Das großartige siebte Jahr

Die Dark Infection, die als absolutes Liebhaberprojekt für alle Krachfans in München begann, gibt es nun schon sieben Jahre und lockt Gäste weit über München hinaus ins Feierwerk. Live-Acts, für die man sonst weit fahren muss, DJs, für die man sonst auch weit fahren muss und Musik, die man sonst hier in der Gegend höchstens mal vereinzelt hört. Rhythm’n’Noise, Drum’n’Noise, Dark Techno usw. gibt es auf den etwa zwei Partys im Jahr zu hören, bei denen man sich regelmäßig die Socken durchtanzen kann. Im Lauf der Jahre hat sich die Dark Infection zu einem kleinen Treffen der Krachfamilie entwickelt, und die Stimmung ist jedes Mal fantastisch. Erst im November 2024 konnten wir eine (reine Party-) Dark Infection genießen, jetzt im Januar gibt es wieder das volle Brett mit Live-Acts und DJ-Programm. Und was da auf uns wartet! Schnell die Kameratasche geschnappt und ins Feierwerk!
DSC_2396Das ist dieses Mal auch ganz wörtlich zu verstehen, da ich an dem Tag aus Brüssel (Adieu, Front 242) zurückkomme, natürlich wieder alles verspätet ist und ich etwa eine halbe Stunde Zeit in meiner Wohnung habe, um den Koffer abzuwerfen und etwas zu essen, bevor es schon weiter ins Feierwerk geht. Hektisch, aber so bleibt man auch gleich im Rhythmus. Den Anfang auf der Bühne macht Disastrous Din, das Industrial/Noise-Projekt von Thomas Gäbhard, das es bereits seit 1995 gibt und mit dem er seither einige Alben veröffentlicht hat. Außerdem macht Thomas Gäbhard Musik mit Arcana Obscura, das ebenfalls (weitgehend) elektronisch ausgerichtet ist, aber weitaus weniger brachial, mit weiblichen Vocals und Mittelalterelementen. Disastrous Din liefert ein vielseitiges Set, das von harschem Rhythm’n’Noise bis zu experimentellerer Elektronik reicht, und bei manchen Songs steuert er auch kraftvoll geshoutete Vocals bei. Im Gepäck hat er auch die neue EP Complex, von der es natürlich Tracks zu hören gibt. (Einen Livemitschnitt von „Wild chase“ vom Album 3 – Hustle gibt es übrigens auf Bandcamp). Ein paar kleinere Pannen werden charmant überspielt, das Publikum tanzt sich schon mal warm und applaudiert Disastrous Din begeistert, den vielleicht nicht alle Anwesenden vor dem Abend auf dem Schirm hatten, jetzt aber ganz bestimmt.

DSC_2475Ruckzuck geht es weiter mit dem Gast mit der weitesten Anreise, Cervello Elettronico (das „elektronische Gehirn“) aka David Christian ist aus L.A. eingeflogen, und das ist schon sehr cool. Seit vielen Jahren ist er festes Mitglied der Hands-Familie, außerdem als Damascus Knives unterwegs, als DJ, Konzertveranstalter und Promoter (Los Angeles Industrial). Das letzte Mal habe ich ihn 2015 in Dortmund beim MUK.E gesehen und bin gespannt auf den heutigen Auftritt. David baut sein Set fantastisch auf, beginnt mit etwas ruhigeren Tracks und steigert dann sowohl Geschwindigkeit als auch Intensität. Hochkonzentriert steht er hinter den diversen Geräten, vor der Bühne tanzen die Anwesenden in sich gekehrt, hinter David laufen stimmige Videoprojektionen. Der Sound ist gar nicht mal besonders schnell oder besonders hart, aber ungeheuer vielschichtig und dicht, sodass man wirklich alles um sich herum vergessen kann. Nach einer knappen Stunde heißt es, wieder auftauchen und erst mal tief Luft holen. Mille grazie!

DSC_2586Viel Zeit zum Durchatmen bleibt danach allerdings nicht, denn schon steht Ah Cama-Sotz auf der Bühne, aka Herman Klapholz-Verhuyck aus Antwerpen. Ah Cama-Sotz gibt es ebenfalls bereits seit Anfang der Neunziger, viele seiner Alben sind bei Hands erschienen. Sein Spektrum reicht von mystischem Dark Ambient über Ritual/Tribal hin zu Industrial und Techno. Heute gibt es ein astreines Dark-Techno-Tribal-Set, Vollgas von der ersten Minute an, Rhythmen, die sofort in die Füße gehen, und Herman auf der Bühne kann auch kaum stillstehen. Auch in diesem Set kann man völlig versinken und sich einfach auf die Musik einlassen, die Augen schließen und tanzen, tanzen, tanzen. Weil nach Ende des Sets noch keiner genug hat, gibt es eine Verlängerung, und Herman reißt die Hütte noch eine ganze Weile weiter ab. Über den begeisterten Applaus am Ende freut er sich sichtlich, und das war auch ganz großes Lärmkino.

Wer nach drei durchtanzten Acts erschöpft ist, hat Pech gehabt, denn jetzt beginnt die Nacht ja erst, und hochkarätige DJs stehen auf dem Programm. Udo Wiessmann (Hands/Winterkälte), Aura Kamikura und Cervello Elettronico bringen, ergänzt von den Residents Mephisto und Sordid, die Hansa 39 bis in die frühen Morgenstunden mit ihren fantastischen Sets zum Beben und verbreiten verschärftes WGT-Krachnächte-Feeling, wenn auch ohne das Gewölbe. Das Publikum ist begeistert und dankbar (wir erinnern uns: Für sowas müssen wir sonst weit fahren) und feiert, als gäbe es kein Morgen.

Eine rauschende Geburtstagsfeier für die Dark Infection mit ganz viel Lärmglück war das! Vielen Dank den Veranstaltern und allen Helfern, vielen Dank den Live-Acts und DJs, vielen Dank Hands und Nicola für den Stand und allen Tanzwütigen für die großartige Stimmung. Auf die nächsten sieben Jahre!

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