Gier nach Freiheit und Liebe

Foto: BBC

Linda Radlett (Lily James) lebt mit etlichen Geschwistern und ihren Eltern auf einem englischen Landsitz. Der strenge und cholerische Vater erlaubt den Kindern keine Schulbildung. So ist es schwer, die Zeit sinnvoll und angenehm herumzubringen. Einziger Lichtblick in Lindas Leben ist ihre Cousine und gleichzeitig beste Freundin Fanny Logan (Emily Beecham). Sie verbringt viel Zeit mit den Radletts, weil ihre Mutter – die Ausreißerin genannt – sie damals als Kind zurückgelassen hat, immer auf der Suche nach Liebe. Die beiden Mädchen können es kaum erwarten, bis sie endlich „erwachsen“ sind, also so alt, dass sie Debütantinnenbällen beiwohnen dürfen.

Sie verzehren sich nach einer Flucht aus ihren familiären Gefängnissen, sie wollen frei sein, geliebt und begehrt werden. Linda ist dabei sehr ungezügelt, sie würde beinahe alles tun, um Aufmerksamkeit zu erregen. Ihr Mann darf keinesfalls langweilig sein! Sie liebäugelt dabei mit fast schon grotesken Männern: mit Lord Merlin aus der Nachbarschaft (ein wunderbarer Andrew Scott, der mir zuletzt in Ripley positiv aufgefallen ist) und mit dem überaus unliebenswürdigen Banker Tony (Freddie Fox). Fanny hingegen ist mehr von geistiger Seelenverwandtschaft angezogen, sie liest gerne, und so kommt sie an einen braven Lehrer. Das ist für die junge Frauen nicht einfach, und ihre Freundschaft wird auf eine harte Probe gestellt, denn was Linda an Fanny nun viel zu bescheiden empfindet, findet Fanny an Linda nun viel zu wild und skandalös. Linda gibt sich natürlich auch nicht mit ihrem ersten Mann, einem schönen, forschen, reichen, jungen Mann, zufrieden, sie schließt sich einem kämpferischen Kommunisten an. Ihr Kind lässt sie zurück und tritt dabei in die Fußstapfen der Mutter ihrer besten Freundin. Aber auch der neue Mann und das Leben mit ihm ist nicht alles, denkt Linda. Und wie durch einen Zufall gerät sie an einen reichen, schönen Duke in Paris. Wer weiß, wie dieses Leben mit ihm weitergegangen wäre, leider kommt zwischenzeitlich der zweite Weltkrieg dazwischen. Linda geht, mit ihrem zweiten Kind schwanger, wieder nach England zurück und nimmt gleich wieder ihr altes Leben auf: verrückt sein und Fanny brauchen.

Es kann durchaus sein, dass sich manche Leser*innen nun vorkommen wie in einem Groschenroman. So ist es aber mitnichten! Dieser Stoff aus dem aristokratischen Milieu zwischen den beiden Weltkriegen in England ist kein opulentes Downton Abbey. Es ist vielmehr eine Variante von Bridgerton. Hier wird frech mit Konventionen gespielt und die vierte Wand durchbrochen, mit den Zuschauer*innen interagiert. Regisseurin, Drehbuchautorin und Mitwirkende im Film, Emily Mortimer, macht eher eine Satire aus dem Filmstoff. Herrlich, wie sie diese reichen Familien darstellt, die Schnöselpartys, die strengen Familienväter, die Art und Weise, wie die Kinder dagegen aufbegehren. „Alles, was sie jemals brauchen werden, haben sie hier!“ schreit der strenge Vater und Onkel peitschenschwingend. Doch nichts von dem, was hier ist, wollen die beiden Damen.

Wie so oft in der letzten Zeit spielt auch in dieser Miniserie Musik eine große Rolle. Die Titelwahl ist perfekt: „Dandy in the Underworld“ von T. Rex passt wie die Faust aufs Auge zur Performance vom glamourösen Lord Merlin, „Give my love to London“ (Marianne Faithful) wird gespielt, als in London das Leben für Linda und Fanny beginnt, „Modern Girl“ von Slater Kinney begleitet Linda bei ihrer Hochzeit, „The in crowd“ von Bryan Ferry hört man, als Lord Merlin mit Linda tanzt, als sie endlich zu den Reichen und Schönen gehört. Bei „Paris 1919“ von Jon Cale, bei Nina Simone, Juliette Gréco, Joan Armatrading, Yves Montand und schlussendlich dem von Cat Power gesungenen „Sea of love“ kann man schon beim Lesen der Songtitel und Interpret*innen die Folgen noch einmal im Kopf rekapitulieren. Ein Augen- und Ohrenschmaus!

The Pursuit of Love – Englische Liebschaften basiert auf dem gleichnamigen Roman von Nancy Mitford aus dem Jahr 1945.

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The Pursuit of Love – Englische Liebschaften
BBC-Produktion von 2021
Seit dem 17. 12.2024 sind alle drei Folgen im Free-TV abrufbar (ARD-Mediathek)
Regie und Drehbuch: Emily Mortimer
Cast: Lily James, Andrew Scott, Emily Beecham, Dominic West, Dolly Wells, John Heffernan, Beattie Edmondson, Assaad Bouab, Shazad Latif, Freddie Fox, Emily Mortimer

 

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