Von Bob Dylan, Lou Reed und der Kraft der Liebe
Laurie Anderson kam mit ihrem aktuellen Projekt „The Republic of Love“ nach München, einer faszinierenden Mischung aus Spoken-Word-Performance und Musik gemeinsam mit der New Yorker Avant-Jazz-Formation Sex Mob. Es war ihr einziges Konzert in Deutschland. Mit München verbindet sie eine besondere Geschichte: Hier lernte sie 1992 unter ungewöhnlichen Umständen Lou Reed kennen, von dem sie bislang dachte, er wäre Brite. 1995 wurden sie ein Paar, 2008 heirateten die beiden.
Anderson, die große Avantgarde-Künstlerin zwischen Sprechgesang, Musik und Performance, führte durch einen Abend voller Geschichten, Gedanken und Musik. Sie sprach über die USA, über Politik, Ungerechtigkeit, Grenzen und Mauern. Gleichzeitig erzählte sie – teilweise auf Deutsch – von den schönen Zufällen des Lebens.
So berichtete sie von einer kleinen Feier in einem Hotel in Deutschland, auf die sie nach einem Konzert eher zufällig geraten war, bei der Geld für die Feuerwehrleute von 9/11 in New York gesammelt wurde. Sie fand diese Geste zutiefst berührend. Im Hintergrund erschienen in großen deutschen Lettern die Worte von Bob Dylans „A hard rain’s a-gonna fall“. Anderson sprach und sang den Text auf Deutsch. Es war einer der ergreifendsten Momente des Abends. Mir ist noch nie so eindringlich bewusst geworden, welche Liebe und Kraft in diesem Text steckt. Vielleicht ist das tatsächlich einer der Gründe, weshalb Bob Dylan 2016 den Nobelpreis für Literatur erhielt. Mit ihrer warmherzigen Art stellte sie ihre Mitmusiker vor. Nach einer kurzen Pause widmete sie sich Lou Reed. Liebevoll erzählte sie von seiner Leidenschaft für Martial Arts. Seit 1980 hatte er bei einem Meister trainiert. In Asien, sagte sie schmunzelnd, sei er zunächst eher als Martial-Arts-Künstler denn als Musiker bekannt gewesen. Tai Chi habe er geliebt und bei jeder Gelegenheit praktiziert. Wenn jemand über Schulterschmerzen klagte, hatte er sofort eine passende Übung parat – und gab ihr mitunter herrlich absurde Namen wie „Carry a Pizza“.
Ganz am Ende bat Laurie Anderson das Publikum, bis hinauf in die obersten Reihen, aufzustehen. Gemeinsam machten wir eine einfache Tai-Chi-Übung. Zuvor hatte sie gesagt, wie wichtig es sei, sich von den traurigen Dingen der Welt nicht vollständig die Freude nehmen zu lassen. Während das kleine Ensemble – ich glaube, es war „Born, never asked“ – die Stelle mit der zarten Streichmusik spielte, entstand ein Moment großer Ruhe und Gemeinschaft.
Laurie Anderson kündigte ihr Konzert folgendermaßen an: „The Republic of Love“ mit Sex Mob und Gästen ist eine Sammlung von Liedern und Geschichten über den aktuellen Zustand Amerikas, angereichert mit historischen Bezügen. Sie enthält mehrere meiner Lieder – darunter „Big science“ und „Language is a virus“ –, die im Jahr 2026 eine neue Bedeutung erhalten haben. Außerdem finden sich darin Worte und Gedanken vieler Amerikaner wie Bob Dylan, Lou Reed, John Cage, Gertrude Stein, William S. Burroughs und Allen Ginsberg. „The Republic of Love“ ist eine Feier der Freiheit.
Nie hätte ich gedacht, dass es so lustig (noch immer muss ich schmunzeln über ihren kleinen Witz: „Ein Skelett geht in eine Kneipe, bestellt ein Bier – und einen Wischmopp“) und warmherzig werden würde. Ich habe noch nie jemanden mit so viel Liebe, Wärme und leiser Komik über Lou Reed sprechen hören. Es war ein kleines Ausnahmekonzert. Auch wenn Laurie Anderson mit ihren 79 Jahren die zwei Stunden wie eine Junge performte, ich weiß nicht, ob ich sie noch einmal live erleben werde.
Die Musiker*innen:
Laurie Anderson, vocals
Steven Bernstein, trumpet
Briggan Krauss, alto saxophone
Doug Weiselman, guitar, woodwinds
Tony Scherr, bass
Kenny Wollesen, drums, percussion
Mazz Swift, violin & sing backup
Christina Courtin, violin & sing backup
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