Am Ende der Welt zu Beginn der Zeitrechnung
Eine Frau und ein Junge stehen mitten im Nirgendwo an einem Bahngleis, das dort einfach endet. Sie fragen nach jemanden, der sie wohin bringen sollte. Ihre Kutsche war zu spät dran, der Scout ist weg. Niemand ist bereit, die beiden zu führen, aber eine Gruppe Mormonen will sie ein Stück mitnehmen. Doch plötzlich gibt es ein Riesengemetzel, maskierte Männer greifen an, Indianer sind mit dabei, nach sehr viel lautem Hin und Her bleiben letztlich nur noch ein paar Mormoninnen übrig, sowie der Junge und die Frau, die sich schützen konnten. Den gefangen genommenen Mormonen-Damen werden die Kehlen durchgeschnitten, bis auf eine.
Abish heißt sie, und der Indianer, der sie verschont, nimmt sie mit zu seinem Stamm. Ihr frisch angetrauter Gemahl hingegen wurde bei dem Kampf fast getötet, aber weil er hart im Nehmen ist und ein großes Ziel hat, nämlich Abish zu suchen und zu retten, kann man ihn einigermaßen zusammenflicken. Seitdem hat er einen schlecht angewachsenen Skalp auf dem Kopf und wird jeden Tag irrer.
Sehr schnell wird die Tendenz der Serie klar: Es wird extrem brutal. Alle jagen alle, alle nehmen alle gefangen, jede*r will dieses Stück angeblich unbesiedelten Landes in Utah, völlig egal, dass es hier eigentlich Ureinwohner*innen gibt. Der „Wilde Westen” bietet nicht viel Gutes hier. Mormonen, Soldaten, Native Americans, Frauen, Kinder, Männer: Hier wird sich gegenseitig abgeschlachtet mit Messern, Pfeilen, Äxten und Gewehren, falls noch was übrig sein sollte, wird es abgefackelt. Aber nun gibt es etwas Besonderes: Trotz all der testosterongeschwängerten Brutalität stehen im Mittelpunkt des Sechsteilers drei Frauen. Sara, die um jeden Preis sich und vor allem ihren Jungen in Sicherheit bringen will, Abish, die Mormonin, die sich bald mehr als eine Shoshonin fühlt als eine Weiße, und Two Moons, ein junges Indianer-Mädchen, das wegen Missbrauchs in der Familie nicht mehr dort bleiben kann. Einziger Lichtblick für Sara, ihren Sohn und die stumme Two Moons ist der wortkarge Isaac Reed. Er möchte einfach nur ein ruhiges Leben führen und niemandem in die Quere kommen – was schwer ist. Doch er rettet die drei und führt sie in Richtung Crook Springs, wo angeblich Saras Mann auf sie wartet und mit ihm ein besseres Leben.
Ist das alles nur Fiktion? Den Utah-Krieg gab es. Die brutalen Szenen am Anfang nennt man das Mountains-Meadows-Massaker. Die Hauptfiguren können dem entkommen, doch es steht als Symbol für das absolute Chaos der Besiedlung der USA. Alle bekämpfen sich unentwegt gegenseitig, obwohl sie alle das gleiche Ziel haben: ein besseres Leben, irgendwo im Westen. Manches, was in American Primeval dargestellt wird, ist wirklich so oder ähnlich passiert, ganz einfach nachzulesen, sehr interessant.
Wieso ist dieses American Primeval so toll gemacht und faszinierend? Hinter American Primeval steckt u.a. Mark L. Smith. Smith arbeitete auch am Drehbuch von The Revenant mit, woraufhin Leonardo DiCaprio damals einen Oscar bekam. Mir gefällt auch noch außerordentlich, dass in American Primeval Frauen im Mittelpunkt stehen. Meist sind sie in Western ja nur Beiwerk, doch hier müssen sie sich durchschlagen, und das machen sie mit Herz und Hirn. Sie wollen einfach ein besseres Leben in der amerikanischen Urzeit – was American Primeval übersetzt heißt.

American Primeval
Seit Januar 2025 sind alle sechs Folgen bei Netflix abrufbar.
Idee und Drehbuch: Mark L. Smith
Regie: Peter Berg
Besetzung: Taylor Kitsch, Betty Gilpin, Preston Mota, Shea Whigham, Dane DeHaan, Saura Lightfoot-Leon, Shawnee Pourier u.v.m.
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