Die Banalität des Grauens

Es gibt so Momente, an denen der YouTube-Algorithmus eine*n überrascht. Wobei ich im ersten Moment schlucken musste, denn das erste, was ich sehe, ist die schwarze Uniformmütze, bei der das Swastika-Emblem nicht verpixelt ist. Das ist krass – gerade in Deutschland – doch nicht minder krass ist die Eindringlichkeit, mit der Paul Sies die Lyrics seines Songs „Auch in der Nazizeit war Spargelzeit“ regelrecht unter die Haut gehen lässt. Das eigentlich schlichte Video verstärkt den Eindruck noch, und ich habe direkt eine Gänsehaut bei einem unbekannten Song eines mir bislang unbekannten Künstlers. Mehr noch, es fröstelt mich regelrecht, und das liegt nicht am Schnee im Video.

In einer schwarzen Nazi-Uniform stapft Paul Sies über ein winterliches Feld und intoniert seine Lyrics mit stechendem Blick in die Kamera. Die Wut lässt sich deutlich spüren, die Wut über Opa, über die Gesellschaft damals wie heute, die Wut über sich selbst. Das Video ist eine tiefgreifende Analyse, was falsch läuft in Deutschland. Es ist eine Anklage, aber auch eine Botschaft. Eine Warnung, dass sich die Geschichte gerade wiederholt – eine deutsche Geschichte, die sich nicht wiederholen darf. Die Verwendung der Uniform verstärkt diese Warnung, und in diesem Fall ist ihr Einsatz daher tatsächlich angebracht.
Bei all dem agiert Paul Sies aber nicht oberlehrerhaft von oben herab. Vielmehr hält er den Hörer*innen, aber eben auch sich selbst, einen schmerzhaften Spiegel vor das Gesicht. Jede*r muss sich selbst die bange Frage stellen: “Wie würde ich mich heute verhalten?” Und wie lässt sich die Trägheit überwinden, die eigene Bequemlichkeit, in der Gewissheit am Ende nicht wirklich betroffen zu sein? “Und so lieg ich in der Wanne, Was ist nur mit mir geschehen, Will so gerne protestieren, Doch das ist so unbequem”. Mal ehrlich, wer fühlt sich da nicht auch ertappt?

Der Songtitel ist eine Abwandlung des MaxGoldt-Zitats: “Auch in der Nazizeit war zwölfmal Spargelzeit”, das verdeutlicht, dass trotz aller Verbrechen Saison für Saison der banale Alltag weiterlief. Die Saisonfeste wurden gefeiert, es wurde geliebt, geheiratet und zur Arbeit gegangen. Alles war gut, solange mensch nicht betroffen war.
In einer Zeit, in der eine als gesichert rechtsextrem eingestufte Partei Zustimmungswerte von 40 % erhält, ein unglaublich wichtiger Titel. Gegen das Verdrängen. Gegen die schleichende Normalisierung von Nazi-Sprech und rechtsradikalem Gedankengut. Gegen die Banalität des Grauens.

Paul Sies wurde 1994 in Bad Nauheim geboren und ist ein deutscher Theater- und Filmschauspieler und darüberhinaus auch Musiker. Sein Debütalbum Die echte Welt ist 2019 erschienen, gefolgt von Why nicht 2021. Sein aktuelles Album ist Mein schöner Hals von 2025.

Links:
https://paulsies.com/
https://www.facebook.com/paul.m.sies
https://www.instagram.com/paul.m.sies/

Paul Sies: Auch in der Nazizeit war Spargelzeit

Der Wald ächzt neblig
Die Bäume klamm
Schwarze Erde blutgetränkt
Ein Partisan unter Krähen an einem Baum erhängt
Opa der zitternd immer wieder nur an Oma denkt

Die sitzt mit ihren Freunden in der Sonne isst ein Schnitzel
Schwarzrotweißer Schirm
Gegen die Hitze
Und das Bier ist herrlich kalt
Im Hintergrund nur unscharf
Die Schornsteine von Buchenwald

Das Gerücht über die Juden
Der Geruch von Senf
Riecht Opa unter seiner Maske alles ist versengt
Und plötzlich stehen hier Menschen
Noch ein Mensch und noch ein Mensch
Oder hundert die zu Schubertklängen in der Scheune brennen
Schieß drauf Opa
Stell sie an die Wand
Du kannst nichts dafür
Du dienst nur deinem Land
Mach die Augen zu
Und stell bloß keine Fragen
80 Jahre später sag ich
Auch du warst im Widerstand

Ich bin Enkel von Mördern
Doch sie könnens gut verstecken
Unter Blümchentischdecken
Liegt das Grauen liegt das Messer

Ganz normale Deutsche
Haben nichts gewusst
Ziehen unter die Geschichte
Endlich einen Schlussstrich

Enkel von Monstern
Doch es wird nie befreit
Nimm dir nach von den Kartoffeln und vergiss nie
Auch in der Nazizeit war Spargelzeit

Heute
Bin ich ein guter Mensch
Ich bin Demokrat
Sowas könnt mir nicht passieren
Ich verüb ein Attentat
Auf den Führer
Wenns je wieder soweit kommt siehst du mich nicht vorn dabei
Sondern Untergrund Widerstand Partisanenstyle

Das dacht ich als ich jung war
Ich bin doch kein Rassist
Die Welt ein freier Ort
Wo nichts in Stein gemeißelt ist
Die Nazis ewig her
Und das waren andre Wesen
So wie Aliens oder Monster
Aber keine echten Menschen

Heute seh ich die Kontinuitäten
Die Linien die von meinem Opa führen
Bis zum Massaker in der Ukraine
Von Goebbels zu Höcke
Neuer Glanz für alten Dreck
Wir haben sie nicht gesehen
Doch die Monster waren nie weg

Und was rede ich von Monstern
Das waren ganz normale Männer
Klein beleidigt und gekränkt
Karrierewillen kleine Gangster
Mit Mutterkomplexen und von guten Schulen
Sieh dir Deutschland heute an
80 Jahre weiterspulen

Es gibt endlich wieder blonde Männer stolz auf ihr Land
Zweitstärkste Kraft
Und jeder der da nicht reinpasst
Friert hier schon so lang
Doch ich hab meine Karriere
Weisst du es ist kompliziert
Muss an die Kinder denken
Man ich kann nicht emigrieren

Und so lieg ich in der Wanne
Was ist nur mit mir geschehen
Will so gerne protestieren
Doch das ist so unbequem
Meine weichen schwachen Hände
Haben keinen blassen Schimmer
So geht die Welt zugrunde
Nicht mit einem Knall
Sondern mit Gewimmer

Ich bin Enkel von Mördern
Doch sie könnens gut verstecken
Unter Blümchentischdecken
Liegt das Grauen liegt das Messer

Ganz normale Deutsche
Haben nichts gewusst
Ziehen unter die Geschichte
Endlich einen Schlussstrich

Ich bin Enkel von Monstern
Doch es wird nie befreit
Nimm dir nach von den Kartoffeln und vergiss nie
Auch in der Nazizeit war Spargelzeit

(416)

0 Kommentare

Hinterlasse ein Kommentar

An der Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert