There is still time
Nachdem New Model Army letztes Jahr “nur” im Vorprogramm von Billy Idol zu sehen waren (das war natürlich trotzdem ein cooler Abend), sind sie dieses Jahr wieder regulär mit ihrer eigenen Tour in München zu Gast. Sänger Justin Sullivan hat kürzlich die 70 überschritten, und natürlich macht mensch sich da schon ein wenig Sorgen, wie lange uns diese Ausnahmeband wohl noch erhalten bleibt. Erst recht, wenn so Urgesteine wie Die Toten Hosen gerade auf Abschiedstournee sind. Das Vorprogramm bestreiten zum wiederholten Mal die Donkeyhonk Company.
Die Show findet heute im Backstage “Open Air” in der Arena Süd statt und nicht wie gewohnt im Werk, aber hier war Justin schon einmal in der Pandemie-Zeit zu Gast und hatte ein tolles Solo-Konzert gespielt (Link zum Bericht). Meine Kollegin torshammare ist heute leider auf dem Amphi in Köln unterwegs, und da ich nicht mit der großen Kamera durch den Pit hüpfen kann, muss eine kleine Knipse für die Hosentasche eben reichen. Nach und nach füllt sich die Arena, während ich am Merchandise-Stand die neue Kapuzenjacke anprobiere. XL ist schon ausverkauft, aber L passt auch wunderbar. Weil die aber ebenso den Pit nicht überleben wird, verabrede ich diese erst nach der Show zu kaufen. Erfahrungsgemäß gehen die erst hinterher, weil niemand das Ding während der Show schleppen will, versichert mir die Lady am Merch. Donkeyhonk Company beginnen schließlich ihr Set pünktlich um 19:00 Uhr. Sänger Martin „Lametto“ Sebald wechselt dabei zwischen Gitarre und Banjo, Peter „Pedl“ Sedlmeyr spielt den Kontrabass und Ludwig „Da Wig“ Klingenbeck sitzt am Schlagzeug. Gemeinsam spielen sie ihre höchst eigenständige Version von Bavarian Punk Blues. Diese ist wie immer irgendwie etwas gewöhnungsbedürftig, aber gleichzeitig auch irgendwie interessant. Ich kann sogar ein paar Donkeyhonk–Company-Shirts im Publikum ausmachen, aber auch vom übrigen Publikum bekommen sie den verdienten Applaus für den 40-minütigen Auftritt. Ihre mundbetriebene Nebelmaschine (Link zum Nachlesen) haben sie heute leider nicht dabei, aber auch ohne die verbreiten sie schon mal gute Stimmung. Es folgt die obligatorische Umbaupause und das Warten auf den Hauptact, währenddessen sich der Bereich vor der Bühne noch einmal merklich füllt.
Schließlich betreten New Model Army die Bühne, obwohl es noch gar nicht richtig dunkel ist. Nguyen Green ist der Mann an den Keyboards, dank dem sich Dean White ganz der Gitarre widmen kann, Michael Dean am Schlagzeug, Bassist Ceri Monger und natürlich Sänger und Gitarrist Justin Sullivan, die ewige Galionsfigur. Sie starten um 20:15 mit “White light”, und sobald Justins Stimme einsetzt, habe ich direkt eine Gänsehaut. Siebzig Jahre hin oder her, er hat absolut nichts an Charisma und Ausstrahlung eingebüßt. Dass ausgerechnet der Opener-Song seine Nahtoderfahrung behandelt, setzt dem Ganzen irgendwie die Krone auf. Das folgende “Echo November” bringt Bewegung ins Publikum, und der traditionelle Pogo wird eröffnet, wenn auch vorerst noch im kleineren Kreis. Doch spätestens mit “Here comes the war” kickt so richtig die Euphorie bei allen, und nun geht es richtig rund, während der Refrain herausgeschrien wird. Justins stechender Blick dabei offenbart das ganze Feuer, das immer noch in ihm steckt. Das war aber auch schon mal weniger anstrengend im Pit, insofern ist das mystische “Winter” eine willkommene Verschnaufpause und irgendwie auch zumindest eine textliche Abkühlung. Nun kündigt Justin “a kind of lovesong” an, und damit ist “Living in the rose” gemeint. Der Fokus auf ältere Songs ist schon irgendwie auffällig, zumal sich “Innocence” direkt anschließt, zu dem wieder begeistert abgetanzt und geschubst wird. Gemeinsam singen wir dabei mit: “We scream, you run – fall out, fall out! You scream and we’re gone – fall out, falling out!” Nach dem Applaus erklärt sich Justin: “On this tour we play a couple of old songs, and the thing is, they are still true. It’s just the context that changes throughout the years.” Schon mit den ersten Noten des nun folgenden “51st state” geht ein Aufschrei durch die Menge, und der Pit explodiert regelrecht bei dem Kultsong. Anschließend bietet das ruhige “Red earth” zum Glück wieder die Möglichkeit zum Durchschnaufen und einfach nur die magische Atmosphäre zu genießen. Bassist Ceri wechselt dafür an die zusätzlichen Drums, und Gitarrist Dean am linken Rand verhält sich wie eigentlich immer eher unauffällig.
Doch dann hämmern die harten Riffs von “Angry planet” durch die Arena, und der Pogo nimmt wieder Fahrt auf. Doch irgendwie fehlt heute der sonst übliche brachiale Wumms, und hinterher erklärt uns Justin: “I hope it was okay because we were not allowed to fully turn up. They are afraid we might disturb the trains running by.” Das sorgt natürlich für reichlich Gelächter. Aber “Summer moors” stimmt wieder melancholisch und nachdenklich, sodass die ganze Bandbreite an Emotionen präsentiert wird. Irgendwie passend dazu erwähnt Justin die WM, was für Erheiterung sorgt, als er meint: “But I don’t want to talk about the German team.” Über das englische Team möchte er aber nicht reden. “There is a brave young guy with a German team shirt”, sagt er und deutet auf den überraschten jungen Mann. “The British always say the Germans don’t understand sarcastic humour – but obviously that’s not true.” Noch eine Ansage zur Korruption folgt, der “Do you really want to go there” angefügt wird. Anschließend folgt “Stormclouds”, bei dem die Drums wieder dank Ceri besonders wuchtig sind und die Arena durchdringen. Das lockt auch Gleisarbeiter der DB an den Zaun, die seitlich die Show genießen, und die von Justin erfreut begrüßt werden. Auch das Publikum jubelt ihnen zu. Anschließend erklärt Justin: “I had a birthday recently now with a 7 in front, and I thought ‘Fuck, I’m getting old.’ But then we played a show in Istanbul with Patty Smith a month ago. And in backstage Patty Smith is very much like a flappy old lady, but when she got on stage! She played well, she sang well, and she even danced. And Patty Smith is eighty! So there is still time.” Es braucht zwei Sekunden, bevor die Worte bei den Münchner*innen einsacken und ihre Bedeutung im Gehirn ankommt, doch dann bricht lauthals der Jubel aus. Das Feuer der Band ist noch lange nicht erloschen, und passend dazu stimmt Justin “Before I get old” an. Das ist ein toller Song, der nun gegen das Altern neu interpretiert wird, und so heißt es am Ende: “Live real fast, still not die before I get old.” Halten wir uns alle an das Motto.
Es folgt der Klassiker “The hunt”, zu dem es im wilden Pogo wieder ordentlich zur Sache geht. “We play this song a lot lately.” erklärt Justin und widmet ihn nachträglich der AFD, Trump und allen rechtsgerichteten Regierungen in Europa, was auch entsprechend Zustimmung im Publikum findet. So in neuen Kontext gesetzt ist der Song quasi das NMA-Pendant zu Danger Dans “Keine Angst”. Außerdem fragt er, wie man das Münchner Publikum “in this beautiful garden center” beschreiben könnte und stellt schließlich grinsend fest:” Pure is it definitely not.” Dazu bildet “Purity” natürlich den perfekten Kontrast, das von allen inbrünstig mitgesungen wird. Unvermittelt rollt mir eine Träne dabei aus dem Auge. Unzählige Arme werden beim Refrain emporgereckt, und ich habe wieder eine Gänsehaut. Mittlerweile schon traditionell verabschieden sich New Model Army mit “Wonderful way to go”. Bei den ersten Takten ruft jemand: “Schau mal, der Mond!” Und tatsächlich, hell und fast voll steht er am Himmel und lässt sich dank der offenen Seiten gut beobachten. Passender könnte das wirklich nicht sein, als Justin beginnt zu singen: “The wolf he howls, howls up at the moon, out on the steps beneath my hotel room…” Mit echtem Mond dazu ist das wohl eine Premiere.
Natürlich fordern die Münchner*innen energisch nach Zugaben, es wird gejohlt, geklatscht und gepfiffen. Ich nutze die Pause, um die Kapuzenjacke beim Merch zu holen, aber verdammt: “Sorry, sold out!” werde ich entschuldigend angelächelt. Das Ding ist vergriffen, und in M sind die Arme einfach zu kurz. Doch dann sagt die nette Merch-Lady, sie hat noch zwei in XL gefunden, die versehentlich falsch einsortiert waren. Passt auch und ist sogar noch ein bisschen kuscheliger. New Model Army kehren schließlich auf die Bühne zurück, und als erste Zugabe folgt “Guessing”. Ich schaue mir das zunächst einfach von hinten an, doch irgendwie ist das anders. Es fühlt sich einfach nicht richtig an, also bewege ich mich mehr in die Menge hinein. Nach dem Beifall schreit Justin unvermittelt: “Get me out!”, und der Pit beginnt zu brodeln. Ich halte es nicht aus, und bei der ersten textlichen Wiederholung des Titels bin ich schon wieder mittendrin und reiße zusammen mit den anderen die Arme hoch. In den anschließenden Jubel hinein beginnt die Bühne grün zu leuchten, und allen ist klar, was nun zum Abschluss kommt. Ich hatte heute gar nicht mit dem Song gerechnet, aber wie immer entfaltet er seine Magie, wenn alle gemeinsam “Green and grey” singen. Und wie immer kann ich meine Tränen dazu nicht verhindern, aber die emotionale Achterbahn gehört irgendwie auch dazu. Pünktlich um 22:00 Uhr endet die heutige Show gefühlt zu kurz, da hatten NMA gerne noch zwei, drei Songs mehr spielen können. Aber es ist auch verständlich, dass auf einer Tour die Kräfte eingeteilt werden müssen. Jetzt also erst einmal ordentlich durchschnaufen und Luft holen. Wir verabschieden uns im Pit voneinander und treten langsam den Heimweg an. Ich fühle mich dabei angenehm durchgeklopft wie ein Schnitzel. Mal abwarten, wo es morgen überall weh tut, wenn das Adrenalin und die Glückshormone nachgelassen haben.
Fazit: Donkeyhonk Company werden ihrer Rolle als Warm Up völlig gerecht und erfreuen nicht nur die anwesenden Fans. Nicht ohne Grund sind sie nun zum wiederholten Male ins Vorprogramm gebucht worden. Dennoch würden sich viele sicherlich auch mal wieder über einen neuen Act freuen.
Und New Model Army zelebrieren ein Fest für die langjährigen Fans, geht die Songauswahl doch quer durch die lange Bandhistorie mit sogar sieben Titel aus der großen “Trilogie” The Ghost of Cain, Thunder and Consolation und Impurity. Der genauere Blick im Nachhinein auf die Lyrics auf die jetzige Zeit bezogen ist tatsächlich interessant, da lasst sich spüren, dass die Songs nicht eben zufällig ausgewählt wurden. Riesenrespekt geht insbesondere an Drummer Michael Dean, dem seine Verletzungsprobleme nicht anzumerken sind. Und Justin? Wirkt auch mit 70 noch nicht müde und zeigt keinerlei Auflösungserscheinungen. “There is still time” – das 50-jährige Bandjubiläum rückt damit in greifbare Nähe.
We are old – we were young – we’ll be in there together.
Setlist NMA:
White light
Echo November
Here comes the war
Winter
Living in the rose
Innocence
51st state
Red earth
Angry planet
Summer moors
Do you really want to go there
Stormclouds
Before I get old
The hunt
Purity
Wonderful way to go
–
Guessing
Get me Out
Green and grey
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