James Bond… is GAY!
Zwei Jahre sind vergangenen seit der letzten Tour von Laibach zur Wiederveröffentlichung von Opus Dei, bei der wir natürlich dabei waren (LINK). Heuer gibt es neue Neue Slowenische Kunst mit dem übergreifenden Tour-Thema Musick. Schon im Titel offenbart sich deutliche Kritik an den Auswüchsen der Musikindustrie. Dennoch wiegen wir uns nicht in Sicherheit, denn bei einer Laibach-Show stehen nur zwei Dinge von vornherein fest: Du weißt nie, was du bekommst, und was es auch ist, es wird auf jeden Fall intensiv.
Wie immer bei Laibach sind wir pünktlich zum Einlass da, in freudiger und gleichzeitig banger Erwartung eines möglichen neuen Endlos-Loops (wir erinnern uns – letztes Mal haben wir eine Stunde einen Ausschnitt aus „Live is life“ von Opus gehört). Doch wir haben Glück, es läuft einfach nur mehr oder weniger belanglose Pop-Musik. Doch nur scheinbar, denn wie uns nach einer Weile langsam dämmert, sind die Songs von Laibach sorgfältig ausgesucht und tragen allesamt das Wort „music“ im Titel. Eine sehr subtile Anspielung auf das neue Album Musick, die den meisten entgangen sein dürfte. Die letzten paar Songs – von den The Doors, Peter, Paul & Mary sowie von Orleans – überraschen noch einmal, denn Seventies hätte man bei Laibach nun wirklich nicht erwartet.
Mit leichter Verzögerung erlischt das Saallicht um 20:10, und auf der wie ein Computerscreen wirkenden Bühnenleinwand heißt es: “Ladies and Gentlemen and others: Welcome to the concert!” Das sorgt für ein erstes Schmunzeln im Publikum, doch es folgen noch weitere Ansagen, unter anderem “Enjoyment is optional” und “If you feel uncomfortable it’s ok. We are Laibach!” Damit haben sie die Lacher auf ihrer Seite, und die Musiker nehmen bejubelt ihre Plätze ein, von links nach rechts mit Luka Jamnik an den Synthesizern, schräg dahinter Gitarrist Vitja Balžalorsky, Bojan Krhlanko am Schlagzeug und Rok Lopatič am Synthie und Keyboardklavier. Allesamt tragen verschieden geschnittene schicke Anzüge in pink, das partiell ins Dunkelgraue changiert. Die Show startet mit dem “Intro Music Jam”, und schließlich betritt auch Sänger Milan Fras die Bühne, mit einem langen Faltenrock und und einer historisch anmutenden Military-Jacke ebenfalls in pink, und auch die legendäre Partisanenhaube darf natürlich nicht fehlen. Trotz der zum aktuellen Album passenden ungewöhnlichen Farbwahl besteht an der Ernsthaftigkeit von Laibach kein Zweifel, wie sie sogleich mit “Musick” unter Beweis stellen. Wie Sugarcandy wird die Drogenspritze in Pink präsentiert und ist dabei nicht süß, sondern tödlich, was durch das pinke Stroboskop-Lichtgewitter unterstrichen wird. Die Sängerin Wiyaala wird über die Leinwand eingeblendet, und ihre auffällige Stachelfrisur wirkt schon fast ebenfalls wie Spritzen. Dazu treten zwei Tänzerinnen im Krankenschwestern-Outfit auf den Plan, die das Ganze optisch zusätzlich unterstützen. Teils gleicht das einem “Trans Slovenia Express”, soviel Kraftwerk-Hommage steckt da drin. In “Musick Pt2” erscheinen die beiden in schwarzen Tanz-
Outfits und performen mit pinken Neonröhren, die effektvoll in neongrün wechseln. Die Gesamtperformance von Musik und Licht erinnert mich wieder deutlich an Kraftwerk.
“Fluid emancipation” hingegen fällt eher ätherisch aus und hat schon fast etwas von Mönchsgesängen. Die beiden Tänzerinnen agieren sehr ausdrucksvoll, zum Teil aber auch lasziv erotisch. Das wirkt auf mich wie eine Persiflage auf Miley Cyrus und Konsorten, die sich in ihren Videos teils recht billig mittels ‚Sex sells‘ verkaufen. In “Love machine” übernimmt Sängerin Senidah mittels Leinwand das Duett mit Milan, deren Erscheinung ich zunächst für KI-generiert halte, weil ihre Optik zu perfekt und inszeniert wirkt. Aber genau das ist im Kontext eben die Absicht und passt richtig gut zu den Kraftwerk-Referenzen. Auf der Leinwand unterstreichen Tanzbewegungen zusätzlich mittels 3D-Referenzpunkten das Maschinelle, das dem Song anhaftet. Erst das französischsprachige Serge–Gainsbourg-Cover “Love on the beat” mutet mehr industriell wie die alten Laibach an, und passend dazu übernimmt die frühere Sängerin Mina Špiler den weiblichen Gesangspart (via Leinwand), was spontanen Jubel im Publikum auslöst. Die Tänzerinnen performen dabei den sexuellen Inhalt des Stückes mit SM-Peitschen. Im Anschluss ist “Resistencia” ein schönes spanisches Duett zwischen Milan und Keyboarder Luka, das folkloristische Züge
trägt. Im Gegensatz dazu stehen markige Selbstzitate von Laibach auf der Leinwand wie “Resistance is futile” oder ”Blitzkrieg” und die roboterartigen Bewegungen der beiden Tänzerinnen, dessen Eindruck durch die Tron-ähnlichen Helme noch verstärkt wird. “Keep it reel” wird mit Zeitungsausschnitten zu Laibach eingeleitet, die übergehen in Reaction-Videos von Konzertbesuchern. Schließlich heißt es auf der Leinwand: “Bono on Laibach: I don’t get it”. Das Gelächter ist groß über Bono und die Selbstironie, die Laibach damit einmal mehr offenbaren, und gleichzeitig ist das quasi das größte Kompliment, das er hätte machen können. Den weiblichen Gesangspart im Song übernimmt hier Manca Trampuš. “Keep it reel/real” ist ein gelungenes Wortspiel, das die Tänzerinnen auch noch in “Keep it fake” ummünzen. Was ist wahr, was ist echt, was ist geschönt oder komplett falsch? Laibach inszenieren die ganze Social-Media-Blase als großen Mindfuck und warnen so eindringlich davor. Mein Hirn fühlt sich tatsächlich ganz schön gebügelt.
In “#Us” fragt Milan: “#Me too… #You too… What about #Us?” Die Tänzerinnen machen dazu eine Performance mit Handscheinwerfern, und bei aller Ernsthaftigkeit fügt Milan am Ende “And Winnetou!” hinzu, über das er herrlicherweise sogar selbst lachen muss. Wir erinnern uns schließlich alle an den Endlos-Loop des reitenden Winnetou, mit dem Laibach bei der „Love is still alive“-Tour die Konzertbesucher erfreut haben. Milan verlässt die Bühne, und auf der Leinwand wird die Frage gestellt: “It’s time to reconnect to your body. Are you ready to have some fun?” Das Publikum johlt, und zur Belohnung gibt es erst Warm-Up-Übungen und dann Tanzunterricht, mit dem die TikTok-Videos aufs Korn genommen werden. Aber die Münchner*innen machen tatsächlich
größtenteils mit. Schließlich verkündet die Leinwand: “Let’s use the moves to our next song!”, und damit wird “Allgorhythm” eingeleitet. So ergibt das Wortspiel natürlich Sinn, und so absurd die Situation einerseits ist, so lustig ist sie gleichzeitig auch. Von der großen Party wechselt die Stimmung im “Laibach medley”, das frühere Werke aufnimmt und entsprechend brachial ausfällt. “1, 2, 3, 4 – Brüderchen, komm, tanz mit mir”, dazu werden die bekannten marschierenden Stiefel eingeblendet, das Bühnenlicht wechselt von pink zu rot. Milan und Drummer Bojan verlassen die Bühne, und der Beat übernimmt. Axt-Swastikas wirbeln und werden zum Laibach-Kreuz, während die Krankenschwestern wieder die Performance übernehmen. Vitja spielt seine Gitarre mit einem Geigenbogen, und die Kombination der Bilder mit dem Beat wirkt einfach nur hypnotisch. Bojan kehrt ohne Jacke zurück, aber mit passend gefärbtem schwarz-pinken Shirt und spielt ein Drumsolo über den Sound, und mit einem letzten “1, 2, 3, 4!” meldet sich auch Milan schließlich donnernd zurück. Nun wird es etwas schräg, denn schon der Beginn des Videos zu “Luigi Mangione” ist seltsam, ein älterer weißer Herr mit Akustikgitarre in einem älteren Zug “somewhere in Germany”. Soundmäßig erinnert es stark an Spaghetti-Western, sogar eine Maultrommel ist zu hören. Das Stück beschäftigt sich mit Pro- und Gegen-Demonstrationen und der Kamera-Überwachung, die allein schon durch die alles filmenden Smartphones der Teilnehmenden sichergestellt ist. Eindringlich heißt es unter anderem: “No Justice – No Peace” und “Big Brother ist watching you”. Es folgt “Modern talking”, in dem die Tänzerinnen Teile des Gesangs übernehmen:
“Hot bunny, hot bunny, hot bunny, body swap!”, und passend dazu tragen die beiden Glitzer-Bunnyohren, um das Ganze optisch zu unterstützen. Das Video dazu ist sehr experimentell und besteht vor allen Dingen aus Textfragmenten und Fisheye-Aufnahmen. Das hat ein wenig von dem Electro-Punk von Peaches, und dann haut Milan dramatisch die Zeile des Abends raus: “James Bond… is GAY!” Endlich sagt jemand die Wahrheit.
Das alte Stück “Bossanova” fällt endlich auch wie früher Industrial-mäßig und martialisch aus, und natürlich lässt es sich Mina Špiler da nicht nehmen, dem Song mittels Leinwand ihren Stempel aufzudrücken. Ihre harte Art passt dazu aber auch perfekt, und dementsprechend begeistert reagiert auch das Publikum. Milan verschwindet zwischendurch, während der Sound zu einem wahren Crescendo anschwillt. Er taucht nur kurz wieder auf für seine starken Zeilen wie: “Feed my anger with children”, und fügt am Ende bedrohlich hinzu: “And I want my nation to break down!” Das folgende “Yes maybe no” besticht vor allem durch die tolle Performance der beiden Tänzerinnen, bei der die eine live beim Tanzen filmt, was auf der Leinwand übertragen wird. Das wurde zwar wohl vorab gedreht, weil es
nicht bis ins letzte Detail hundertprozentig synchron ist. Aber die Illusion ist so dermaßen gut, dass ich mehre Minuten brauche, um das zu realisieren. In den hinteren Reihen wird das ohnehin unmöglich. Jetzt kommt es erst einmal zu einer echten Werbeunterbrechung, in der Laibach ihre eigenen Merchandise-Artikel anpreisen, ganz so wie Werbung auch auf den gängigen Social-Media-Plattformen ungefragt eingeblendet wird. Das ist äußerst witzig und findet reichlich Anklang im Publikum. In “Singularity” stößt mittels Leinwand endlich auch Donna Marina Mårtensson hinzu, die im Gegensatz zu den letzten Touren heute leider nicht live dabei ist. Rhythmisch klatschende Hände werden eingeblendet, die sich auch aufs Publimum übertragen. Dabei heißt es: “Every tune’s a copy or remake”. Dank KI-generierter und algorhythmengesteuer Musik erstickt die Kreativität, und alles klingt austauschbar. Laibach greifen dafür ironischerweise auf Mozarts “Kleine Nachtmusik” zurück, um dies zu unterstreichen. Die beiden Tänzerinnen tragen sogar Lederhosen und kopieren damit optisch “The sound of music”. Zwei Besucher*innen werden auf die Bühne geholt, von denen einer zufällig eine passende Trachtenjacke trägt. Dann werden es vier, dann acht, und alle hopsen fröhlich auf der Bühne herum. Nur einer wirkt etwas verloren mit einem deutlichen “What the fuck ist going on?” im Blick. Alter, du hast mit Laibach auf der Bühne getanzt, das kannst du hoffentlich mal deinen Enkeln erzählen. Anschließend muss die Bühne kurz mittels göttlichem Wischmop von den reichlich geflossenen Schweißtropfen gereinigt werden, was allgemeine Heiterkeit hervorruft. Zum Abschluss gerät “Das göttliche Kind” zum Klangexperiment. Auf der Leinwand gibt es dekonstruierte Computerkunst zu sehen, die wie eine abstürzende Super-KI wirkt und diese somit in einer selbst erfüllenden Prophezeiung zerstört. Das ist tatsächlich ähnlich wie in Resident Evil oder diversen Science-Fiction-Filmen, die
ganze Show wurde also quasi von der Super-KI moderiert. Die Tänzerinnen bewegen sich dazu alienhaft auf Handstelzen, die mit zotteligen Plüsch verkleidet sind, was irgendwie verstörend und beängstigend wirkt. Ich muss dabei an den Film Krieg der Welten denken mit den dreibeinigen Außerirdischen, die alles zerstören. Dazu verlässt die Band die Bühne, und mit dem Ausdruckstanz der Tänzerinnen klingt das offizielle Konzert langsam aus.
Dabei ist es erst 21:43 (wieder 1, 2, 3, 4 – was für ein Timing!!) , und die Münchner*innen fordern energisch und lautstark nach einer Zugabe. Allzu lang müssen wir nicht warten, und Laibach kehren tanzend (!!) zurück mit der Botschaft: “Make your own kind of music”, einem Cover von The Will-O-Bees. Das ist ein wahnsinnig schönes Duett zwischen Milan und Marina, getragen von dem wunderbaren Klavierspiel von Rok Lopatič, dessen Leistung an den Tasten in der Regel viel zu wenig gewürdigt wird. Zum Abschluss intoniert Milan mit seiner
markanten Stimme die Lyrics von “Faith no more”, das anfangs an Die Einstürzenden Neubauten erinnert: “We don’t mind – do you?” Als Gastsänger erscheint dabei in “Faith no more” Bojan Cveticanin, dessen Leinwand-Auftritt etwas kitschig und schnulzig ausfällt. Das liegt vielleicht auch an der Schmalzfrisur und dem Oberlippenbart, die an Siebziger-Jahre-Schlagersänger erinnern. Doch er fragt: “Ist this the future you want to be in? If you could change it would you try again?” Eine philosophische Frage, über die es sich nachzudenken lohnt, die Milan aber am Ende donnernd beantwortet: “Switch off indifferent and reshape your fate!” Ebenso donnernd ist nun der völlig verdiente Applaus.
Ein letzter Gruß flimmert auf dem Screen: “Music is the food of love. William Shakespeare”, und damit werden wir pünktlich um 22:00 in die Nacht entlassen. Musik und Liebe können Hass und Grenzen überwinden – wir brauchen aktuell mehr davon denn je. Danke, Laibach!
Fazit: Ein Konzert von Laibach ist immer viel mehr als einfach nur ein Konzert. Es ist ein multimediales Gesamtkunstwerk, bei dem die Musik, die Videoleinwand und die Botschaft dahinter miteinander verschmelzen. Laibach halten der Gesellschaft einen Spiegel vor und warnen mit ihrer Kunst vor gefährlichen Entwicklungen technologischer und gesellschaftlicher Natur. Das macht sie so unglaublich wertvoll. Der Fokus liegt sehr auf den neuen, dance-lastigen Titeln, aber das war nach der Opus–Dei-Tour auch zu erwarten und ergibt in dem inhaltlichen Konzept auch Sinn, sonst würde es die Botschaft einfach verwässern. Manche Titel lassen sich erst jetzt richtig erfassen, die sich vor der heimischen Stereoanlage zunächst seltsam angefühlt haben. Wir werden die Songs jetzt mit neuen Ohren hören.
Last but not least: A big shoutout an die beiden slowenischen Tänzerinnen Patricija Crnkovič und Daša Resnik, die die Choreografien zur Show auch selbst konzipiert haben. Das war ganz großes Kino. Nicht nur, weil die klassische Tanzausbildung deutlich spürbar ist, sondern vor allem auch, weil sie einen willkommenen Gegenpol zu den recht statisch agierenden männlichen Kollegen bilden und so das Konzerterlebnis ungemein aufwerten.
Setlist:
Intro Music Jam
Musick
Musick Pt2
Fluid emancipation
Love machine
Love on the beat (Serge-Gainsbourg-Cover)
Resistencia
Keep it reel
#Us
Allgorhythm
Laibach medley
Luigi Mangione
Modern talking
Bossanova
Yes maybe no
Singularity
Das göttliche Kind
–
Make your own kind of music (The-Will-O-Bees-Cover)
Faith no more
Bilder: torshammare
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