Gefahrengutrock

Und weiter geht’s für Schwarzes Bayern auf dem Free & Easy – im äußerst vielfältigen Programm ist jedes Jahr auch mindestens ein Abend mit Bands aus den Genres Psychedelic/Heavy/Seventies/Stoner vertreten, und auf diesen Abend freue ich mich immer ganz besonders (letztes Jahr waren zum Beispiel The Obsessed da, zusammen mit Siena Root, El Perro und Grand Massive). Vor allem, wenn die wunderbaren Wucan aus Dresden dafür angesagt sind, seit Jahren geliebte Stammgäste im Münchner Backstage (das erste Mal 2016 beim Under the Black Moon II) und live immer wieder ein Erlebnis. Die Opener Lenny Bruce & The Juniors sowie The Delayed sind mir beide noch unbekannt, und ich bin gespannt, was mich erwartet. Also, auf durch den Regen ins Backstage.
DSC_8539Dass es sich bei Lenny Bruce & The Juniors um das Soloprojekt von Frontmann Lenny Bruce Jr. von Dust Bolt handelt, konnte ich vorab noch herausfinden, womit Lenny seinen zweiten Free & Easy-Auftritt innerhalb weniger Tage absolviert. Und dass es dem musikalischen Motto des Abends entsprechend wohl eher keinen Thrash Metal zu hören geben wird. Gleich zu Beginn verkündet Lenny, dass es sich um den ersten Gig überhaupt von ihm und den Mitstreitern Micha an den Drums und Marvin am Bass handelt (mit denen er seit zwei Jahren jamt, wie er später erzählt). Geboten wird handwerklich sehr gut gemachter Alternative/Blues Rock, der den großen Namen der jeweiligen Genres in nichts nachsteht. Lenny führt gesprächig durch das Set, feuert das Publikum immer wieder an, bedankt sich wiederholt beim Backstage und bindet die Leute geschickt ein, die in den wenigsten Fällen mit dem Songmaterial vertraut sein dürften. Teils schon 2018 auf Lost Home Tape I veröffentlicht („Do I need you“, „Again“), teils letztes Jahr als Single („Magical heart), teils noch unveröffentlicht („Rival funk“ oder „Boomerang“) passen die Songs – live deutlich rockiger gespielt – hervorragend zu den Covern, die sich im Set verstecken (z. B. „Luka“ von Suzanne Vega und „Plush“ von den Stone Temple Pilots). Ein ganz großer Spaß, und nicht nur die Band hat Bock. „Heute mal nicht so laut wie sonst“, scherzt Lenny zwischendurch, und das ist völlig okay, die reduzierteren Songs passen super zu seiner Stimme, und mit Micha und Marvin hat er eine sehr versierte Rhythmusfraktion mit an Bord. Eine gelungene Premiere, bitte mehr von Lenny Bruce & The Juniors!

DSC_8602Von „reduziert“ kann bei The Delayed aus Rosenheim keine Rede sein, hier werden nach dem ausgiebigen Soundcheck keine Gefangenen gemacht. Voll auf die Zwölf, der Vierer – vor allem Sebastian am Schlagzeug – explodiert die nächste Stunde und lässt ein wahres Heavy-Psych-Rock-Gewitter über uns ergehen. Der mitgereiste Fanclub aus Freunden und Familie macht in den ersten Reihen ordentlich Stimmung, die schon bald auch aufs restliche Publikum übergreift. Ansagen gibt’s keine, hier regiert allein die Musik (zum Nachhören: das brandneue selbstbetitelte Album oder die Live-Mitschnitte aus den frühen Bandjahren, beides auf Bandcamp), und mit jedem Song steigert sich die Band noch. Vor allem – aber nicht nur! – Drummer Sebastian spielt sich immer mehr in eine Art heavy trance und wirbelt wild hinter den Kesseln (das Solo ist echt nicht von dieser Welt). Das Plüsch-Animal sitzt nicht umsonst vorn auf der Basstdrum … Dementsprechend euphorisch fällt der Beifall auch aus, ein Ozzy-Tribute in Form von „War pigs“ gibt es auch, und The Delayed werden nach dem furiosen Finale gebührend gefeiert und verabschiedet.

DSC_8823Ein bisschen atemlos ist man jetzt schon nach zwei so mitreißenden Bands, und der Headliner kommt ja jetzt erst noch. Wucan aus Dresden, aktiv seit 2011, eine EP, drei Alben, ein Live-Album, und die neue Scheibe Axioms erscheint Ende August. Titelstory im aktuellen Deaf Forever, diverse Touren, immer energiegeladene Konzerte, sehr eigenständiger Heavy Flute Kräuterrock mit spannenden Referenzen auf den im Westen viel zu wenig bekannten Ostrock, Gitarre, Bass, Schlagzeug, Querflöte UND Theremin im Sound – das muss Wucan erst mal jemand nachmachen. Vor allem die Live-Auftritte der Band um Sängerin (Gitarristin, Querflötistin, Thereministin) Francis Tobolsky sind eine Macht, und dementsprechend voll ist die Backstage Halle jetzt auch. Nachdem der beeindruckende Kabelsalat aufgelöst und alles eingestöpselt ist, kann es losgehen. Und wie es losgeht! „Don’t break the oath“ vom letzten Album Heretic tongues macht uns allen ordentlich Feuer unterm Hintern, ebenso wie „Owl eyes“ vom Debütalbum Sow the wind, und vom „Rat catcher“ von Reap the storm lassen wir uns nur zu gern einfangen. Dass es sich bei den meisten Leuten im Publikum um erfahrene Stammgäste handelt, sieht man an der Jägermeisterlieferung auf die Bühne, über die sich Fran und die anderen sehr freuen. Weiter geht’s mit einer Enthüllung, „viele wissen gar nicht, dass unsere Einflüsse auch im Death Metal und bei Diana Ross liegen“, erklärt Fran, bevor es mit „Far and beyond“ rasant und funky weitergeht (überhaupt: Was für eine Hymne!). Was Neues vom neuen Album Axioms (ET: 29.08.) gibt es natürlich auch zu hören, das tanzbare „KTNSAX“ (schaut euch auch das Video dazu an!) und „Axioms“ sind exzellente Kostproben. Auch das deutschsprachige, wunderbar (ost)rockige „Holz auf Holz“ ist was Neues, der Refrain geht sofort ins Ohr, die Querflöte ebenso und der Song insgesamt gnadenlos in den Nacken. Ganz groß! Ganz groß ist auch das Drumsolo von Phil, während dem die anderen ein paar Schlucke Jägermeister zu sich nehmen (und schon gibt es Nachschub aus dem Publikum). Frisch gestärkt stürzt man sich in das fast zehnminütige Krautrockepos „Wie die Welt sich dreht“ von Reap the storm, bevor es mit „Irons in the fire“ vom neuen Album noch „Gefahrengutrock“ („sächsischer Humor“, so Fran) zu hören gibt. „Danke, dass wir wieder da sein durften! Danke an The Delayed und Lenny Bruce & The Juniors!“, ruft Fran. Als Zugabe gibt es noch einen letzten Song, den die Band Ozzy (Ruhe in Frieden, Prince of Darkness) widmet: „Night to fall“.

Verschwitzt und glücklich wankt das Publikum dann in die Nacht und zum Merch-Stand oder für einen Absacker zur nächsten Tränke, denn es ist ja Free & Easy, wer noch nicht nach Hause muss, feiert weiter. Danke dem Backstage und allen Beteiligten für einen großartigen Abend voller musikalischer Ekstase, Zeitreisen und einfach gutem Rock in seinen verschiedensten Ausformungen! Mit Lenny Bruce & The Juniors sowie The Delayed haben sich zwei spannende Bands aus der Region empfohlen, und Wucan fackeln mit ihrer Leidenschaft, der großen spielerischen Klasse und der Vielschichtigkeit des Songmaterials eh alles ab (vielleicht gibt’s ja auch irgendwann mal wieder den „Wandersmann“ zu hören?). Gefahrengutrock? Gefährlich guter Rock, von allen drei Bands am heutigen Abend!

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Setlist Wucan
Don’t break the oath
Owl eyes
The rat catcher
Far and beyond
KTNSAX
Axioms
Holz auf Holz
Wie die Welt sich dreht
Irons in the fire

Night to fall

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