John, Paul, George und Ringo
Rotterdam droht in der Kriminalität zu versinken. Es ist eins der größten Drogenumschlagplätze weltweit. Kriminelle scheuen sich nicht mehr vor Publikum, die Einwohner sind massiv bedroht. Die Polizei will Personal aufstocken, sie sucht Abhörspezialisten. Das, was da im Auswahlverfahren sitzt, beeindruckt den Chef keinesfalls. Bis Roman kommt, mit seinem Blindenhund. Er hat heute im Affekt seinen Callcenter-Job gekündigt, weil er hier anfangen will. Nach anfänglichem Belächeln ist das Team beeindruckt. Roman kann sich komplett die ganze Szenerie vorstellen, anhand der Tonbandaufnahme, die ihm vorgespielt wird. Seine visuelle Beeinträchtigung gleicht er durch ein umso besseres Gehör aus. Er kann Details heraushören, die anderen verborgen bleiben.
Er ist eingestellt. In sechs 45-minütigen Episoden klärt das Ermittlerteam, auch durch ungewöhnliches Engagement dieses blinden Mannes, einen außerordentlich großen Fall. Das „lustigste“ daran ist der Name des Drogenkartells, mit dem die Cops zu tun haben: Die vier usbekischen Bosse nennen sich intern nach den vier Beatles, wobei das meiste Gerangel immer zwischen „John Lennon“ und „Paul McCartney“ herrscht – wie eben im echten Leben. Mit den Ermittlungen geht es nicht immer steil nach oben, es gibt Misserfolge, auch privater Natur. Roman wird bald Vater, doch er hat Angst davor. Wird er ein guter Vater werden? Er erinnert sich an viele ungute Situationen, seit er als Kind sein Augenlicht verlor. Er bewundert Väter, die mit ihren Kindern spielen und auf sie aufpassen. Wird es bei ihm so sein, dass sein Kind auf ihn aufpassen muss? Es gibt Rückblenden in seine Vergangenheit, auch wie er seine Freundin kennengelernt hat, was ein noch besseres Gesamtbild ergibt. Roman ist ein wirklich guter Kerl, und sein Team nennt ihn nicht zu Unrecht „Blind Sherlock“.
Das Szenario erinnert ein wenig an die britische Krimiserie Code of Silence: Tödliches Schweigen (LINK). Dort war es eine gehörlose Frau, die von der Polizei als Lippenleserin eingesetzt wird. Bei Blind Sherlock ist das Prinzip um einen Menschen mit Behinderung und zugleich großer Begabung identisch, lediglich die Sinne wurden vertauscht.
Der Protagonist von Blind Sherlock hat mit Sacha Van Loo ein reales Vorbild. Der blinde Ermittler verstärkte mit seinem ausgeprägten Gehör jahrelang die belgische Polizei. Auch Hauptdarsteller Bart Kelchtermans ist seit ein paar Jahren fast vollständig blind. Der 30-Jährige gibt in der Serie sein Schauspieldebüt, und das macht er großartig.
Es gibt spannendere Krimis, blutigere Taten. Doch dies hier ist anders. Es ist interessant, in ein Leben hineinschnuppern zu dürfen, das anders ist als das der meisten, und die Stadt Rotterdam zeigt sich, vor allem nachts, von seinen schönsten Seiten. Eine schöne, belgische Serie.
4/5
Blind Sherlock
Genre: Krimi / Drama / Mystery
Produktionsland: Belgien / Deutschland
Cast: Bart Kelchtermans, Frank Lammers, Charlie Dagelet, Sigrid ten Napel, Pierre Bokma, Cynthia Abma, Aysegül Karaca, Rein Hofman u.v.m.
Seit 17. April 2026 in der ZDF-Mediathek
Deutsche TV-Premiere: 26. April 2026 im ZDF
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