Weit mehr als nur ein Kleid
Ein Dirndl ist mehr als nur ein Kleid. Es steht für bayerische Tradition, Geschichte, Handwerkskunst, es ist aber auch ein modisches Statement.
Im tim in Augsburg kann man derzeit auf über 1.000 Quadratmetern die ca. 200-jährige Geschichte und Entwicklung des Dirndls nachempfinden. Man erfährt sehr spannend dessen Entwicklung, wie die Politik dazu stand, wie es in der Bevölkerung angenommen wurde, was die Neuzeit mit ihrem Tourismus und den Medien aus dem Dirndl gemacht hat.
Nachdem ich zuerst die Dauerausstellung besucht hatte (wer Zeit hat, diese unbedingt mit einplanen, sehr sehenswert!), bin ich über eine Treppe nach oben in die Dirndl-Ausstellung gegangen. Am Geländer erwartet einen am Eingang schon ein Dirndl, und nach dem Eintreten lerne ich als erstes etwas: Was ein „Schößchen“ ist, wusste ich schon, aber ein „Schinkenärmel“, oder ein „Bscheisserl“? Das ist eine Blusenattrappe bzw. der sichtbare Teil einer unter der Brust endenden Dirndlbluse. Die Grundbegriffe hätten wir damit also schon einmal überrissen.
Dann geht es weiter von der damals praktischen Arbeitskleidung zum modischen Statement. Da ist das Dirndl einer Sennerin aus Gaißach mit Abnutzungsspuren, hier gehörte es einfach zum bäuerlichen Arbeitsalltag. König Maximilian II. von Bayern wollte mit der Tracht gezielt ein bayerisches Nationalgefühl kreieren. Es gab später Trachtenvereine, Städter fanden Tracht total cool, und wer konnte, reiste nach Bayern oder Österreich, in Dirndl oder Lederhosen. Hat doch immerhin schon Sissi damals Dirndl getragen:
Marlene Dietrich mit ihrer Tochter Maria Riva 1936:
Eine kleine traurige Zäsur gibt es im kometenhaften Aufstieg der Geschichte des Dirndls. Die Nationalsozialisten wollten damals Dirndl und Tracht nur einer vermeintlich arischen Bevölkerung gestatten. Das Wort „Dirndl“ wäre angeblich eine Erfindung jüdischer Konfektionäre und sollte aus dem Sprachgebrauch verschwinden. Es sollte stattdessen „Leibkittel“ heißen. Die jüdische Familie Wallach in München, die wunderschöne Dirndl herstellte, hat Vertreibung und Tod im Konzentrationslager erleiden müssen.
Doch das Dirndl setzte sich durch. Nach dem Krieg liebten die Menschen Feelgood-Filme, -Musicals, -Operetten mit Menschen in schmucker Tracht. Filme wie Die Trapp-Familie oder die amerikanische Version The sound of music haben das Dirndl zum Kultobjekt erhoben. Gottseidank gab es die Burda mit seinen Schnittmustern, die Damen konnten selbst Hand anlegen.
Die Hostessen für die Olympischen Spiele 1972 in München hatten maßgeschneiderte Dirndl am Leib, auch Fräulein Silvia Sommerlath, bevor sie dadurch ihren zukünftigen Mann, Carl XVI. Gustaf von Schweden, kennenlernte und zur Königin wurde.
Paris Hilton hat 2006 das Münchner Oktoberfest besucht – im Dirndl von Lola Paltinger. Seitdem sagt man, war es nahezu unmöglich, ohne „Tracht“ die Wiesn zu besuchen.
Nicht jedes Dirndl muss teuer sein, aber es gibt hochwertige Variationen und Haute Couture von Lola Paltinger und Vivienne Westwood.
Dirndl, die eher zu einer Gothic-Party passen als aufs Oktoberfest oder auf einen Ball im Bayrischen Hof. Mittlerweile gibt es Dirndl „à l´Africaine“ mit Kauri-Muscheln, oder im Kimono-Style – nichts ist unmöglich. Aber es scheint unmöglich zu sein, das Dirndl totzukriegen oder ohne Dirndl auf die alljährliche Wiesn zu gehen.
Die Ausstellung zeigt zusätzlich auf einem Monitor Ausschnitte aus 15 Heimatfilmen – natürlich auch aus Sissi und ein „Dirndl Lab“. Hier können sich die Besucher*innen zu Fragen äußern, wie man sich im Dirndl fühlt, warum man sich ein neues kauft, und junge Menschen wurden gebeten, sich ihr eigenes Dirndl zu stylen. Interessante Entwürfe, kann ich nur sagen!
Staatliches Textil- und Industriemuseum Augsburg (tim)
Provinostraße 46
86153 Augsburg
Eintrittspreise:
6 Euro; ermäßigt 4 Euro;
Kombiticket mit tim-Dauerausstellung erhältlich.
Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre Eintritt frei!
Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag 9 – 18 Uhr
04.04.2025 bis 19.10.2025
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