Phoebe

Heute habe ich viel Zeit. Endlos habe ich im Garten das WGT-Programm studiert. So viel habe ich noch vor, habe ich noch nicht gesehen. Ganz früh wären noch einmal Midgards Boten aufgetreten. Doch die WGT App warnt, dass das Karten-Kontingent schon aus ist. Schön gemacht, die App, by the way! Soll ich Street Art jagen um Connewitz herum? Soll ich mich anstellen fürs Gewandhaus? Soll ich zu Lisa Eckhart in die AGRA? Zu Christian von Aster ins Deutsche Buch- und Schriftmuseum? Grillen in der Sonne vor der Musikalischen Komödie für „Me and my Girl“? An der Peterskirche für Vaughn George, der Depeche Mode interpretiert? Mon Dieux, soviel vor und so viel Sonne.

Weil die Strecke von der Wohnung aus durch diesen Baustellen-Irrsinn lang und überaus heiß ist bis zur Tram, disponiere ich um. Sonntag_Kunst-liebt-Tod-AusstellungGenau vor dem Haus gibt es einen Bus, der mich Richtung Spinnerei fährt. Klar, mit etwas Verlaufen wird dann doch ein ganz schöner Road Trip daraus, aber ich komme auch wieder an sehr interessanten Ecken vorbei. Die Spinnerei ist ein großes Areal mit verschiedenen Ateliers und Läden, auch ein wenig Gastronomie und natürlich Graffitis. Dort ist mein Ziel, die „Kunst liebt Mut“ Galerie im Gutenberg Verlag. Eine kleine feine Ausstellung ist das: „Kunst liebt Tod“ – Kunstwerke, die Mut, Schönheit und Vergänglichkeit vereinen, mitten in Gutenberg Verlag und Druckerei. Interessant auch die alten Druckerei-Maschinen und -Utensilien. Dass man so einmal gearbeitet hat, können sich junge Influencer*innen heutzutage sicher nicht mehr vorstellen. Ganz nah ist ein süßer kleiner Biergarten mitten im Grünen, „Salz“ heißt er. Hier trinke ich etwas und plane wieder. Alle meine Vorhaben, siehe oben, sind zeitaufwendig, und ich habe irgendwie keinen Bock, ewig in der Sonne zu schmoren und dann stundenlang in einer Location zu verschwinden. Ich fahre noch einmal zu meiner Plan-B-Location, zur Alten Börse, wo es auch heute etwas Schönes gibt: Bach, aber anders als gewohnt. „Bach pure’n‘tide – ein Rendezvous: Sonntag_Alte-Börse-BachHairdryer’s Chamber Music Infection #57“ mit Lukas Dreyer (Violoncello, Looper), Stefan Locher (E-Baß, Congas) und Sönke Reger (Violine). Der Leipziger Cellist Lukas Dreyer hat zwei Musiker zu seiner „Infection“ eingeladen. Das ist eine Reihe, in der unerwartete Besetzungen selten gespielte Kammermusik aufführen und damit Genre-Ausflüge ermöglichen. Manches klingt gar Bridgertonesk, so toll! Ich kann gar nicht ausdrücken, wie abgefahren es auch klingt, Musiker mit Looper und ungewohnten Instrumenten wie Gitarren oder Bongotrommeln zusammen mit klassischen Instrumenten Bach interpretieren! Das Publikum ist begeistert! Standing Ovations! Tosender Applaus! Was ich nur gar nicht verstehen kann: Leute setzen sich in die erste Reihe und nutzen dann den Lärm des Applauses, um sich davonSonntag_Cafe-Luise zu stehlen. Ich schäme mich dafür. Danach bin ich nicht bereit für Hitze und weiter rumlaufen. Ich gehe mit einem Brezenzöpfchen und einem kalten Wasser ins Passage Kino und schaue mir „Der Teufel trägt Prada 2“ an. Klimatisiert! Mein Schatz kontaktiert mich danach, ihm reicht’s auch, er ist ziemlich in der Nähe, in der Moritz Bastei. Wir treffen uns im Café Luise und essen was Schönes. Diesmal mit Weißwein! Danach ist es nicht weit zur Tram, und schon sind wir daheim. Natürlich sitzen wir noch ein wenig in der Küche, wir hören ja auch so gerne das „80s80s WGT“ Radio, das es immer nur zum WGT gibt.

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Mrs. Hyde

Der Sonntag beginnt bei uns sehr gechillt, denn wir sind bei Freunden in Connewitz zum Brunch eingeladen, und das bei Traumwetter im schönen Innenhof. Es gibt viel zu erzählen, die Nachbarn kommen vorbei, und so sitzen wir, und sitzen wir, und sitzen wir … Wichtige Bands gibt es heute für uns ohnehin nicht bzw. haben wir schon mehrfach gesehen, also chillen wir einfach weiter. Manchmal ist das Schönste auf dem WGT eben das, was mensch nicht macht. Irgendwann fahren wir doch noch zur Agra raus, treffen ein paar Freunde und schlendern zusammen über den Schwarzmarkt. Schließlich geht es ins Werk 2 zur Gothic Pogo Party, die am Sonntag immer unser Highlight ist. Von den Bands bekommen wir immer nur zwei oder drei Songs mit, insofern kann ich nicht viel zu denen sagen. Es zieht uns heute einfach mehr in die laue Sommernacht im Hof oder zum Tanzen in die andere Halle, insofern ist es ein bandloser Tag. Es sind wieder einige Menschen in original 80er Kleidung unterwegs, und neben den üblichen Iro-Träger*innen sogar richtige Old-School-Waver mit Tellerfrisur, was mich besonders erfreut. Es wird eine lange Nacht, und bis wir im Bett sind, ist es längst hell.

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Torshammare

Nach der langen Tanznacht lasse ich es langsam angehen und treffe mich erst einmal mit Freund*innen in der MB – hitzebedingt unten im Gewölbe, wo es sich sehr gut aushalten lässt. So unentschlossen alle gestern wegen wenig verlockendem Programm waren, so unentschlossen sind wir heute wegen viel zu viel großartiger Möglichkeiten. Wie schaffen die Programmverantwortlichen das nur jedes Jahr immer wieder, dass manche Tage (subjektiv) sterbenslangweilig sind, und an anderen bräuchte man eine Zeitverdoppleruhr, um alles mitnehmen zu können? Nach einem stärkenden Eis am Augustusplatz beschließe ich, erst mal im Täubchenthal mit Elektrokrach anzufangen, damit mache ich nie was falsch. Sabine_So_Sven-Phalanx-MS-Gentur-1-von-1Außerdem eröffnen Sven Phalanx & MS Gentur mit ihrem gemeinsamen Rhythm’n’Noise-Projekt den Tag, und das kann nur gut werden. Das Täubchenthal ist auch eine der schönsten Locations des WGT mit lauschigem Innenhof und guter Verpflegung. Es sind schon einige Leute da, ich kann mich aber trotzdem entspannt in die zweite Reihe stellen und habe genügend Platz zum Tanzen, und das ist gut so, denn die beiden Herren auf der Bühne fabrizieren einen krassen Abriss. Der Fanclub in der ersten Reihe trägt mit viel Jubel zur Megastimmung bei, die Wände wackeln, alle sind glücklich, besser aufgewärmt werden geht kaum. Ach ja, natürlich sind die beiden Alben der Zusammenarbeit bei HANDS erschienen.
Bei einem Abstecher in den Innenhof treffe ich zwei Freund*innen, die außerdem auch noch einen Platz auf ihrer Bank haben, und wir quatschen entspannt, bis Ambassador21 in der Halle zu lärmen beginnen. Sabine_So_Ambassador21-1-von-1Eigentlich hatte ich mir die Belaruss*innen ansehen wollen, doch was da nach draußen dringt, lockt mich leider nicht so sehr. Die Mischung aus Breakbeats, Drum’n’Bass, Noise und irgendwie Rage-Against-the-Machine-artigem Gesang macht zwar ordentlich Alarm, ist mir aber letztendlich zu chaotisch und weder Fisch noch Fleisch. Irgendwann schaue ich dann doch noch mal rein, und das Publikum ist zwar zahlreich vorhanden, wirkt aber auch zwiespältig. Die vordere Hälfte tanzt enthusiastisch, die hintere sieht etwas verständnislos Richtung Bühne. Ambassador21 sind eindeutig Geschmackssache, und daran ist auch gar nichts Schlechtes. Ich beschließe nach einer stärkenden Portion Pommes jedenfalls, heute doch noch mal den Ort zu wechseln und zu etwas anderem Elektro ins Haus Leipzig zu fahren (auch wenn es mir um Headliner Ah Cama-Sotz leidtut, der sich immer sehr lohnt). Dort empfängt mich oben im ersten Stock der ungefähr zehnteSabine_So_Haujobb-1-von-1 Saunaaufguss, aber auch Freund*innen, mit denen ich mir – wild fächelnd – Haujobb anschaue. Daniel Myer und Dejan Samardzic kredenzen ein Oldschool-Set und damit ein Stück Elektrogeschichte und ein echtes Geschenk für langjährige Fans. Daniel Myer – der nach Donnerstag und Samstag jetzt schon zum dritten Mal während des diesjährigen WGTs auf der Bühne steht – erzählt ziemlich viel, was weiter hinten im Raum etwas untergeht, Spaß macht der Auftritt aber natürlich trotzdem. Viel geredet wird auch bei den nachfolgenden Armageddon Dildos, allerdings eher unfreiwillig, denn die Technik auf der Bühne macht große Probleme, und irgendwie muss Sänger Uwe Kanka die Zwangspausen ja überbrücken. Das gelingt so mittelprächtig,Sabine_So_Armageddon-Dildos-1-von-1 die Hitze im Raum hilft auch nicht gerade, und so richtig in die Gänge wollen die alten EBM-Heroen eine ganze Weile nicht kommen. Die Geduld des Publikums macht sich aber dann doch bezahlt, als die letzten Songs – darunter natürlich der unsterbliche Klassiker „East West“ – tadellos aus den Boxen knallen und noch mal ordentlich getanzt werden kann. Mittlerweile ist auch Mitbewohner 2 eingetroffen, mit dem ich mir dann aus der zweiten Reihe die nachfolgenden Portion Control anschaue. Eigentlich bin ich viel zu müde, es ist viel zu warm, der Tag war lang, die Füße tun weh – und dann jagen diese beiden nicht mehr ganz jungen Männer den ersten Ton durch den Raum, und ich bin hellwach. Sabine_So_Portion-Control-1-von-1Es ist unglaublich, was für eine Energie Dean Piavani und John Whybrew freisetzen, mit welcher Wucht sich die beiden Elektropioniere durch ihr Set spielen. Stillstehen ist völlig unmöglich, auch um mich herum tanzt alles zu den schweren Beats, die von hypnotischen Videoeinspielungen untermalt werden. Ganz, ganz groß! Danach quatschen Mitbewohner 2 und ich noch mit ein paar Leuten, bevor wir uns auf dem Heimweg machen und in der Wohnung noch ein wenig den Tag rekapitulieren. Und – zumindest ich – zur Abwechslung mal recht moderat ins Bett gehen, um Schlaf nachzuholen.

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Yggdrasil

Sonntag – Black Metal und gefühlt 80° im Schatten und der zweite Tag bei jedem WGT, der für mich besonders ist. Der Neofolk Freitag in der Kuppelhalle und der Black Metal Sonntag im Heidnischen Dorf.
Voller Vorfreude also erstmal einen Kaffee und schon innerlich überlege ich, wie ich mich ein wenig kühlen kann, um nicht wie an den vergangenen WGT Tagen wegen der Hitze zu zerlaufen. Meine beiden Begleiter, Sonnencreme und Sonnenbrille, sind jeden Tag dabei. Voll ist es am Sonntag im HeiDo! Mit Freude erblicke ich schon die ersten Black Metaller, die wie die Geier um die Bühne kreisen. Einen wunderschönen Platz habe ich mir auserkoren, um mich in die Wiese zu setzen, natürlich mit einem Getränk. TibetreaUm 14 Uhr besteigen Tibetrea aus München (Heimatbonus) die Bühne und legen sogleich eine mittelalterliche Sohle auf das Wiesenparkett. Leider war es unerträglich um diese Uhrzeit vor der Bühne, sodass ich das Konzert im Sitzen verfolge. Was ich höre,  gefällt mir recht gut, da es viele verschiedene Einflüsse gibt. Es ist nicht dieser stumpfe Sackpfeifen Mittelalter, der mir nach dem dritten Song auf die Nerven geht, sondern eigentlich fast World Music, ein wenig wie Bianca Stücker zwei Tage davor. Sogar einige Fotos kann ich machen, denn ich habe mir einen einigermaßen schattigen Fleck gesucht. „Bravo“ kann ich nur sagen, und die Leute gehen mit. Endlich ist es soweit, eine weitere must see Band ist die nächste im Programm. Diesmal stehe ich in der zweiten Reihe vor der Bühne, denn ich will headbangen. Vermilia1Vermilia, eine One Woman Pagan Black Metal Band aus Finnland, eröffnet das Konzert um 15:30 Uhr mit einem Intro, das mir durch Mark und Bein fährt. Wie es sich für Black Metal gehört, legt die Dame mit einem tobenden Nackenbrecher los, bei dem man schon die ersten Haare fliegen sieht. Ihr mit allerlei Folk Einflüssen angereicherter Black Metal ist episch, teils melancholisch aber immer eine Ramme. Ob Flöte, Trommeln oder Synth, ich bin von der ersten Sekunde in ihrem Bann. Der absolute Brecher „Ruska“ gibt mir den Rest. Danach kann ich meinen Kopf und Hals für ungefähr zwei bis drei Stunden nicht mehr bewegen. Hört euch mal durch die Discographie von Vermilia, glaubt mir, ihr werdet diese Band lieben! Das darauffolgende Konzert von Sagenbringer war spannend für mich. Die Band habe ich immer als recht kommerziellen Pagan Black Metal abgetan und ihnen nie wirklich eine Chance gegeben. SagenbringerDie aus Sylt stammenden Pagan Black Metaller entern die Bühne, und gleich sind alle vor der Bühne Feuer und Flamme. Vom ersten Moment an werden die restlichen Grashalme, die noch die vorigen Tage überlebten, dem Erdboden gleich gemacht. Eine Mischung aus Equilibrium und Amon Amarth! Das Gebotene gefällt mir so gut, dass ich die Sonne und die Hitze vergesse und mich einfach mit der Meute bewege. Songs wie „Trolltaverne“, „Berserker“ oder „Wanderer der Zeit“ machen live einfach nur Laune. Auch hat die Band eines der besten Intros zum Konzert: „Feuer und Eis“. Da stellen sich mir die Nackenhaare auf. Sehr gut, sehr zu empfehlen: Sagenbringer! Immer im Kontakt stehend verabreden meine bessere Hälfte und ich uns zum Abendessen. Sie kennt ein sehr schönes Café, indem sie schon öfters war, gegenüber einer ehemaligen WGT Veranstaltungsstätte, dem Schauspielhaus. Das Café Luise ist gemütlich und genau das Richtige für den Ausklang des Tages. Gutes Essen, eine sehr entspannte Lage und nette Menschen um einen herum. Kann ich nur empfehlen!

Hier geht es zum WGT-Montag.

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