das anders.

SB: Wie ist es dort?

EL: Wer auf dem Land oder in einer Kleinstadt wohnt, fährt nicht unbedingt wegen eines Konzerts in eine andere Stadt.

SB: Weil die Wege so weit sind.

EL: Genau. Die Schweden sind ein bisschen fauler, sozusagen, unterstützen die Subkultur weniger dadurch, dass sie irgendwo hinfahren. Deutsche legen für eine Band, die sie sehen wollen, weitere Strecken zurück, habe ich den Eindruck.

SB: Ja, das stimmt. Viele reisen bei einer Band mit, wenn diese auf Tour ist oder bei Festivals spielt.

EL: Genau.

SB: Wisst ihr, warum das in Schweden so ist? Dass die Leute eher warten, bis eine Band in ihrer Stadt oder Gegend spielt?

AA: Nein. Ich weiß nicht, warum es jetzt so ist, aber ich habe das Gefühl, dass es früher anders war und erst jetzt mit der Zeit so wurde. Früher gab es größere Clubkonzerte oder Eintagesfestivals. Die haben dann Publikum aus dem ganzen Land angezogen.

SB: Wann war das ungefähr?

AA: Anfang der Zweitausender, so habe ich es zumindest damals selbst erlebt. Da war es auch absolut nicht ungewöhnlich, dass man von Göteborg nach Malmö auf ein Konzert gefahren ist. Oder von Helsingborg nach Malmö. Und heute kann man kaum Leute aus Lund nach Malmö locken [was etwa eine Viertelstunde entfernt liegt. Anm. SB], das ist schon zu aufwendig.

SB: Liegt es am Alter? Wir sind ja alle nicht mehr ganz jung, aber so alt auch wieder nicht. Liegt es am Alter, oder dass man zum Beispiel Familie hat?

DSC_7342EL: Ich weiß es nicht. Gleichzeitig verjüngt sich die Szene aber auch, was ich so bei unseren Gigs gesehen habe. Das hat mich gewundert, aber auch sehr gefreut, das ist eine sehr positive Entwicklung. Dass nicht nur Cis-Männer über vierzig auf Konzerte gehen, sondern vor allem die Goth-Szene jünger wird. Vielleicht auch die Synth-Szene, aber aufgefallen ist mir die Verjüngung in der Goth-Szene, und das ist wirklich toll.

SB: Dann liegt es vielleicht wirklich am Alter, dass die Leute weniger Umstände in Kauf nehmen, um zu einem Konzert zu fahren?

EL: Möglich, ja. Und vielleicht wird man auch bequemer.

AL: Mir kommt es auch so vor, als gäbe es eine große Lücke, altersmäßig. Denn es gibt ja eben den Nachwuchs, aber irgendwie wenige Leute Mitte dreißig oder so.

SB: Also ist das Publikum entweder zwanzig oder fünfzig?

AL: Ja, so wirkt es jedenfalls. Aber die Szene in Deutschland ist generell lebendiger.

SB: Ja, aber wir haben auch mehr Einwohner. Vielleicht liegt es also nur am Verhältnis. Aber wir beobachten das hier schon auch. Wir haben viele junge Goths, Baby Bats, die alle um die zwanzig sein dürften. Und dann gibt es noch uns Alte, die seit … dreißig Jahren oder so in der Szene sind. Wer gerade um die dreißig oder fünfunddreißig ist, hat vielleicht eine Familie gegründet, und da ist das Weggehen nicht mehr so einfach.

AA: Ja, das könnte auf jeden Fall ein Grund sein. Man hat kleine Kinder oder gerade ein Haus gekauft, hat einen neuen Job angefangen und will da vollen Einsatz zeigen.

SB: Vielleicht kommen die alle wieder?

AA: Ja, ich denke schon.

SB: Wie ist es für euch als Musiker*innen, die ihr schon lange in der Szene seid? Ist es das immer wert, in einer Band zu sein, live zu spielen, und wir haben ja gerade gesagt, dass das in Schweden gar nicht so leicht ist, es gibt weniger Auftrittsmöglichkeiten als in Deutschland. Ist es das wert?

AL: Da kann ich gar nicht so einfach drauf antworten.

AA: Ja, ich würde sagen, es ist es wert. Aber man kann den Wert an der Lebensqualität messen und am Finanziellen.

SB: Was ja auch nicht ganz unwichtig ist.

AA: Genau, Verluste möchte man auch nicht machen. So einfach ist das. Aber dann bekommt man vielleicht ein Angebot, das man einfach unbedingt annehmen will, und man käme bei plus/minus Null heraus. Aber wir wollen das dann einfach machen.

SB: Ich frage auch deshalb, weil es ja, wie wir vorhin festgestellt haben, gar nicht so einfach ist, nach Deutschland zu kommen. Lohnen sich solche Konzerte auch finanziell? Oder macht ihr das, um neue Leute zu erreichen?

EL: Ich würde sagen, solange ihr uns live seht, ist es das wert. Live-Auftritte geben einem immer so viel. Falls das eines Tages nicht mehr so sein sollte, hören wir auf. Zumindest ich empfinde das so. Ihr beiden spielt ja auch noch in anderen Bands. Aber wenn ich jetzt mal für Abu Nein spreche – wenn es das alles eines Tages nicht mehr wert sein sollte, hören wir auf. Oder ich zumindest. Live zu spielen gibt mir immer mehr zurück, als es erfordert, und dabei geht es nicht um Geld. Das Finanzielle kriegt man schon irgendwie hin, wenn einem das Ganze etwas wert ist. Und meistens geht es sich irgendwie aus.

SB: Der ideelle Wert ist also wichtiger, das, was man dabei fühlt.

EL: Ja, live zu spielen gibt einem so viel. Man trifft Menschen, und es ist ein unglaubliches Privileg, eine Plattform mit einer Stimme zu haben. Für mich noch mal besonders, da ich auch die Songs schreibe, die Texte, und damit etwas vermitteln darf, das eine Wirkung auf Menschen hat. Eine solche Plattform zu haben, ist wirklich unfasslich großartig. Wenn auch nur drei Leute zu einem Konzert kommen und uns zuhören und uns danach sagen, dass es ihnen gefallen hat, dann bin ich dafür dankbar.

SB: Das ist eine sehr gute Antwort und auch sehr nachvollziehbar. Also, es ist ja viel in euer aller Leben passiert, aber auch innerhalb der Band. Ihr habt zum Beispiel ein neues Mitglied. Willkommen! Magst du dich kurz vorstellen [AL]? In Deutschland dürften dich bisher nicht viele kennen.

AL: Mhm.

SB: Aber das wollen wir ändern.

DSC_7355AL: Also, ich heiße Andreas und spiele und produziere eigentlich schon mein ganzes Leben lang Musik. Im Moment spiele ich in unterschiedlichen Bands. Für die Szene am wichtigsten ist Gallows’ Eve, eine Goth-Rock-Band. Und jetzt dann auch Bass und manchmal Gitarre bei Abu Nein, die ich privat schon lange höre. Außerdem sind wir alle seit vielen Jahren befreundet.

SB: Okay, ihr habt also darüber geredet, dass Abu Nein [nach dem Ausstieg von Anders Nordensson. Anm. SB] einen neuen Bassisten brauchen.

AL: Genau. Ich habe mich sofort angeboten und “Hier!” gerufen, als ich erfahren habe, dass sie jemanden brauchen. *lacht*

SB: Und wie ist es, in zwei Bands gleichzeitig zu spielen, die beide aus der Goth-Szene kommen, aber trotzdem unterschiedlich sind?

AL: Super. Mir geht es da wie Erica. Ich kann einfach nicht aufhören, Musik zu machen. Wenn es dabei nur ums Geld ginge, hätte ich sofort wieder aufgehört, weil man damit einfach keinen Gewinn machen kann. *lacht* Ich habe in meinem Leben bereits Millionen Kronen in Zeit, Instrumente und das alles investiert. Aber ich kann nicht aufhören, erst, wenn ich sterbe. Daher bin ich auch sehr, sehr dankbar dafür, live spielen zu können. Das ist der Lohn für alles, für die ganze Arbeit, die man sein ganzes Leben lang reingesteckt hat. Und das macht schließlich ja auch nicht jeder. *lacht* Das ist wirklich ein absolutes Privileg. Auch wenn es verdammt anstrengend und superschlecht bezahlt ist. Aber ich kann einfach nicht damit aufhören. *lacht*

SB: Und das merkt man. Also dass die Musik dein Leben ist, euer Leben ist. Als Fan ist es toll, das so zu spüren. Dass eine Band existiert und auf der Bühne steht, weil sie das wirklich möchte. Nicht wegen des Geldes oder aus anderen Gründen. Sondern weil man für seine Musik lebt und sie präsentieren und eine Verbindung zu den Leuten vor der Bühne aufbauen mochte. Und das merkt man bei euch, wofür ich sehr dankbar bin.

AL: Ja, alle Bands, die gerade aktiv sind, leiden irgendwie an derselben Krankheit. *lacht* Sie müssen einfach spielen. Mittlerweile verdient man wirklich kein Geld mehr damit. Viele der alteingesessenen Bands halten einfach durch und machen weiter, weil sie nicht wissen, was sie sonst tun sollen. Und deshalb empfehle ich immer, dass man neue Musik hört. Neue Musik, die jetzt gerade herauskommt, vor allem in unserer Szene, ist unglaublich gut. Besser als in all den Jahrzehnten davor. Viele sehen die große Zeit in den Achtzigerjahren und schauen zurück. Ich hingegen finde, dass das Niveau heutzutage, was Songwriting und visuelle Präsentation angeht, höher ist als je zuvor. Meiner Meinung nach jedenfalls.

SB: Gut, dass du das sagst, das ist nämlich meine nächste Frage. Habt ihr Empfehlungen für neue Musik oder generell Tipps? Nachdem es so viele gute neue Bands gibt.

AL: Ich mag eine Band von den Hebriden, sie heißt Witch of the Vale. Die finde ich richtig gut und würde sie unbedingt empfehlen. [Bandcamp ]

EL: Ich möchte eine Band empfehlen, die unser Support in Bochum war, Isla Ola.

SB: Ah, genau. Die haben auch schon beim Katzenclub gespielt.

EL: Stimmt. Das ist meine neue Lieblingsband. Und vielleicht werden Yakima Jera ja auch neue Favoriten. Ich habe sie noch nicht live gehört.

SB: Sie sind ganz besonders und auf ihre Weise wirklich magisch.

EL: Das ist auch ein großer Vorteil von Live-Auftritten, man entdeckt neue Bands. Denn es ist das eine, neue Musik über Spotify kennenzulernen, das geht natürlich. Aber zusammen mit anderen Bands auf der Bühne zu stehen, sie live zu erleben und kennenzulernen, das ist etwas völlig anderes und so schön. Vor allem in so kleineren Clubs wie hier. Auf Festivals hat man oft keine Zeit, sich andere Bands anzuhören.

SB: Aber hier kommt man quasi nicht aus, weil man ja sowieso hier ist.

EL: Genau.

AL: Wir wollen unbedingt mit Blind Delon spielen, die sind live großartig. Die hatte ich zuvor noch nie gesehen.

SB: Stimmt, die habe ich gerade auf dem WGT gesehen und war völlig geflasht. Andreas [A.], möchtest du noch was empfehlen?

DSC_7184AA: Nein, keine einzelne Band. Zum einen, weil mir gerade keine Namen einfallen, zum anderen möchte ich mich Erica anschließen. Es ist fantastisch, die Bands zu erleben, mit denen man die Bühne teilt, die man auf einem Festival trifft. Und da hat auch die Chemie zwischen den Menschen Einfluss darauf, wie ich die Musik erlebe. Nette Menschen, schönere Musik, könnte man sagen. Und nach all den Jahren ist man dann auch mit ziemlich vielen Bands befreundet, deren Musik man dann auch ständig in der Playlist hat.

SB: Vielleicht gibt es ja dann neue Kollaborationen in der Zukunft. Ihr habt ja schon mit Henric de la Cour gearbeitet oder Aux Animaux.

EL: Blind Delon.

SB: Blind Delon – wird das eine neue Kollaboration?

EL: Nein, ich habe schon mit ihnen gearbeitet. Beziehungsweise du [AA] und ich. Bei einem Projekt, das Mathis zusammen mit Pablo Bozzi hat, Lost Highway. Dem habe ich meine Stimme geliehen, und so kam ich in Kontakt mit Blind Delon. Wir haben gesagt, wir wollen mal miteinander spielen, und dann kamen sie nach Schweden. Und haben einen Remix für uns angefertigt. 

SB: Ah, ja, Lost Highway sagt mir was. Den Remix habe ich aber übersehen.

EL: Der war für das letzte Album. („Blossom“, Link Spotify)

SB: Im Interview mit dem Hymn-Magazin habe ich gelesen, dass ihr mit dem neuen Album auf Tour gehen und dabei von Blind Delon begleitet werdet. 

EL: Ja, so ist der Plan.

SB: Dann können wir ja vielleicht ein wenig über das neue Album reden, das jetzt im Herbst oder dann Anfang 2027 erscheinen soll. Wie geht es euch damit?

EL: Wir sind etwas nervöser als sonst.

SB: Warum?

EL: Weil dieses Mal weniger Köche beteiligt sind. An den bisherigen Alben haben ja immer mehr Leute mitgeschrieben. Dieses Mal bin ich allein für die Songs verantwortlich.

SB: Das wäre auch gleich meine nächste Frage gewesen: Wie war dieses Mal der Schreib- und Kompositionsprozess, nachdem die Band so viele Veränderungen durchlaufen hat?

EL: Als Anders ausgestiegen ist, hatten wir gerade mit der Arbeit am neuen Album angefangen. Ich war dann die einzige Songschreiberin und habe mir Tobias Bernstrup als Produzent dazugeholt. Bei einigen Songs hat er auch mitkomponiert. Dieses Album ist also etwas anders als sonst entstanden, und das war teilweise auch ein wenig unheimlich. Auf mir lag mehr Verantwortung. Zuvor haben wir mehr als Kollektiv gearbeitet. Wir wussten nicht genau, wie die Songs am Ende klingen würden, nachdem wir sie an Dennis [Lood, Gründungsmitglied. Anm. SB] geschickt hatten. Und dann hatten sie einen bestimmten Sound. Wir hatten keinen Plan, wie unsere Alben klingen sollten. Als Andreas Catjar die Produzentenarbeit übernommen hat, war es genauso. Ich habe ihm eine Songskizze geschickt, die er mir irgendwann zurückgeschickt hat. Und ich war dann ganz überrascht, dass der Song auch so klingen konnte. Das war unglaublich spannend, und so sind drei Alben entstanden. Das hat riesigen Spaß gemacht. Jetzt aber gab es einen Plan. Und wir waren nur zu zweit.

SB: Und ihr wusstet beide, wie das Album am Ende klingen sollte?

DSC_7062EL: Wir hatten zumindest eine deutlichere Vorstellung und genauere Anhaltspunkte, mit denen wir gearbeitet haben. Jetzt müssen wir schauen, ob man das dem Endergebnis auch anhört. Auf jeden Fall war das eine völlig andere Art zu arbeiten. Und Tobias ist ein fantastischer Produzent und hat – um hier etwas persönlicher zu werden – auch irgendwie Andreas’ Rolle nach dessen Tod eingenommen. Andreas [Catjar] war über zwanzig Jahre lang mein musikalischer Partner, auf den ich mich hundert Prozent verlassen konnte, weil er mich so gut gekannt hat. Wir haben in unzähligen Projekten gemeinsam Musik gemacht [Lovac, Baby Blonde and the Downs zum Beispiel]. Das habe ich vermisst und es jetzt in Tobias wiedergefunden. Wie Tobias auf mich reagiert, erinnert mich sehr an Andreas. Das ist eine wunderschöne Entwicklung, denn Tobias war auch ein sehr guter Freund von Andreas, und die beiden haben gemeinsam in ihrer ersten Band gespielt. So schließt sich der Kreis. Oder es öffnet sich ein neuer.

SB: Ein neuer, in einer anderen Form.

EL: Es war ein so natürlicher Prozess, und das war toll. Aber man entblößt sich dabei auch anders. Wie gesagt, das alles war auch etwas unheimlich.

SB: Aber man muss ja auch etwas wagen.

EL: Genau. David Bowie hat mal sinngemäß in einem Interview gesagt, wenn man ins Wasser hinausgeht, muss man bis dorthin gehen, wo man mit den Füßen den Boden gerade nicht mehr erreicht. Dann ist man an der richtigen Stelle. Wenn man noch stehen kann, fühlt man sich viel zu sicher, daraus entsteht keine gute Kunst. Man muss sich weiterwagen, bis man sich gerade noch über Wasser halten kann. Da erschafft man seine beste Kunst.

SB: Und so ist es mit dem neuen Album.

EL: Ja, so ist es wirklich mit dem neuen Album. Ich habe mich nicht in allzu tiefe Gewässer hinausgewagt, es war alles noch vertraut. Aber trotzdem.

SB: Genau richtig tief.

EL: Genau.

SB: Ich war ja auf dem Subkult [Festival in Trollhättan im Juni, Link zur Samstagsreview] und dabei, als ihr dann endlich Samstag um zehn Uhr abends spielen konntet. Die drei neuen Songs waren fantastisch. Und das Publikum war vom ersten Augenblick an euphorisch. [Es war von vornherein angekündigt, dass Abu Nein nur drei – neue – Songs spielen werden, es gab dann noch einen bekannten Song als Zugabe.]

EL: Ja, die Reaktionen waren unglaublich.

SB: Da gab es kein Zögern, keine fragenden Blicke, alle waren von der ersten Sekunde an begeistert und voll dabei. Wie hat sich das für euch angefühlt?

EL: Das war schon verdammt cool, doch.

AA: Ja, das war richtig schön, dass das Publikum so positiv reagiert hat. Ein toller Auftritt. Abgesehen von der Hitze …

DSC_7274AL: Ich war furchtbar nervös, auch wenn ich bei der Entstehung der Songs ja nicht dabei gewesen war. Aber es war wirklich anders als sonst. Ich bin es ja gewohnt, Material zu spielen, das ich selbst schon lange spiele und das alle kennen. Jetzt war ich tatsächlich zum ersten Mal nervös.

EL: Aber es war eine interessante Erfahrung, auch für uns. Wir haben ja so lange an den Songs gearbeitet, aber ich will nicht bequem werden. An Tagen, an denen ich nicht mehr nervös bin, da denke ich mir, verdammt, jetzt ist das alles Routine, ich muss etwas ändern und wieder nervös sein können …

AL: Absolut, es muss immer interessant bleiben.

EL: Genau. Wir haben ja auch Fans, die uns durch Europa folgen und zu fast jedem Konzert kommen. Das wäre doch furchtbar, wenn alles immer gleich klänge. Oder genauso wie auf Platte. Man muss bei jedem Auftritt etwas Neues daraus machen.

SB: Absolut.

EL: Für uns soll es spannend bleiben, aber eben auch für die Zuhörer*innen. Und das ist auch die Magie an dem Ganzen, finde ich. Das kann sich auch auf die Interaktion mit dem Publikum beziehen, wir müssen gar nicht die Arrangements ändern oder so, sondern es entsteht etwas …

AA: Eine Symbiose.

EL: Ja, man muss irgendwie die Stimmung aufgreifen, den Moment ausnutzen. Und das hat beim Subkult funktioniert, fand ich. Wir waren ein bisschen schockiert, dass so viele Leute da waren – es waren dann doch fünfzig Leute oder so. Unter den Umständen war das viel.

AA: Wir haben ja viel später als ursprünglich angekündigt gespielt. [Wegen einer großen Zugstörung im Süden Schwedens kam Erica mit einigen Stunden Verspätung in Trollhättan an.]

AL: Und dann nur drei Songs.

AA: Über Mundpropaganda hat sich dann herumgesprochen, dass wir abends noch spielen werden.

EL: Die Reaktionen waren wirklich überwältigend.

SB: Ich stand ja ganz vorn an der Bühne, und für mich hat es sich angefühlt, als wäre man bei etwas ganz Besonderem dabei.

AL: Haben die neuen Songs anders als das frühere Material gewirkt?

SB: Nicht so sehr, dass ich jetzt sagen würde, ihr seid eine ganze neue Band, aber ich habe neue Einflüsse herausgehört, irgendetwas war definitiv neu. Aber ich muss mir die Songs natürlich noch öfter anhören.

EL: Es ist ja auch ein Unterschied, wie die Songs auf Platte klingen und wie auf der Bühne.

SB: Und bei einem Live-Konzert wird man auch ganz anders hineingezogen und sieht und hört nicht alles auf einmal.

EL: Wir werden nachher zwei neue Songs spielen, da hast du eine neue Chance.

SB: War die Weiterentwicklung als Band auch ein Grund für den Labelwechsel?

EL: Ja, auf jeden Fall. Es sind neue Zeiten, und wir hatten alle das Gefühl, dass wir einen neuen Schritt machen wollten. Das ist jetzt unser drittes – oder genauer gesagt viertes – Label. Anfangs waren wir ja bei Rundgång Rekords [das Label von Dennis Lood, der auch den gleichnamigen Plattenladen in Malmö betreibt], dann bei Young & Cold, dann bei Progress Productions und jetzt bei Icons Creating Evil Art. Für uns fühlt sich das wie eine natürliche Entwicklung an.

SB: Mit neuen Menschen mit neuen Visionen zusammenzuarbeiten?

EL: Ja.

SB: Auch neue Arbeitsweisen vielleicht?

EL: Ganz genau. Die im Moment besser zu uns passen.

SB: Wie kam es überhaupt dazu, dass ihr bei Young & Cold gelandet seid? Die sitzen ja in Augsburg, also nicht weit weg von München.

EL: Wir wurden entdeckt, nachdem wir unsere erste EP [I will rise] veröffentlich hatten.

SB: Bei Rundgång Rekords.

EL: Genau. Und die EP war noch keine vierundzwanzig Stunden draußen, da meldeten sich Young & Cold und fragten, ob wir eine Plattenfirma haben, die uns auf Vinyl veröffentlicht. Und quasi direkt darauf hatten wir einen Plattenvertrag. So war das.

SB: Ah, danke für die Erklärung. Ich hatte über Andreas Catjar von euch gehört, als er zu Abu Nein gekommen ist, und dann habe ich das mit Young & Cold gelesen und war etwas überrascht.

EL: Ja, die waren wirklich unglaublich schnell. Keine Ahnung, wie sie von uns Wind bekommen haben. Wie gesagt, keine vierundzwanzig Stunden nach der Veröffentlichung hatten wir schon eine Nachricht, und da haben wir natürlich gesagt, klar, wir sind dabei.

SB: Ja, die sind wirklich richtig, richtig gut und haben Ahnung. Und alles, was sie unter Vertrag nehmen, ist spannend. Mir gefällt nicht alles, aber alles ist sehr, sehr gut.

EL: Ganz genau. Und sie haben auch viele Bands unter Vertrag.

SB: Ja, und viele verschiedene.

EL: Wir sind sehr dankbar dafür, dass sie unser erstes Album veröffentlicht haben. Der Wechsel zu Progress Productions war dann, weil wir ein schwedisches Label haben wollten, das erschien uns passender. Wir waren nicht unzufrieden mit Young & Cold oder so, es war einfach natürlicher.

SB: Euer erstes Album, Secular Psalms, habe ich als CD daheim, von Torny/Progress Productions.

EL: Genau, Young & Cold hat das Album nur auf Vinyl rausgebracht, und er wollte dann die CD dazu veröffentlichen. Am Anfang war die Kassette auf Rundgång Rekords [EP, I will rise], dann kam das rosa Vinyl in limitierter Auflage [Young & Cold/Rundgång Rekords]. Danach hat sich Torny gemeldet, ob wir das Album auf CD veröffentlichen wollen.

SB: Ah, ihr wart dann parallel bei zwei Labels.

EL: Genau. Und nach einer Weile wurde uns das zu kompliziert, weshalb wir dann ganz zu Progress Productions gegangen sind, und das war dann gut.

SB: Wir haben nicht mehr allzu viel Zeit, aber ein paar Fragen schaffen wir noch. Ihr spielt ja alle noch in anderen Bands. Andreas [L.], du bist noch bei Gallows‘ Eve, die ich auf dem Subkult leider verpasst habe, ihr habt leider zu spät gespielt. Andreas [A.], du bist noch bei Likk. Willst du ein bisschen mehr darüber erzählen?

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LIKK 2026 Subkult/Trollhättan

AA: Bei Likk war es ähnlich, die Band war an einem Punkt, an dem sie sich erneuern musste. Ich war ja nicht von Anfang an dabei beziehungsweise nur insofern, als dass ich eine Anfrage bekam, etwas für sie zu mastern, doch dann passierte nichts. Da dachte ich mir, dass sie wohl eine andere Lösung gefunden haben. Mit Toril [Lindqvist, Sängerin, auch bei Alice in Videoland] bin ich seit über zwanzig Jahren befreundet. Sie hat dann eines Tages auf Facebook gepostet, dass ihr Bandkollege abhandengekommen ist und bald ein Auftritt ansteht. Und da dachte ich mir, was soll’s, ich mag die Musik, und ihr früherer Bandkollege hatte mir auch mal Material geschickt. Ich kann auf der Bühne einspringen, bis sich das Personelle geklärt hat. Nach einer Weile hat sich dann aber herausgestellt, dass der Bandkollege nicht zurückkommt. Ich habe jetzt dauerhaft seinen Platz eingenommen, und wir arbeiten gerade daran, die Demos, die wir auf einer Festplatte haben, zu veröffentlichen. Und dann wollen wir an neuen Songs arbeiten, die zu hundert Prozent von uns stammen, von Toril und mir. Wir wollten erst das Demomaterial aufbereiten, damit wir live spielen können. Ich habe escjetzt im Großen und Ganzen fertiggestellt, und wir können eine neue, leere Seite aufschlagen.

SB: Sehr spannend. Und Erica, mit Tobias Bernstrup spielst du ja als O+her. Gibt es euch noch?

Oher-Stockholm-2022

O+her 2022 Dramaten/Stockholm

EL: Auf jeden Fall. Gerade haben wir die letzten Songs für unser Album eingespielt. Das Abu-Nein-Album war dazwischengekommen, und wir wollten uns erst einmal ganz darauf konzentrieren.

SB: Okay, aber es wird dann noch etwas von O+her kommen.

EL: Ja, auf jeden Fall.

SB: Und wie sieht es mit anderen Projekten aus?

EL: Hm, schauen wir mal. *lächelt geheimnisvoll*

SB: Okay, dann schauen wir mal. *lacht* Super, da können wir uns ja alle auf etwas freuen. Kommen wir zur letzten Frage: Gibt es eine Frage, die ihr in einem Interview gerne mal hören würdet, die euch aber bisher noch nie gestellt wurde? Würdet ihr gern über etwas sprechen, wonach sich aber bisher noch nie jemand erkundigt hat? Die meisten Interviews laufen ja nach dem „neues Album, neue Tour“-Schema ab. Aber gäbe es da für euch noch was anderes?

AA: Verdammt gute Frage. *lacht*

AL: Wenn ich ein Interview langweilig finde, stelle ich gern Fragen. Die dämlichste Frage, die man stellen kann, ist meiner Meinung nach die nach dem Bandnamen. Das ist wirklich unendlich langweilig. Da sage ich dann immer: „Ne, nicht das, frag mich was anderes.“ Ich will am liebsten gezielt nach einem bestimmten Song gefragt werden. Denn dann hat sich jemand die Mühe gemacht und sich das Material angehört und sich gefragt: „Hm, was genau passiert in dem Song eigentlich?“ Bei Abu Nein könnte ich mir vorstellen, dass es ähnlich ist, denn die Songs sind ja voller Symbolik in den Texten. Manchmal ist da eine Story, aber nicht sofort klar, was genau ausgedrückt werden soll. An so etwas denke ich dann oft und sage zu den Leuten, die mich langweilen: „Hey, hört euch die Songs an, fragt mich etwas zur Musik oder so.“

EL: Ja, das sehe ich auch so. Also einen persönlichen Bezug zur Musik. Vielleicht erzählt man etwas, das man selbst erlebt hat, und daraus entsteht dann ein Dialog. Ich mag es allerdings nicht, die Songs zu erklären. Wenn man mich also fragen würde, was in Song xy passiert und was ich mir da gedacht habe, will ich darauf eigentlich nicht antworten. Ich will niemandem etwas vorschreiben. Wenn ich einen Text in die Welt entlasse, finde ich es am spannendsten, dass er danach sein eigenes Leben entwickelt.

AL: Die Synthese aus Hörer*innen und …

EL: Genau. Und dass der Song für jemand anderen eine ganz andere Bedeutung haben kann. Das finde ich wirklich fantastisch. Und trotzdem teilt man etwas.

AL: „Ja, für dich hat er diese Bedeutung. Für mich eine völlig andere. Aber das ist egal.“

SB: Solange er etwas bedeutet.

AL: Genau.

EL: Ja, solange er etwas bedeutet.

AL: Und das wollen wir doch alle. Wir machen Musik, wir wollen Menschen damit erreichen. Das ist schon eine sehr komische Form der Kommunikation. *lacht* Sehr grundlegend auch, glaube ich. Sobald der Mensch irgendwo seine geschützte Höhle gefunden und sich satt gegessen hat, hat er zwei Steine gegeneinander geschlagen und so irgendwie für die erste Musik gesorgt.

SB: Okay, du gehst da GANZ weit zurück. *lacht* Andreas, siehst du das auch so?

AA: Ja, auf jeden Fall. Das war ein interessanter Gedankenansatz.

SB: Vielen, vielen Dank für das Interview und dass wir miteinander ein wenig in die Tiefe gehen konnten. Möchtet ihr zum Abschluss noch etwas hinzufügen?

AA: BUCHT UNS, KOMMT ZU UNSEREN KONZERTEN! *lacht*

SB: Okay, das werde ich in Großbuchstaben schreiben.

EL: Mehr Deutschland, Deutschland!

SB: Genau. *lacht* Vielen, vielen Dank für das Interview.

ST_Abu-Nein

Abu Nein 2026 Subkult/Trollhättan

2020 waren Abu Nein schon mal Band der Woche bei uns.

Rezension zu Abu Nein II.

Rezension zu Abu Nein III – Dark Faith.

Här hittar ni den svenska versionen!

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  1. […] her (bei dem uns Abu Nein und Yakima Jera einen wunderbaren Abend beschert haben, und für ein Interview mit Abu Nein war auch Zeit), schon folgt der nächste Abend mit illustren Gästen, die man beide […]

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