Wenn was Negatives was Positives ist
Ein verpasster Bus am Candidplatz in Richtung Mariahilfplatz verhalf mir zu einem kurzen Herumschlendern in dieser Gegend, die ich eigentlich recht gut kenne. Aber herumstehen steht mir nicht, also bin ich in den Innenhof des Ärztehauses mitten am Candidplatz spaziert. Dort habe ich ein paar Minuten einem Maler auf einem Kran zugesehen, musste dann aber weiterziehen. Einige Wochen später kam mir das nun sicherlich fertiggestellte Mural in den Sinn. Ich habe es aufgesucht und dann nachgelesen. Es ist von dem Street-Art-Künstler Francisco Bosoletti aus Argentinien. Er hatte vor etlichen Jahren schon einmal eine eigene Ausstellung in München, und sein neuestes Wandbild ist nun in Giesing zu sehen. „Disruptive Nature“, so heißt eine Bilderserie Bosolettis. Was bedeutet dieser Begriff?
In München gibt es sehr viel Beton und Grau. So wird beispielsweise eine Pflanze, jeder blühende Baum oder Strauch zur positiven Überraschung – für Liebhaber des Bunten. Wenn man Grau dagegen liebt, empfindet man diese plötzlich auftretende Natur aber als störend: disruptiv. Ob Bosoletti ein heimlicher Grufti ist, konnte ich ihn natürlich nicht fragen, aber sein neuestes Mural bezeichnet man als disruptive Natur.
Angeblich soll das Ärztehaus am Candidplatz in den nächsten Jahren abgerissen werden. Anwohner befürchten, dass eine Art von Aufwertung der Gegend durch neuere Bauten wieder eine Erhöhung der Mieten hervorbringt. Doch zumindest gibt es in der Zwischenzeit wieder einmal eine Zwischennutzung, eine neue Bar namens Roody, Co-Working-Räume, Workshops und diverse Kunst-Events. Kuratoren dafür sind u.a. Marco Eisenack vom Mucbook-Clubhaus und Heiko Zimmermann von der Street-Art-Galerie Art Avenue. Unterstützt von einem Energie-Unternehmen aus Ingolstadt haben sie den 36jährigen Francisco Bosoletti nach München an den Candidplatz geholt. Bosoletti beschreibt seine „Disruptive Nature“-Serie so, dass er verschwundene Landschaften zurück in den urbanen Raum hole. Dort, wo man sie nicht erwartet, wie im Ärztehaus-Innenhof. Da gibt es nun eine gesprühte, große Blüte an der Wand. Diese ist ganz besonders dargestellt, nämlich schwarz-weiß und inversiv, sozusagen als Negativ. So als würde man auf den Negativ-Streifen eines Films blicken. Will man das Motiv „richtig“ sehen, muss man es fotografieren und mit einer Software oder App in ein Negativ beziehungsweise positiv verwandeln.
Bei einem Abriss des Ärztehauses könnte angeblich das Kunstwerk erhalten bleiben, da die Gebäude nicht aus Beton sind, sondern aus Glas und Metall. So könne man das Bild herauslösen.
Es bleibt spannend.
Wo genau:
Candidplatz 15
Im Innenhof des Ärztehauses
München-Untergiesing
Mehr vom Künstler auf Instagram: @bosoletti
(Infos aus der SZ)
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