Die größte Discokugel der Welt
Seit Jahren schwärmt mir meine Kollegin torshammare von KITE vor, und beim Reinhören daheim finde ich die auch wirklich nicht schlecht, aber so richtig hat es mich irgendwie nie gepackt. Aber nun ist es soweit, ich will mich jetzt endlich mal live selbst überzeugen. Wahrscheinlich muss ich die Band nicht mehr ausführlich vorstellen, mache das an dieser Stelle aber einfach auch für mich. Nicklas Stenemo und Christian Hutchinson Berg – beide ursprünglich aus Småland – sind bereits durch diverse Bands in der schwedischen Musikszene etabliert, als sie 2008 in Malmö KITE gründen. Nicklas übernimmt das Mikro, die Soundwelten erschaffen beide mit gefühlt unzähligen Synthesizern. Aufgefallen sind KITE nicht nur durch ihre Veröffentlichungspolitik – EPs und später einzelne Singles -, sondern auch durch spektakuläre Konzertkonzepte wie zum Beispiel in der Stockholmer Königlichen Oper oder dem ehemaligen Steinbruch Dalhalla. Und natürlich: Kite on Ice im Stockholmer Globen, bei dem torshammare dabei war (Link zum Nachlesen). Nachdem KITE 2017 und 2024 schon in München hätten spielen sollen und beide Male wegen Krankheit absagen mussten, haben viele Fans bis zum letzten Moment gebibbert, ob das Konzert auch wirklich stattfindet. Dieses Mal klappt es! Im Vorprogramm haben KITE die Band Vague Phonique aus Stuttgart dabei, die seit 2023 eine Mischung aus Darkwave und Synthie-Pop spielen. Sie waren auch schon einmal in unserer Rubrik Band der Woche vertreten (Link).
Wir sind eine Viertelstunde zu früh am Werk, doch warten hier bereits ca. 50 Die-hard-Fans in der heutigen Eiseskälte auf den Einlass, dabei ist die Show heute nicht ausverkauft. Mit etwas Verspätung dürfen wir schließlich ins Warme, und die ersten zwei oder drei Reihen sind sofort eng belegt. Nach und nach treffen die weiteren Besucher*innen ein, und torshammare schafft es vor lauter Begrüßungen gerade noch rechtzeitig in den Fotograben. Überpünktlich um 19:58 erlischt das Licht, und Vague Phonique betreten die Bühne, mit Nina Gijon am Mikro, Valerio Kuhl am Synthesizer und Jan Kohlmetz an der Gitarre.
Sie eröffnen ihr Set mit “Prionen”, das sehr melancholisch ausfällt, aber auch etwas schwülstig, fast schon schlageresque. Sängerin Nina ist dabei sehr aktiv, bewegt sich viel auf der Bühne und begrüßt anschließend aufgeregt das Publikum: “Hallo München! Schön, hier zu sein, wir sind Vague Phonique!” Dann fügt sie noch hinzu: “Dieser Song ist allen gewidmet, die ihren Seelenverwandten verloren haben, nicht bei sich haben oder vielleicht noch nicht gefunden haben.” Vermutlich ist es dank der auf Bandcamp verfügbaren Lyrics “End stage”. Die Anleihen bei Depeche Mode sind deutlich erkennbar, im Bereich Synthie-Pop aber auch schwer zu vermeiden. Mittlerweile ist das Werk zu etwa Dreiviertel gefüllt. Nun heißt es: “Unser nächster Song heißt ‚Chemicals‘ und handelt von Selbstzerstörung.” Das schöne Gitarrenspiel von Jan fällt hier besonders auf, und dafür gibt es jetzt auch mehr Applaus. “Dankeschön! Unser nächstes Lied heißt ‘Stadt unter Wasser’!” Das fällt auf jeden Fall sehr episch aus, dennoch wollen die großen Gefühle zumindest bei mir insgesamt nicht recht zünden. Trotzdem gibt es anschließend den verdienten Beifall. “Den nächsten Song widme ich einfach allen Frauen, weil es schöne Wesen sind!” Hier tippe ich auf “Night Club”. Der Gesang ist nicht ganz perfekt, aber das macht Nina mit ihrer Performance wieder wett. Nun meint sie halb an ihre Kollegen gewandt: “Sind wir beim letzten Lied? I’m happy! Es war wunderschön mit euch!” Nach einem Moment fügt sie noch hinzu: “Es geht um eine toxische Beziehung!” Mit ordentlich Beat gespielt wird “Unhappy”, der härteste Song, der somit live deutlich besser wirkt als im ruhigeren Original, weil er dem Thema so gerechter wird. Nina tanzt dazu ausgelassen und genießt den Moment auf der Bühne. Damit steckt sie Jan an, der ebenfalls einen Ausflug unternimmt und ein kleines Solo performt. Anschließend lacht Nina in den Beifall hinein: “Viel Spaß mit KITE! Vielen Dank an KITE und alle Beteiligten, superschönen Abend!” Damit endet der sympathische Auftritt um 20:30 Uhr.
Nun beginnt bei geschlossenem Vorhang die Umbaupause und gleichzeitig das Geschiebe nach vorn. Um 20:55 Uhr hat das Warten schließlich ein Ende, und das Saallicht erlischt. Der Vorhang öffnet sich wieder und offenbart eine beeindruckende Menge an Synthesizern und Effektgeräten. Ich zähle sechs Ständer, von denen die meisten noch dazu doppelt belegt sind. Eigentlich absurd, wenn mensch bedenkt, dass KITE ja nur zu zweit agieren. Im Hintergrund hängt die (zumindest im Bühnenbereich) wohl größte Discokugel der Welt, die dort den kompletten Platz einnimmt. Das Intro spielt Christian zunächst allein, in halbdunkles blaues Licht getaucht. Schließlich blendet ein Flak-Scheinwerfer erbarmungslos ins Publikum, und zu Stroboskop-Flackern betritt Nicklas unter lautem Jubel die Bühne. Mit seinem punkig-strubbeligen Vokuhila erinnert er mich an eine Mischung aus Daniel Ash von Bauhaus und Blixa Bargeld von den Einstürzenden Neubauten in jungen Jahren.
Sie eröffnen mit dem epischen “Wishful summer night”, das in den letzten Jahren sehr selten live gespielt wurde. Das großartige Zusammenspiel aus Musik, Stimme und Licht trifft mich in der Form völlig unerwartet. Erster Song, und ich habe direkt eine Gänsehaut. Für den Beifall bedankt sich Nicklas knapp mit einem “Thank you!”, und mit einem experimentellen Intro startet “True colors”. Der Refrain wird natürlich mitgesungen, und die Stimmung ist gefühlt schon auf dem Höhepunkt. Beide spielen dabei die Synthesizer links und rechts von sich beidseitig mit starrem Blick ins Publikum – also ohne die Tasten im Blick zu haben. So etwas habe ich in der Form auch noch nicht gesehen, aber so ergibt der Aufbau mit dem vielen Equipment natürlich Sinn. Christian zieht sich schnell den viel zu warmen Hoodie aus, und mit einem harten Front–242-Beat setzt “I can’t stand” ein, das allerdings viel wärmer klingt, als der Anfang vermuten lässt. Dazu gibt es eine Wahnsinns-Lichtshow, die die komplette Bandbreite zwischen Vollbeleuchtung und einer einzelnen kleinen Leuchte umfasst. Das folgende “Hand out the drugs” wird auch nur selten live gespielt und weckt bei mir Erinnerungen an meine eigene Jugend mit seinen Erasure-Vibes, was damals mein erstes besuchtes Konzert war. Zwischendrin nutzt Nicklas einen Stuhl im Hintergrund für eine kleine Pause, die aber verdient ist. Es ist deutlich spürbar, dass er sich völlig reinhängt. Nicht, dass das bei Christian anders wäre, aber er kann sich immerhin den Atem sparen. Mit “Glassy eyes” wird es schließlich etwas ruhiger, nur die an die Synths geklemmten Lampen verbreiten ein gelbliches Licht, und in dieser getragenen Stimmung offenbart Nicklas eine tiefe Verletzlichkeit in seinem Gesang. Das beschert mir die nächste Gänsehaut. Mit “Thank you” bedankt er sich für den Applaus, und mit “Changing” wechselt auch die Stimmung wieder in den Party-Mode. Die beiden werden auf der Bühne sogar zu Headbangern, und passend dazu fällt auch der Jubel danach entsprechend heftig aus.
Nun folgt “The rhythm”, das mit seinem mitreißenden Blubber-Sound für begeisterte Schreie im Publikum sorgt, das natürlich den Refrain wieder mitsingt. Wenn nun auch noch zu passend abgedunkeltem rotem Licht mit “Don’t take the light away” der Hit überhaupt folgt, gibt es kein Halten, und der Beat wird direkt mitgeklatscht. Bis auf diejenigen, die mal wieder maximal nervig ihr blödes Handy hochhalten anstatt den Moment zu genießen. Mal ehrlich, wenn sich so eine Show nicht bei euch im Hirn festbrennt, dann gibt es da eh nichts mehr zu retten. Ich für meinen Teil habe dabei eine stabile Gänsehaut, nicht zuletzt auch weil die nach A-ha klingenden Passagen Jugenderinnerungen wecken. Wieder gönnt sich Nicklas eine kleine Sitzpause, springt dann aber mit umso mehr Energie für das Songfinale auf. Sein “Thank you!” geht völlig im tosenden Applaus unter. Das elegische “Dance again” ist eine Aufforderung, der alle gerne nachkommen, und es wird fleißig mitgeklatscht und mitgesungen. Ein sehr cooler Song, bei dem vor allem die Strophe von David Bowie inspiriert sein könnte. Atemgeräusche als Intro leiten “Jonny boy” ein, dessen Rhythmus die Leute wieder jubeln lässt. Die bereits erwähnte spezielle rote Bühnenbeleuchtung wird wieder eingesetzt, und noch einmal komme ich um eine Gänsehaut nicht herum. “Panic music” – die ersten Zeilen werden im Gegensatz zur Plattenversion von Christian verfremdet in ein Mikro gesprochen – kombiniert Klavierklänge mit einer Roboterstimme, und passend dazu wird das Werk in kaltes weißes Licht getaucht, das den Bühnennebel toll zur Geltung bringt. Im Publikum herrscht pure Euphorie, doch dann setzt sich Nicklas erschöpft hin, und Christian verschwindet plötzlich. Ist das etwa schon das Ende? Natürlich nicht, er ist gleich wieder da und stößt auf seinem Weg die Discokugel an, die nun cool etwas hin- und herschwingt. Der Song steigert sich zu einem dramatischen Finale, das zum Glück ohne belangloses Future-Pop-Bum-Bum auskommt und trotzdem eine irre Intensität entwickelt. Zum Abschluss spielt Christian die Klavierklänge zu “Losing” auf den Knien, und den Gesang von Nicklas empfinde ich jetzt als noch außergewöhnlicher als zuvor. Heute zwar ohne Anna von Hausswolff und Henric de la Cour, aber Nicklas singt sich dabei die Seele aus dem Leib. Mit diesem Höhepunkt endet das Konzert leider doch schon, dabei ist es erst 22:01. Die beiden verbeugen sich und werden frenetisch bejubelt, “Thank you so much!” Doch schließlich fällt der Vorhang allen “Zugabe!”-Rufen zum Trotz. Schade, nicht nur ich hätte das gerne noch dreißig Minuten länger genossen. Aber ich nehme es den beiden Musikern ohne Frage ab, dass sie nach so einem Auftritt wirklich emotional und körperlich erschöpft sind. Die einen reihen sich nun in die Schlange am Merch ein, die anderen müssen sich erst einmal sammeln. Und ich versuche danach draußen in der kalten Nachtluft das eben Erlebte irgendwie zu erfassen und zu verarbeiten.
Fazit: In ihrer Funktion als Warm Up machen Vague Phonique ihre Sache gut, sind engagiert und voller Spielfreude und bekommen am Ende auch einen verdienten Applaus. Aber für viele Besucher*innen sind sie noch unbekannt und werden eher als Hintergrundmusik wahrgenommen, schließlich sind eigentlich alle wegen KITE da. Das ist natürlich ein bisschen schwierig als Vorband, aber auch ich muss gestehen, dass ich – bei aller Liebe zum 80er Pop – die Musik zum Teil als etwas seicht empfinde, irgendwie zu glatt und gefällig produziert. Auf jeden Fall kommt die Band sehr sympathisch rüber.
Und KITE? Wie bereits eingangs erwähnt hatten sie mich zuvor beim Reinhören nie so richtig gepackt. Umso erstaunlicher, dass sie heute so eine Reaktion in mir auslösen, zumal ich die Songs vorher nur ein, zwei Mal gehört habe. Ich bin völlig geflasht, und umso mehr spricht das für die Klasse der Band und die Intensität, die sie auf der Bühne erzeugen. Hier sind zwei absolute Music-Maniacs am Werk, das wird mehr als deutlich. Außerdem so eine aufwendige Lichtshow zu orchestrieren ist ein immenser Aufwand, lohnt sich aber auch bei der Wirkung. Musik, Licht und Stimme verschmelzen live zu einem einzigartigen Gesamtkunstwerk. Zum Die-Hard-Fan werde ich wohl zwar nicht mutieren, aber die Songs nun mit deutlich anderen Ohren hören. Und bei der nächsten KITE-Tour bin ich ohne Frage wieder dabei.
torshammare: Das haben wir hier im Webzine auch nicht oft, dass ein Konzertnovize und ein Die-Hard-Fan einer Band diese gemeinsam live anschauen, und umso spannender ist es, danach die Eindrücke auszutauschen. Mrs. Hyde hat es ja schon gesagt: KITE muss man live erleben. Ja, die Konzerte sind nur eine Stunde lang – das war schon immer so, das muss man wissen -, aber sowohl für Band als auch Publikum emotional so intensiv, dass diese Stunde einem mehr geben kann als manche viel längeren Konzerte. Ich bin seit 2015 begeisterter KITE-Fan, habe sie schon sehr oft sehen dürfen und freue mich jedes Mal über kleine Details wie Nicklas‚ Holzpantoffeln (die er selbst bei den hohen Kicks bei „True colors“ nicht verliert), in denen er klappernd über die Bühne springt, dass er und Christian mittlerweile auf der Bühne immer mehr aus sich herausgehen und sich am Ende sogar ein bisschen feiern lassen, dass die beiden sich zusammen mit Lichttechniker Jonathan immer wieder neue verrückte Installationen für die Bühne einfallen lassen. So auch an diesem Abend: Der Lichtaufbau ist neu, der monströse Scheinwerfer in der Mitte am Bühnenrand ist neu, und auch die große Kugel ist neu (warum sie da hängt? Das wissen KITE allein). Die Setlist ist im Vergleich zu den Konzerten der letzten ein, zwei Jahre etwas abgewandelt, und insgesamt sitzt noch nicht alles so perfekt, wie es sollte. Nicko und Kitte sind ein bisschen angespannt, schaffen es aber natürlich trotzdem (oft hinter Nebelschwaden versteckt), die einzigartige Blase aus Euphorie zu erzeugen, in der man eine Stunde lang die inneren Glücksspeicher aufladen darf. Ich persönlich könnte bei nahezu jedem Song Tränen vergießen (und tue das auch oft), wegen der Texte, der Musik, Nickos Gesang, der vielen, vielen fantastischen musikalischen Details, die auch immer wieder geändert werden, wegen der wunderschönen Kauzigkeit und Leidenschaft auf der Bühne. Egal, ob sie vor 50, 500 oder vielen Tausend Leuten spielen.
Heute Abend waren außer Mrs. Hyde noch einige andere Konzertnoviz*innen aus meinem Freundeskreis da, und alle waren hin und weg. Auch das hat mich sehr glücklich gemacht. Tack så himla mycket, KITE!
♥♥♥♥♥
Setlist KITE:
Wishful summer night
True colors
I can’t stand
Hand out the drugs
Glassy eyes
Changing
The rhythm
Don’t take the light away
Dance again
Jonny boy
Panic music
Losing
Bilder: torshammare
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