Mrs. Hyde

Zunächst einmal müssen wir einpacken, da heute schon unser Abreisetag ist. Aber vorher geht es zum Vortag von Dr. Mark Benecke, der Hitlers Schädel in den Fingern hatte und wieder skurile Anekdoten zu berichten weiß. Mit der berüchtigten Einlassschlange haben wir Glück, die dann wohl mal wieder quer durch die Verkaufshalle und um den Block geht. Dann machen wir uns auf zu unserem Lieblingsvietnamesen Gy My Li beim Felsenkeller, bei dem wir immer mindestens einmal essen müssen. Frisch gestärkt geht es ins Täubchenthal, wo The Crimson Ghosts die Bühne rocken, denen wir aber lieber von draußen aus zuhören. Highlight des Tages sind die Legende Batmobile, die selbsternannten Kings of Psychobilly, die wir schon seit einer ganzen Weile nicht mehr gesehen haben.

Seit der Bandgründung 1983 unfassbare 43 Jahre in Originalbesetzung reißen sie einfach mal die Hütte ab. Im Publikum gibt es Moshpit-Pogo, Psychobilly-Wrecking, und der Schweiß fließt in Strömen. Die Band wird zu Recht total gefeiert, und es ist völlig klar, dass es hier nicht ohne Zugabe rausgeht. Ich hatte auf die Nine-Inch-Nails Coverversion “Hurt” im Stil von Johnny Cash gehofft, mit der mich Sänger Jeroen Haamers im Münchener Strom einmal umgehauen hat (Link), aber Batmobile stehen heute nonstop auf dem Gaspedal. Seltsam, dass sie keinerlei Merchandise dabei haben, das hätte sich heute mit Sicherheit mehr als rentiert. Eigentlich müsste ich jetzt zur Moritzbastei fahren, um die Mexikaner La Bande Son Imaginaire zu sehen, die ganz oben auf meiner Must-See-List stehen. Aber nach diesem High-Energy-Adrenalin-Kick umzuschalten auf Darkwave und Theaterperformance, das erscheint mir völlig unmöglich, das kann nur nach hinten losgehen. Dann doch lieber da bleiben und den Auftritt von dem nächsten Psychobilly-Act Demented Are Go mitnehmen. Im nachhinein ist das eine weise Entscheidung, denn zwei Freundinnen schaffen es in der völlig überfüllten Moritzbastei leider nicht mehr rein zum Konzert. Demented Are Go um Sänger Sparky sind ebenfalls eine Legende und als solche auch eine solide Bank und werden vor allen Dingen von den wreckenden Psychobillys gefeiert. Mit dieser krassen Intensität von Batmobile können sie heute allerdings nicht mithalten. Mit diesem Auftritt endet unser WGT 2026. Da wir die noch folgenden The Others bereits häufig gesehen haben, treten wir lieber den Heimweg an. Denn morgen Abend starten wir bereits in unser nächstes Abenteuer, das uns als Roadtrip von Modena über Livorno nach Verona führen wird.

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ankalætha

Nachdem ich auch den Sonntag hauptsächlich im Bett verbracht habe, bin ich heute wieder einigermaßen stabil, und es ist ja trotz allem immer noch WGT, also versuche ich es jetzt noch mal mit der Agra. Leider läuft es noch nicht immer so wirklich rund, und stressen will ich mich jetzt auch nicht gleich wieder, deshalb verpasse ich Panzer AG, aber ein Bummel über den Markt ist noch drin, was essen und ein bisschen Sonne, bevor ich dann rechtzeitig zu Aesthetic Perfection in der Halle bin. Aesthetic-Perfection-1Hinter der Säule, weil da ist wie immer relativ viel Platz. Ich treffe sogar zufällig noch Bekannte, man schnackt ein bisschen, und dann geht es los. Hawaiihemden und clown-artige Schminke wirken zwar zunächst mal eher nicht so vielversprechend, aber musikalisch erkenne ich „meine” Aesthetic Perfection aus vorpandemischen Zeiten dann doch sehr gut wieder: „Never enough” grooved ordentlich, „Better off dead” haut heftig rein, und „Love like lies” zerrt an den Gefühlen, ganz wie es sich gehört. Ein bisschen viel Gerede manchmal ist da nur eine kleinere Unannehmlichkeit, im Großen und Ganzen hat das doch wieder sehr viel Spaß gemacht.
Wie vermutlich nicht anders zu erwarten, gibt es jetzt einen größeren Publikumsaustausch, und mit etwas Glück und nur ein ganz klein bisschen Frechheit (neben dem Herren war wirklich noch gut Platz, so breit war der gar nicht!) kann ich mich jetzt VOR die Säule stellen, und das ist ja schon ein Vorteil. Vor allem auch, weil man da Fotografieren und Filmen kann, ohne irgendjemandem das Handy ins Bild zu halten. Schon in der Umbaupause schafft es die Crew mit Hintergrundmusik von Type O Negative, den richtigen Ton zu setzen, und ich bin gespannt. Moonspell-1-1Moonspell – das klingt nach Studentenfest und Pushkin Black Sun (gibt’s das Zeug eigentlich noch?), nach Exkursion in Frankreich und zu viel Rotwein, nach alten Gewölben und Honigmet aus Totenkopfbechern. Goth, ist das alles lange her. Nachdem erstmal noch gleich alle drei „Moderatoren” auf die Bühne kommen und Mark Benecke uns erzählt, dass Moonspell als wohl einzige Szeneband es geschafft haben, in ihrem Heimatland auf eine offizielle Briefmarke gedruckt worden zu sein, geht es dann los. Nach kurzem Intro donnert „Opium” durch die Agra, mächtig wie anno 1996. Hachz. Da findet die Hand doch sofort ganz von selbst in die lange nicht mehr geformte Pommesgabel-Form. Es geht auch gleich weiter mit Songs vom Album Irreligious – „Awake” nimmt ein bisschen Tempo raus, später kommt natürlich noch „Herr Spiegelmann”. Wirklich neue Songs gibt es soweit ich das überblicke nur zwei: „Far from God” und „Cross your heart”, so neu, dass es an diesem Abend noch gar nicht veröffentlicht ist. Moonspell-1Die beiden „Neulinge“ passen sich aber gut in das Set ein. Die restliche Zeit verwöhnt uns Moonspell mit Klassikern: „Vampiria” darf selbstverständlich nicht fehlen, bei „Alma Mater” singt die ganze Agra lauthals mit. Moonspell schaffen es gekonnt, die leicht theatralische Stimmung des 90er Jahre Goth-Metal aufrecht zu erhalten, ohne übertriebenen Schnickschnack, nur durch Licht, Nebel, Sound. Ins Alberne kippt das nie, auch nicht für mich, die ich genauso wenig neu bin wie die Songs und zu viel „Getue” in der Musik eigentlich nicht mehr so abkann. Aber das hier ist einfach ein Fest. Zum Abschluss darf „Full moon madness” nicht fehlen, bevor wir in die Nacht entlassen werden.
Es käme jetzt natürlich genau genommen noch eine Band und auch Anfragen, ob ich nicht vielleicht doch nicht noch mit in die Moritzbastei …? Aber ich merke beim Rausgehen doch ziemlich deutlich, dass das Wackeln in den Beinen sich diesmal nicht durch ein Spezi beheben lassen wird – ich bin noch nicht wieder ganz fit. Und muss ja auch am nächsten Tag bei um die 30 Grad mit dem Auto bis nach Dänemark fahren, deshalb ist dieses – leider etwas weniger glücklich gelaufene – WGT für mich jetzt hier zu Ende.

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Yggdrasil

Montag – Tag des nahenden Endes (also nur des WGT im besten Fall).

Der Montag war bei mir in den letzten Jahren immer der Tag, an dem ich kaum Interessantes im WGT Programm für mich fand. Aber der heutige Tag soll natürlich ausgiebig genossen werden. Es ist immer noch so heiß, dass man selbst die Ampeln verflucht, wenn man dort steht und es keinen Schatten gibt. Also frei nach „carpe diem“ geht’s los mit meinem Schatz in die (un)heilige Markthalle an der Agra. Mich ziehen nicht die Schmuck- oder Musikstände an sondern Plüschtierchen jeglicher Art. Ein super schöner Plüschvampir fällt mir gleich auf, und ja, was soll ich sagen, den Rest könnt ihr euch vorstellen. Während wir schlendern fällt uns eine ellenlange Schlange auf, die die Markthalle in zwei Hälften teilte. Später fanden wir heraus, dass diese für Dr. Mark Benecke anstand. Ich begleite meine bessere Hälfte noch zu ihrer Verabredung und mache mich anschließend auf ins Heidnische Dorf, wegen „carpe diem“ und so. Als erstes fällt mir auf, dass viele Goths am Montag noch da sind, das war meiner Empfindung nach die letzten Jahre immer anders. Ein Getränk und etwas Schatten später fangen die ersten an vor die Bühne zu gehen und es sich gemütlich zu machen, was bedeutete dass ein Konzert nicht allzu lange auf sich warten lassen wird. Vogelsang stehen auf dem Programm. Ich begebe mich auch vor die Bühne. Sören Vogelsang, so heißt der Künstler richtig, mit einer Mischung aus Singer / Songwriter mit Texten, die wirklich Spaß machen. Die ein oder andere ernste und auch melancholische Nummer ist dabei, insgesamt sehr unterhaltsam! Die Wärme hat mich mittlerweile niedergerungen, sodass ich mir noch ein Getränk holen muß. Nach einer Pause versammeln sich einige langhaarige Besucher so langsam vor der Bühne, und ich denke, na endlich. Vogelfrey – noch nichts gehört von der Band. VogelfreyAllerdings hat mich die Erfahrung gelehrt, dass das nichts bedeutet, denn das Konzert kann trotzdem sehr gut sein. Eine Wahnsinns Wucht kommt aus den Boxen, als sie die Bühne betreten. Die wahnsinnige Menge um mich herum tobt, und wir sind erst am Anfang. Ihr Mittelalter Metal geht richtig gut in die Knochen, und ihr neues Album Make Mittelalter great again ist ein Brett. Jetzt ist Mittelalter Metal nicht unbedingt mein Steckenpferd, da ich eher aus der Black Metal / Neofolk Szene komme, aber wenn es handwerklich so gut vorgetragen ist, verdient die Band Respekt. Während ich am headbangen bin, merke ich, wie sich mir ein Gummidelphin nähert. Nein, ich bin nicht verrückt, die Band hat drei Plastiktiere in die feiernde Menge geworfen, und die werden natürlich das halbe Konzert über im Volleyball Style durchgereicht. Songs wie „Döööp Döööp Döööp“ sind ein Brett für eine wilde Metal Party!
Jedes „carpe diem“ kommt zu einem Ende, wenn man seine Knochen einzeln fühlt. Mein Schatz und ich lassen den Abend bei Wein bzw. Kirschbier ausklingen und nehmen noch einmal die Atmosphäre des WGT so richtig mit in der schwarzen Menge. Die letzte Fahrt Richtung Wohnung ist immer ein wenig melancholisch, aber so ist das nun mal. Auf jeden Fall hat mir dieses WGT besonders gut gefallen, da es irgendwie ruhiger war, vielleicht weil das Stadtfest in Leipzig nicht zur gleichen Zeit stattfand. Auch liebe ich die Besucher, die jedes Jahr kommen. Ich freue mich auf Pfingsten 2027!

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Phoebe

Ich wollte so gerne zu Stimmgewalt, diesmal nicht im Theater Schille, sondern in der AGRA 4.2. Obwohl ich gestern etwas früher zu Bett ging, komme ich heute nicht in die Puschen. Eindrücke_MitbringselEs ist zu früh, und es ist zu heiß. Also lasse ich mir Zeit, ich bin ja ohnehin erst nachmittags mit meiner Freundin verabredet. Mit dem Schatz fahre ich gemütlich zur AGRA, wir drehen eine Runde durch die Einkaufshalle, bestaunen die Schlange für Dr. Benecke und kaufen mir einen kleinen Plüschvampir für die Damen-Handtasche. Damit auch der Alltag ein wenig düsterer wird! An den Schließfächern vor der großen Halle bin ich verabredet, dort ist auch gleich der Eingang für den Weg zum Parkschloss. Wie zwei viktorianische Fräulein lustwandeln wir unter einem großen schwarzen Schirm in der gleißenden Sonne zum Schlösschen. Es ist eine wirklich wunderschöne Location, und durch den Eingang mitten durch den Zeltplatz ist es auch wirklich nur ein kurzer Weg. „Die Blutgräfin“ ist unser Ziel. „Ein multimediales Schauspiel von Sandra Maria Huimann“. Die ungarische Gräfin Elisabeth Báthory gab es ja wirklich. 1560 wurde sie geboren, eine der reichsten und mächtigsten Adeligen Ungarns. Ihr Mann, Franz Nádasdy, kämpfte im Krieg gegen die Osmanen, sie verwaltete schon in jungen Jahren die umfangreichen Ländereien und Besitztümer. Auch nach dem frühen Tod ihres Mannes hat sie sich das alles nicht aus der Hand nehmen lassen, was zu Neid und Missgunst bei den Mächtigen führte. Hier kommt jetzt sicher einiges Reelles, aber auch viel Hinzugedichtetes mit ins Spiel. Immer wieder verschwanden junge, unschuldige Dienstmägde. Alles in allem soll Elisabeth 650 Jungfrauen ermordet und in ihrem Blut gebadet haben, um ewige Jugend und Schönheit zu bewahren. Sie hat es damit tatsächlich ins Guinnessbuch der Rekorde geschafft als erfolgreichste Serienmörderin aller Zeiten. Doch ob das alles stimmt? Ihr wurde der Prozess gemacht, sie selbst durfte nicht aussagen, ominöse Zeugen wurden verhört. Montag_BlutgräfinSandra Maria Huimann hat als One Woman Show beeindruckend diese Gräfin dargestellt, angefangen als junges Mädchen, bereit für die Hochzeit mit 14 Jahren, mehrere Kinder geboren und auch verloren, ihre Entwicklung als starke Frau in einer grausamen Welt. Zwischendrin gibt es Einblendungen von Werbespots für Vampirlifting und andere schreckliche Schönheitstools, die es wirklich gibt, um zu zeigen, welche Erwartungen an das Aussehen und die Position von Frauen gestellt werden, damals wie heute. Alles in allem war es wohl so, dass Elisabeth Báthory sicherlich keine Unschuldige war, aber zur „Blutgräfin“ haben andere sie gemacht. Inszenierung, Bühne, Kostüme und Video: Sandra Maria Huimann – Komposition und musikalische Leitung: Tobias Herzz Hallbauer – Dramaturgie: Elisabeth Guzy. Es war wirklich beeindruckend! Eigentlich wollte ich danach auch noch den Edgar Allan Poe Abend „Der Rabe“ dort verbringen, aber es hat sich zeitlich alles etwas verzögert, und ich habe Hunger und Durst. Mein Schatz wartet auf dem AGRA Gelände schon auf mich, wir nehmen noch einmal das Bad in der angenehmen schwarzen Menge bei WOK-Nudeln, Kirschbier und Weinschorle. Eine letzte nächtliche Fahrt zur Wohnung, die wir dann am nächsten Morgen bei gleißender Hitze verlassen. Die Realität hat uns wieder. Es war wieder so schön! Es ist selbst Tage danach noch ungewohnt, keine Pläne für den Tag machen zu müssen, nicht in dem WGT Heftchen zu blättern und nicht in der App nachzusehen. Keine langen Tramfahrten entlang an interessanten oder witzigen Straßen. Kein, ach, da wollte ich doch auch schon immer mal aussteigen, das da muss ich unbedingt auch noch fotografieren, und dieses Lokal sieht auch nett aus! Da ist er ja, der WGT-Blues! Ich freue mich schon jetzt auf nächstes Jahr.

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Torshammare

Warum kommt der letzte Tag immer so schnell? Leise Wehmut macht sich morgens schon breit, und ich überlege, was ich heute noch alles machen möchte bzw. was ich die letzten Tage mal wieder nicht geschafft habe (nämlich ganz viel von dem tollen und vielfältigen Beiprogramm mitnehmen). Eigentlich will ich um ein Uhr in den BALLsaal, der sich irgendwo in der Nähe des Heidnischen Dorfs befinden muss, um mir einen Vortrag von Yann Faussurier/Iszoloscope im Rahmen der Gothic Identity Lectures & Readings anzuhören – Thema „Redefining music: perception, form, and instrumentality in electronic sound“ -, will aber auch noch mal in Ruhe über den agra-Markt schlendern, vielleicht ein wenig shoppen und mit Freunden entspannen. Sabine_HANDS-Stand-1-von-1Das wird es dann letztendlich auch, außerdem bekomme ich Ventilatorasyl bei HANDS (heute ist es richtig, richtig heiß) und quatsche eine Weile sehr, sehr nett. Freunde holen mich schließlich dort ab, und wir setzen uns draußen unter „unseren“ Baum, andere Freund*innen stoßen dazu, und mit einem kühlen Getränk lässt es sich so hervorragend aushalten, bis es Zeit für Musik ist. Ich fahre ins Haus Leipzig, das bei der ersten Band sogar noch halbwegs klimatisiert ist, dafür sind leider auch noch nicht viele Leute da, die sich Dews Pegahorn ansehen wollen. Sabine_Mo_Dews-Pegahorn-1-von-1Ich bin bei der Zusammenstellung der WGT-Seite fürs Webzine auf den jungen Künstler aus Stuttgart gestoßen, der ursprünglich aus dem HipHop kommt, mit seiner jetzigen Band aber sehr angenehmen und mitreißenden Indie-Rock spielt, der aber durchaus auch düstere Untertöne hat und somit hervorragend aufs WGT passt. Live überzeugt das Trio voll und ganz, wer da ist, tanzt im Publikum zu Songs wie „Flirt with a gun“ oder „Runnin‘“ (beide haben übrigens mehrere Millionen Aufrufe auf Spotify), und am Ende – der Raum ist jetzt sehr ordentlich gefüllt – gibt es sogar noch eine Zugabe. Nach zwei Tagen mit Elektrogeballer war das jetzt eine sehr schöne musikalische Abwechslung und Neuentdeckung für mich.
Bevor es wieder zu voll und heiß im Haus Leipzig wird, gehe ich lieber, außerdem will ich vor meinem geplanten Abend in der MB noch was Ordentliches essen. Sabine_Mo_Oliver-Decrow-1-von-1Gestärkt laufe ich pünktlich zur ersten Band dann in der Konzerttonne ein und sichere mir damit meinen Platz, denn eigentlich will ich erst die später spielenden La bande-son imaginaire aus Mexiko sehen, da werde ich aber sicher nicht allein sein. Ich ergattere einen Sitz/Lehnplatz an der rechten Wand und schaue mir von da aus Oliver Decrow aus Deutschland an, der sehr tanzbaren Coldwave mit dem zurzeit bei so vielen Bands beliebten mehr oder weniger verhallten Gesang spielt. Die volle Konzerttonne findet’s großartig und flippt ziemlich aus, ich selbst bräuchte jetzt nur ein paar Songs, weil doch alles sehr ähnlich klingt. Da bin ich doch um einiges mehr auf die nachfolgenden Blind Delon gespannt, die in letzter Sekunde für A Black Rainbow eingesprungen sind, die absagen mussten. Das französische Duo ist grob im Post Punk beheimatet,Sabine_Mo_Blind-Delon-1-von-1 live legen sie über den Synth-Teppich allerdings ein wahres Bass/Gitarre-Gewitter, das fast schon noisig wirkt und sehr, sehr weit weg von Post Punk ist. Absolut großartig, was die beiden Herren da fabrizieren (im Nachhinein lese ich, dass sie auch von Coil, Psychic TV, Throbbing Gristle etc. beeinflusst sind, und da ergibt alles Sinn), diese Adrenalinspritze ins Herz hätte ich so nicht erwartet. Chapeau!
Nach dem Auftritt ist die Raumtemperatur um gefühlte hundert Grad gestiegen, und jetzt drängen die Leute auch wie erwartet brutal in die Konzerttonne. La bande-son imaginaire sind schon im Vorfeld des WGT hoch gehandelt worden, die mexikanische Electro/Darkwave-Band hat mit mehreren Tanzflächenkrachern und sehr speziellen Liveshows einiges an Aufsehen erregt. Und die Liveshow ist tatsächlich richtig spektakulär. Ich klemme sehr unbequem zwischen – natürlich großen – Menschen und der rechten Wand und erhasche vor allem dann Blicke auf die drei Musiker, wenn diese auf und ab springen, was sie zum Glück sehr regelmäßig tun. Sabine_Mo_La-bande-son-imaginaire-1-von-1Unübersehbar ist auch der riesige Sombrero von Sänger Óscar Tanat, aber auch der Violinist und der Mann an den Synths – alle übrigens mit weißer Geisterschminke – sind öfter mal in meinem Blickfeld. Die Songs setzen auf viele Wiederholungen, sodass ein hypnotischer Rhythmus entsteht, dem man sich nicht entziehen kann. Der Sänger feuert das Publikum unermüdlich an, in dem sich nicht wenige spanischsprachige Menschen befinden, die wiederum die Stimmung hochtreiben. Kurz gesagt, die Konzerttonne kocht! Die Mischung aus Darkwave, Electro, wildem Geigenspiel und düsterem Theater überzeugt voll und ganz, und wirklich alle im Raum feiern eine große Party. „Mexican wave“ lässt die Temperaturen dann noch mal ansteigen, und am Ende gibt es sogar eine Zugabe – bei der ich dann allerdings aus der Tonne flüchte, es ist zu eng und zu heiß, und kurz möchte ich nie wieder Menschen sehen. Aber es hat sich gelohnt!
Den Abend lasse ich dann oben auf der Terrasse mit Freunden ausklingen, für Tanz im Gewölbe – so sehr ich es liebe, und Noise gäbe es auch noch mal – ist keine Kraft mehr. Irgendwann muss ich mich wehmütig losreißen und zur Bahn gehen, wobei ich an einer viele Meter langen Warteschlange am Seiteneingang zur MB vorbeilaufe. Ich hoffe, sie alle haben noch für mich mitgefeiert.

Es war wieder rundum zauberhaft auf dem WGT, trotz der für mich schwierigen Hitze (aber besser natürlich als Dauerregen). Vieles habe ich wieder nicht geschafft, es gab auch einige blöde Überschneidungen, man müsste sich mehrteilen können und über unendliche Kräfte verfügen. Aber auch so habe ich die Tage genossen, mit den weltbesten Mitbewohner*innen in unserer schönen Wohnung, mit vielen lieben Freund*innen auf dem gesamten Treffen, in einer der schönsten Städte, die ich kenne. Der WGT-Blues nach der Heimreise wird wie jedes Jahr übel werden, aber dafür kann man sich ja schon wieder auf 2027 freuen. Tschüssi, Leipzig und WGT!

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