„Ich fühle mich am besten, wenn es jemandem etwas besser geht, nachdem er etwas Zeit mit mir verbracht hat.“

Manchmal begegnet man einem Buch, das tief berührt und lange nachwirkt – so ging es uns (Christiane & Anke) mit Im Himmel gibt’s Lachs (Rezension) von Judith Brauneis. Als Frollein Tod gibt sie einfühlsam und mit Humor Einblicke in ihren Alltag als Leichenpräparatorin an der TU München. Sie erzählt, wie die Arbeit mit den Toten sie zu ihrer wahren Bestimmung führte und wie sie als Notfallseelsorgerin trauernde Angehörige begleitet. Heute freuen wir uns, mit Frollein Tod selbst über die Themen zu sprechen, die uns seitdem nicht mehr losgelassen haben. Herzlichen Dank, liebe Judith!

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Du bist Leichenpräparatorin für Humanmedizin und Notfallseelsorgerin. Dabei hast du hauptsächlich mit Verstorbenen und ihren trauernden Angehörigen zu tun. Was genau machst du bei deiner Arbeit im Klinikum?
Ich registriere jeden Verstorbenen, gebe jeden an Bestatter aus. Manche Verstorbene seziere ich mit dem Team, viele bahre ich auf, so dass die Hinterbliebenen noch Abschied nehmen können. Ich stehe für die Trauernden zur Verfügung, berate sie, tröste und organisiere. In der Semesterzeit unterrichte ich gelegentlich Studenten und Pflegeschüler.

Der Tod fasziniert dich schon seit deiner Kindheit. Wann hast du festgestellt, dass du keine Berührungsängste hast, mit den Tod und Verstorbenen umzugehen und dass dieses Thema für dich ein Berufsfeld / deine Berufung sein könnte? Wie hast du deine Bestimmung gefunden?
Schon als Kind interessierte mich der Tod, weil mir meine Uroma von alten Bräuchen erzählt hat, z.B. dass man die Spiegel verhing, wenn jemand im Haus verstorben war. Ich war oft auf dem Friedhof und liebte das. Später fiel mir ein Lehrbuch über die Rechtsmedizin in die Hände. Nach der Schule, während meines Studiums für Heilerziehungspflege, entschied ich mich, dass ich es versuchen muss, den Tod zu erforschen und ging nach dem Studium auf die Präparatorenschule. Schon am ersten Tag dort wusste ich: Das ist es. Das will ich machen! Meine wirkliche Bestimmung erkannte ich erst, nachdem ich zehn Jahre lang tausende Leichen seziert hatte. Meine Bestimmung war dann plötzlich eine andere: Ich empfand nun das Betreuen der Trauernden viel wichtiger.

Was denkst du, welchen Stellenwert nimmt der Tod heute in unserer Gesellschaft ein?
Nach meinem Empfinden gerät er, vor allem durch die sozialen Medien, mehr ins Gespräch. Viele aus meiner Branche, vor allem Bestatter, Gerichtsmediziner und Redner posten viel aus ihrem Alltag. Sie klären auf und informieren. Trotzdem möchte man sich nicht gern mit dem Tod beschäftigen und tut dies, glaube ich, auch nicht.

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Was ist dir besonders wichtig beim Umgang mit den Verstorbenen?
Ein sorgfältiger, würdevoller Umgang. Wir arbeiten mit ihnen, schneiden sie auf, untersuchen sie, machen sie zurecht und kleiden sie an. Ich persönlich betrachte die Leichen weiterhin als Person mit einer Leidensgeschichte, einem verlorenen Kampf, mit Menschen, die sie betrauern und die sich ein Leben ohne sie nicht vorstellen können.

Als Notfallseelsorgerin erlebst und betreust du Angehörige in ihrer größten Trauer. Du tauchst in ihre Geschichten ein. Bei dir fühlen sich die Menschen geborgen, du bist für sie da, du kannst ihnen helfen. Der Kontakt zu den Angehörigen ist sicher nicht zu unterschätzen, v.a. da du auch Verabschiedungen vorbereitest und durchführst. Du machst das mit sehr großer Leidenschaft und besonderer Fürsorge und scheinst dafür ein sehr gutes Händchen zu haben. Woher kommt diese Empathie?
Von meiner eigenen Trauer, die ich mehr überlebt als durchgestanden habe. Sie hat mich damals fast mein Leben gekostet und heute, wo es mir wieder gut geht, möchte ich, dass es niemandem so geht, wie es mir damals ergangen ist. Deswegen tue ich alles für die mir anvertrauten Hinterbliebenen, denn ich weiß, wie Trauer sich anfühlt. Deshalb kann ich ehrlich Anteil nehmen, und das schafft die Verbindung, es schafft eine besondere Qualität der Trauerbegleitung.

Die Versorgung von Sternenkindern, die du ca. 100-mal im Jahr machst, und der Umgang mit den Eltern bzw. Angehörigen ist sicher nicht einfach. Kannst du hier etwas Abstand herstellen aufgrund deiner langjährigen Erfahrung? Oder nimmst du das schon auch mal mit nach Hause bzw. beschäftigt dich länger?
Über die Jahre nahm diese Arbeit immer mehr Anteil an meinem Arbeitsalltag. Sie beschäftigt mich aber nicht mehr als andere Fälle. Ich möchte nicht differenzieren, ob ein junges Leben mehr wert ist als ein älteres. Alle sind für mich gleich schlimm. Mir ist jedoch aufgefallen, dass Sterneneltern viel trauriger sind als andere Trauernde. Ihre Betreuung hat mehr Anspruch, sie ist intensiver. Und sie sind dankbarer. Während die Trauerbegleitung von Erwachsenen bei uns eher als selbstverständlich wahrgenommen wird, scheint das bei Sterneneltern nicht so. Sie sind so lieb und erkennen trotz Ihrer großen Not meine Arbeit an.

Wie verarbeitest du diese Begegnungen? Mit wem kannst du über deine Erfahrungen und Gedanken sprechen? Wer unterstützt dich dabei?
Ich könnte es meiner Mutti erzählen, möchte sie aber nicht belasten. Auch meinen Freunden will ich es nicht zumuten, und leider interessiert es auch viele dieser Freunde gar nicht. Deswegen schreibe ich mittlerweile alles auf, was mich belastet und besonders berührt hat. Und manches erzähle ich in meinen Vorträgen.

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Wer oder was schenkt dir Seelenfrieden? Wie tankst du Kraft?
Mein Seelenkater Ralle schenkt mir Seelenfrieden. Nichts beruhigt mich mehr, als mit ihm zu kuscheln. Jede Nacht legt er sich auf mich, schnurrt seine guten Vibes in mich hinein, betankt mich mit Kraft und behütet meinen Schlaf. Auch Yoga hilft mir.

Wie hat sich dein Blick auf das Leben durch deine Arbeit mit dem Tod verändert? Hast du Angst vor dem Sterben/eigenen Tod?
In den ersten 20 Berufsjahren war ich ein wildes Partygirl, hatte ständig Angst, etwas zu verpassen, wollte viel erleben. In den letzten Jahren nicht mehr. Ich habe erkannt, dass ich auch glücklich bin, wenn ich Samstagabend mit Kater Ralle zu Hause bin, und was könnte ich mir mehr wünschen, als glücklich zu sein? Vor meinem eigenen Tod habe ich nur sofern Angst, dass es für die Hinterbliebenen traurig wird. Ich will nicht, dass die Menschen, die ich liebe traurig sind. Und was wird dann aus Kater Ralle? Und ich habe Angst, geliebte Menschen zu verlieren. Aber wir sollten den Tod nicht fürchten. Es gibt so viele schöne Vorstellungen vom Jenseits! Sei es das Wiedersehen mit unseren Verwandten oder das Freisein von Schmerzen und Sorgen, ein paradiesischer Garten … im Prinzip können wir uns doch auf den Tod und vor allem auf das Danach freuen. Mein erklärtes Ziel ist es, am Ende eines jeden Tages zu sagen: Wenn ich morgen nicht mehr aufwache, dann ist es okay.

Übersinnliche Erfahrungen nach dem Tod einer nahestehenden Person war und ist für mich immer wieder ein Thema. Wie ich aus deinem Buch herauslesen konnte, hast du damit auch Erfahrung. Dieser Umstand ist tröstend und doch auch irgendwie beängstigend, wie gehst du damit um?
Ich nutze ihn für mich, wenn ich Trauernde begleite. Da mich meine Großeltern nach ihrem Tod besucht haben, glaube ich ganz fest an ein Wiedersehen und daran, dass es ihnen im Jenseits gut geht. Viele Trauernde fragen mich, ob ich an so etwas glaube, und dann kann ich aus tiefstem Herzen sagen „Oh ja, ich bin mir ganz sicher!“. Ich sehe, wie sich danach etwas in den Augen der Fragenden verändert. Ich kann so ein bisschen Hoffnung schenken.

Allerdings habe ich auch erlebt, dass diese Erfahrungen nachlassen, vielleicht ist das eine Form von Abschluss mit dem Tod des geliebten Menschen. Kommt dir das auch bekannt vor?
Ja, das geht mir auch so. Nachdem ich meine Trauerjahre überstanden hatte, kamen meine lieben Toten nicht mehr. Ich denke, sie sahen, dass es mir wieder gut geht, davor haben sie sich Sorgen gemacht und mussten einschreiten.

Friedhöfe haben dich schon immer magisch angezogen. Was genau fasziniert dich an diesen Orten der Stille? Welche Eindrücke und Erfahrungen sammelst du dort? Gibt es bestimmte Friedhöfe in München, die du besonders gerne besuchst (und warum)?
Es sind die Engelsfiguren. Ich möchte sie sehen und betrachten, ich liebe Engel! Ich schaue mir auch sehr gerne die Grabdekorationen an, die schönen Blumen, die Lichter, die Mitbringsel. Aber am tollsten finde ich die Kolumbarien, die Urnenhäuser, speziell die am Münchner Nordfriedhof. Ich gehe hinein und lausche. Dort herrscht ein ganz besonderer Klang. Ich lausche ihm und fühle mich dabei wohlig und unbehaglich zugleich. Ein toller Ort!

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Wie wichtig ist dir Natur in deinem Leben?
Ehrlich gesagt gar nicht wichtig. Ich bin ein Kellerkind und muss auch bei Sonnenschein nicht unbedingt raus.

Du wanderst gerne in den Bergen. Was gefällt dir besonders daran?
Das Wandern habe ich erst kürzlich für mich entdeckt und muss gestehen, es ist toll, obwohl es draußen stattfindet. Das Blau der Berge ist wunderschön, aber am besten gefällt mir das leckere Essen auf der Alm und dass man die Kalorien gleich wieder verbrennt.

Neben deiner unheimlich wichtigen Arbeit im Klinikum engagierst du dich auch weit darüber hinaus. Du bist Trauerrednerin und als Vortragende gibst du vielfältige Einblicke in deine Arbeit. Zudem bist du mit deinem Buch „Im Himmel gibt’s Lachs“ auf Lesungen unterwegs. Warum liegt es dir so sehr am Herzen, nicht nur in deinem Berufsalltag, sondern auch darüber hinaus Begleitung, Trost und Hoffnung zu schenken und deine langjährige Erfahrung mit anderen zu teilen?
Weil ich mich in der Lage sehe, dadurch zu helfen. Sei es durch Aufklärung, Beratung, Trost oder auch die heiteren Geschichten aus meinen Leichenkeller-Alltag, die ich bei meinen Lesungen erzähle. Ich fühle mich am besten, wenn es jemandem etwas besser geht, nachdem er etwas Zeit mit mir verbracht hat.

Hast du bereits alle dir wichtigen Geschichten erzählt, oder können wir uns auf ein weiteres Buch von dir freuen?
Das könnt Ihr! Ich schreibe gerade, und ich glaube, es wird gut!

Was sind deine Hoffnungen, Träume, und was wünschst du dir für die Zukunft?
Ich möchte gerne weiterhin arbeiten wie bisher, ich liebe meine Arbeit, sie ist (neben Kater Ralle) mein ganzer Lebensinhalt. Kater Ralle und allen Menschen, die ich liebe, soll es noch sehr lange gut gehen. Es gibt auch noch ein paar tolle Orte auf der Welt, wo ich hinmöchte, z.B. auf den Hügel der Grabkreuze in Litauen.

Wann und wo werden deine nächsten Lesungen stattfinden?
Am 19. März lese ich im Münchner Schlachthof (Tickets über Schlachthof und Eventim), am 21. März in der Stadthalle Mainburg und mal sehen, vielleicht kommt ja noch mehr.

Frollein Tod auf INSTAGRAM           „Im Himmel gibt’s Lachs“ bei THALIA

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