Wenn Kinder töten
Eine ganze Armada von Polizeiautos hält vor einem unscheinbaren Haus. Polizisten stürmen morgens um 6.00 Uhr hinein. Sie zerren einen Jungen aus dem Bett, der sich vor Schreck einnässt. Vater, Mutter, Schwester, alle sind schockiert. Jamie – erst 13 Jahre alt – wird aufs Revier mitgenommen. Er soll in der Nacht zuvor einen Mord begangen haben.
Alles, was am Revier passiert, lässt den Jungen total unschuldig erscheinen. In der Kleidung, die er anziehen muss, versinkt er. Vor einer Blutabnahme hat er augenscheinlich furchtbare Angst. Das ihm angebotene Frühstück schafft er nicht zu essen. Allein, dass ihm sein Vater zur Seite gestellt wird, hilft ihm scheinbar. Trotzdem dauert es keine Stunde, bis dem Vater, dem Pflichtverteidiger und uns Zuschauer*innen klar ist: Jamie war’s. Es gibt ein Beweisvideo. Doch das Ermittlerteam bringt aus ihm nichts heraus. Jamie sagt, er hat nichts getan. Die Ermittler*innen begeben sich zur Schule, denn irgendwo muss die Tatwaffe sein – ein Messer, mit dem siebenmal auf das Mädchen eingestochen wurde, bis es auf einem Parkplatz verstarb. Außerdem fehlt ein Motiv. In der Schule kannten alle Jamie und das verstorbene Mädchen. Doch alle sind recht unkooperativ. Der Sohn des leitenden Beamten gibt seinem Vater einen entscheidenden Hinweis. Die Instagram-Posts des jungen Täters wie auch des Opfers sind nicht so unscheinbar, wie sie dachten. Emojis in den Kommentaren sprechen eine eindeutige Sprache – die man anscheinend um die 35 – 40 nicht mehr spricht. Er wurde in den sozialen Medien als „Incel“ dargestellt. Als Typ, ganz kurzgefasst, auf den keine Frau abfährt, oder der vielleicht auch gar nicht scharf darauf ist. Wurde er gemobbt? Ist das das Motiv? Der dritte Teil beinhaltet einzig und allein eine Unterhaltung zwischen Jamie und einer Psychologin sieben Monate später. Das ist fast ein Kammerspiel. Hier sieht man ganz genau, wie Jamie agiert, reagiert, beeinflussen will. Die Psychologin versucht sich nichts anmerken zu lassen, doch sie ist über den Jungen schockiert. Ein weiterer Zeitsprung – es ist jetzt über ein Jahr her, dass Jamie auf seine Verurteilung wartet – zeigt das Leben seiner Familie. Wie lebt man weiter, wenn das eigene Kind ein Mörder ist? Wie verhalten sich Nachbarn und Freund*innen? Hat man noch Freude, woran kann man sich festhalten? Jamie kommt hier lediglich in Form einer Telefonstimme vor. Was das auslöst in der Familie, ist sehr eindringlich. Erziehungsmethoden werden hinterfragt, was man besser hätte lassen sollen oder besser gemacht hätte. Wie und wo man weiterleben soll.
Die Serie stellt das England unserer aktuellen Zeit dar, und es wird im Rest der westlichen Welt nicht anders aussehen. Was ist das Motiv? Es gibt nicht nur eines, es sind viele. Eltern, die nichts ahnen, ein schnell wütend werdender Vater als Role Model, überfordertes Schulpersonal, Mobbing, unentwegter Umgang mit den sozialen Medien, Jamies Unsicherheit in Bezug auf sein Aussehen, seine Unsicherheit gegenüber Frauen. Dazu ein derzeit vergötterter und polarisierender Andrew Tate mit seinen frauenverachtenden Aussagen. Dann kommt noch die Incel-Bewegung dazu. „Incel“ – das Wort setzt sich aus den beiden englischen Begriffen „involuntary“ und „celibate“ zusammen und bedeutet so viel wie „unfreiwillig sexuell enthaltsam/zölibatär“. So hat man Jamie in der Schule gesehen. Das alles hat den Jungen zu seiner Tat geführt.
Diese Miniserie ist das Eindringlichste, das ich seit langem gesehen habe. Ein sehr akzentuiert ausgesuchter und sehr einfühlsamer, passender Soundtrack verstärkt das Ganze. Ergreifend am Ende der zweiten Episode, wie Menschen am Tatort Blumen niederlegen, und ein Kinderchor aus dem Off Stings „How fragile we are“ singt. Oh ja, diese zerbrechlichen jungen Menschen. Auroras „Through the eyes of a child“ ganz am Ende passt, als wäre es eigens dafür komponiert. Muss zugeben, ich hatte schon wieder mal Tränchen in den Augenwinkeln.

Adolescence
Produktionsland: Vereinigtes Königreich
Genre: Krimi, Drama
Cast: Owen Cooper, Stephen Graham, Christine Tremarco u.v.m.
4 Episoden seit 13. März 2025 auf Netflix
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