Tanzt!
Kaum zu glauben, aber die Dark Infection feiert bereits ihr achtjähriges Bestehen – herzlichen Glückwünsch! DIE Party in München bzw. Süddeutschland für Rhythm’n’Noise und andere härtere elektronische Sounds und immer ein besonderes Ereignis, denn für diese Musik müssen wir sonst meist ziemlich weit fahren. Noch ein wenig besonderer sind die Jubiläumsabende im Januar, bei denen das Konzertprogramm genauso hochkarätig ist wie das DJ-Programm. Vor ein paar Wochen war es endlich wieder soweit, und die Freund*innen gepflegten Krachs und ausgefeilter Sounds konnten sich auf drei Live-Acts und Tanzen bis in die frühen Morgenstunden freuen. Bring the noise!
Nach der sensationellen Sieben-Jahres-Feier (nachzulesen hier ) haben die Veranstalter*innen auch dieses Jahr wieder ein amtliches Brett aufgefahren. Den Anfang des Konzertreigens machen die Lokalmatadoren Das neue Elend, die bereits seit 2009 existieren und mittlerweile zum Duo geschrumpft sind. Auch der musikalische Stil der Herren Bluhm (Black Opera) und LineWeaver hat sich ein wenig gewandelt, weg vom Neue-Deutsche-Härte-Einschlag hin zu mehr Industrial/Body. Damit passen Das neue Elend auch wunderbar zum heutigen Abend, den sie mit Räucherwerk, tiefgrüner Beleuchtung und viel Mystik eröffnen. Nach dem Intro präsentieren Bluhm am Gesang/an der Elektronik und LineWeaver an Gitarre/Elektronik ihre bisherigen Veröffentlichungen (Märchenbraut, 2015, sowie Fractures, 2021) und bringen das schon erfreulich zahlreiche Publikum mit Songs wie „Synchronized“, dem David-Bowie-Cover „I’m afraid of Americans“ oder „Lead me to the slaughter“ auf Betriebstemperatur. Ein wenig ruhiger und eindringlicher wird es bei „Gedanken Amok“, das Bluhm mit einem aufgeschlagenen Buch in der Hand vorträgt. „Only dust remains“ heißt es beim nachfolgenden „Ashes“, und Bluhm und LineWeaver lassen etwas Asche von der Bühne auf den Boden rieseln – ein schöner Bogen zu der Räucherkugel vom Anfang. Unter großem Beifall gehen die beiden von der Bühne, doch natürlich darf der Bandklassiker nicht fehlen: „Tanz!“ gibt es als Zugabe und zugleich Motto des Abends! Vielen Dank!
Gut aufgewärmt geht es weiter mit Supersimmetria aka Armando Alibrandi aus Berlin. Musikalisch beheimatet seit diversen Jahren beim HANDS-Label (vier Alben dort bisher: Kosmogonie, Materia, Abiogenesis, Double Helix) hat er sich auf etwas zurückgenommene, oft sphärische, aber nie leichtgewichtige Dark-Ambient/Techno-Sounds spezialisiert, die auf Konserve und vor allem bei seinen Live-Auftritten eine geradezu hypnotische Wirkung entfalten. Man kann sich völlig in dem perfekt aufgebauten Set verlieren, sich von den ruhigeren Anfangstracks einfangen und den nachdrücklicheren späteren Songs endgültig mitreißen lassen. Zwischendrin wird es auch ein wenig härter und technoider, das Publikum schwingt nahezu geschlossen das Tanzbein, während Armando souverän und hochkonzentriert die komplexen Sounds auf die Bühne bringt. Seit 2012 gibt es Supersimmetria (Supersymmetrie ist ein Begriff aus der Teilchenphysik) bereits, die Alben – allesamt unbedingt empfehlenswert – behandeln verschiedene naturwissenschaftliche Gebiete – das aktuelle, Double Helix, zum Beispiel den Ursprung unseres Lebens, die DNS. Deren Bausteine trägt Armando heute auch auf seinem T-Shirt (auf den ersten Blick leicht mit dem AC/DC-Logo zu verwechseln, sehr nettes Detail). Eine musikalische Reise durch den Menschen und andere Sphären also, die wie aus einem Guss wirkt und viel zu schnell schon wieder vorbei ist. Ganz wunderbar war das!
Sehr schnell vorbei ist auch die Umbaupause, denn wie schon bei seinem letzten Besuch in München 2023 schleicht Leif Künzel alias Mono No Aware (übrigens bereits seit 1995 aktiv!) unbemerkt auf die Bühne und fängt einfach mal an. Dieses Mal müssen die Anwesenden aber nicht überrumpelt zurück vor die Bühne eilen, man lernt ja dazu. Brachial geht’s gleich mit „Oh boy“ vom Album Mujoo (HANDS) los und stellt die Weichen für das gesamte Set. Vor drei Jahren habe ich über Mono No Aware Folgendes geschrieben, was ich nicht besser ausdrücken kann, daher wiederhole ich mich hier kurz: „‘Mono no aware‘ ist der japanische Begriff für ‚Die Schönheit/Zerbrechlichkeit/Vergänglichkeit‘ der Dinge und beschreibt das Gefühl der Freude und gleichzeitigen Melancholie über etwas, das gerade noch da ist, bald aber schon nicht mehr da sein wird. Wer genau hinhört, entdeckt ebendiese Verflechtung gegenwärtiger Schönheit mit der Traurigkeit des Moments in Leifs Schaffen.“ Die Songs sind perfekte, rhythmische Noise-Attacken, die direkt in die Magengrube gehen – aber auch ins Herz. Die emotionale Performance hinter den Geräten spiegelt die Emotionen wider, die in Form von vielschichtig aufgebautem Klang aus den Geräten kommen. Tracks wie „In endless change“ (ebenfalls von Mujoo) oder „Juushiki o koeru“ (von Resist: Compilation for Ukraine Vol. 3) oder auch die diversen neuen Songs, die Leif heute Abend präsentiert, laden vortrefflich zum Tanzen ein, aber vor allem zum Abtauchen in die eigene Welt. Für mich bedeutet (nicht nur diese) brachiale Musik inneren Frieden und innere Leichtigkeit, und anderen Fans dieser Sounds geht es vielleicht ähnlich. Ich wiederhole mich noch einmal: „Pures Lärmglück eben, das Mono No Aware hier aus ganz neuen und teilweise richtig alten Tracks zu einem organischen Ganzen verbindet.“ Genauso ist es.
Nach diesen drei wunderbaren Konzerten wäre eine kurze Verschnaufpause vielleicht gar nicht schlecht, aber es folgt noch die genauso wunderbare Party mit den illustren DJ-Gästen Udo Wiessmann (HANDS/Winterkälte), Aura Kamikura und Leif sowie den Residents Sordid und Mephisto. Noch viele Stunden Lärm- und Tanzglück also für die Anwesenden, die die verschiedenen Sets mit großer Begeisterung und Applaus honorieren. Eine kleine HANDS-Label-Night, ein bisschen WGT-La-Revolucion-Industrial-Feeling (minus das Gewölbe), glückliche Gesichter, qualmende Schuhsohlen – was für eine Nacht!
Vielen Dank den Organisator*innen, allen Helfer*innen, dem Feierwerk, allen Acts und DJs und vor allem allen Anwesenden, die bis früh morgens die Tanzfläche gefüllt haben. Die nächste Dark Infection findet am 17.10.26 statt – save the date!



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