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Konzert: 09.04.2018 – Hot Boogie Chillun – Backstage Halle, München

Wie geht ihr denn erst am Wochenende steil?

The P1100044BossHoss kennt ja jeder, spätestens seit der Teilnahme der beiden Mitglieder Sascha Vollmer und Alec Völkel als Juroren bei der beliebten Casting-TV-Show The Voice of Germany. Vorher jedoch ist Sascha Sänger und Gitarrist der legendären Rock’n’Roll Band Hot Boogie Chillun, Schlagzeuger Roberto Bangrazi und Bassist Micha Frick, der ebenfalls Gründungsmitglied von The BossHoss ist und aktuell unter anderem auch bei der Mittelalter-Band Corvus Corax spielt, sind die anderen Mitglieder des Trios. Sie veröffentlichen von 1995 bis 2005 drei Alben, die sie zusammen mit ihren explosiven Live-Shows aus dem Untergrund an die Spitze der Rockabilly-Szene weltweit katapultiert. Mit den Maßstäben der großen Musikindustrie führt diese natürlich trotzdem noch ein Nischendasein. Als plötzlich der unerwartete große Durchbruch seiner zweiten Band The BossHoss gelingt, muss Sascha notgedrungen Hot Boogie Chillun auf Eis legen, sehr zum Leidwesen aller Rockabilly-Jünger.
Nach der Reunion auf dem Viva Las Vegas Festival letztes Jahr hat man nun endlich im Terminkalender Platz für eine kleine Deutschland-Tour geschaffen und zu diesem Anlass das gefeierte Album 15 Reasons to R’n’R remastered neu aufgelegt und um drei neue Songs erweitert. Weiterlesen

Konzert: 25 Jahre Corvus Corax – Die Jubiläumsshow (29.1.2015, Ampere München)

Raben erobern die Stadt

Lange Zeit hatte ich die Könige der Spielleute nicht mehr in der Halle gesehen, in den letzten Jahren höchstens mal auf der Rabenbühne in Kaltenberg oder einem Sommer-Festival. Aber das 25-jährige Bandjubiläum war dann doch Grund genug, mir diesen Spaß mal wieder zu gönnen. Während in früheren Jahren die Muffathalle für Corvus Corax gebucht wurde, musste jetzt das ebenfalls zum Muffatwerk gehörende kleine, aber feine Ampere als Location herhalten. Bis zum Konzertbeginn hatte sich die Halle aber sehr gut gefüllt, sowohl unten vor der Bühne als auch oben auf dem Balkon war es ziemlich voll, darunter auch viele bekannte Gesichter aus Kaltenberg oder dem Nerodom.

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13.12.11 – Corvus Corax im Hirsch Nürnberg

Die Könige der Spielleute zu Gast in Franken

Noch werden die letzten Handgriffe auf der Bühne gemacht und das Publikum wartet immer ungeduldiger. Teilweise zumindest. Manche stört es auch gar nicht, dass Corvus Corax nicht um Punkt 20 Uhr beginnen. Sie reden, lachen, knipsen Erinnerungsfotos oder sitzen auf dem Boden und lesen.
Doch dann wird es dunkel, Jubel bricht los und Castus Rabensang betritt alleine die Bühne. Mit gewohnt dunkler Stimme begrüßt er das Publikum und erzählt von der langen Reise in den Norden. Tatsächlich haben die Spielmänner mehrere Länder bereist, um sich Inspiration für ihr aktuelles Album „Sverker“ zu holen. Dieser Abend steht nun ganz im Zeichen des dänischen Königs und der nordischen Mythologie.
Mit Umhängen und Masken bekleidet betreten nach und nach alle sieben Musiker die Bühne. Vier von ihnen haben Hörner dabei, in die kräftig geblasen wird, unterstützt vom Getrommel der Kollegen.
Es macht großen Spaß, der Band zuzuhören, die einen tollen Auftakt gibt. Nach dem ersten Lied werden fix Masken und Mäntel abgelegt, die Instrumente gewechselt und weiter geht’s.
Dies ist überhaupt ein sehr auffälliger Punkt: Eben noch ein Horn in der Hand, im nächsten Moment einen Dudelsack und dann wird das Organistrum (die größte Drehleier der Welt) in den Vordergrund geschoben. Das Team hinter und neben der Bühne ist flink und fleißig, weiß genau, wann Sackpfeife, Schalmei, Trumscheit oder die Cister angereicht werden müssen. Der Ablauf ist reibungslos – zumindest erscheint es so.

Corvus Corax bieten eine Vielzahl an Instrumenten und es ist stets faszinierend, welche Apparaturen beherrscht werden. Sie machen viel Show, drehen sich mit ihren Dudelsäcken um die eigene Achse, schwingen die Hüften, springen in die Luft. Castus spricht immer wieder das Publikum an. Wim, Vit und PanPeter fordern zum Klatschen, „Hey“-Rufen oder Tanzen auf.
Anfangs ist letzteres noch ein Problem und scheinbar niemand bewegt sich zur Musik. Doch nach etwa zwanzig Minuten hält kaum einer mehr die Füße still, sondern lässt sich von den schnellen Rhythmen mitziehen.
Nicht nur die Stücke der „Sverker“-CD werden geboten, auch die schönen alten Lieder, wie „Venus Vina Musica“ oder später „In Taverna“ werden gespielt. Die Zuschauer sind bei diesen Songs sehr textsicher. Schwierig wird es erst, als Castus den Refrain von „Havfru“ vorsagt und wir ihn nachsingen sollen. Es bedarf erheblich mehr Training unsererseits.
„Trinkt vom Met, vom Bier und vom Wein“ lässt man sich nicht zweimal sagen. Wer ein Bier in der Hand hat, prostet den Spielleuten zu – und die erste Reihe wird mit Met aus einem Schlauch verköstigt. Nur wer will, natürlich, und anfangs ist man sehr zurückhaltend.
Die Band scheint bester Laune zu sein und ist auch zu kleinen Späßen aufgelegt, kündigt Castus doch an, dass als nächstes die „Großmaultrommel“ dargeboten wird. Als wir schließlich die Hände erheben sollen und der Band im Takt zuwinken, fehlt selbiger erst mal– aber wen stört das? Wir winken trotzdem, wenngleich auch ziemlich taktlos.
Mittlerweile ist die Stimmung großartig und der Jubel vor, während und nach den Liedern wird immer lauter. Es ist gigantisch, was uns geboten wird. Hatz, Norri und Steve trommeln, was die Arme hergeben: schnell, langsam, noch schneller. Was Corvus Corax auf der Bühne präsentieren, ist nicht nur eine perfekte Show, die nie langweilig wird, sondern auch körperliche Anstrengung, vor der ich großen Respekt habe.
Schließlich wird es ernst. „Die Welt geht unter! Nächstes Jahr“, sagt Castus und lächelt. „Aber wie Martin Luther schon sagte: Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch eine Weinrebe pflanzen!“ Wie der Musiker feststellt, wollte der Reformator zwar ein Apfelbäumchen in die Erde setzen, aber Weinreben sind doch passender. Es folgt ein schnelles Stück mit viel Rhythmus und Percussion, das wie das Grande Finale des Abends klingt. Doch was könnte das Konzert besser abschließen, als „Ragnarök“, der Weltuntergang in der nordischen Mythologie?
„Die Welt geht unter, lasst uns feiern“, so die Aufforderung und der kommen wir sehr gerne nach. Live klingt dieser Song wesentlich besser. Das Licht ist in dunklem Grün und einem Lilaton gehalten, Busine und Trommeln gehen durch Mark und Bein und der Gesang ist viel ehrfurchtsgebietender. Unbeschreiblich beeindruckend!
Dann verlassen Corvus Corax die Bühne unter lautem Applaus, der gar nicht enden will. Wir zeigen Durchhaltevermögen und die Band erscheint noch einmal und spielt die erste Zugabe – 25 Minuten lang! Die Stimmung ist auf dem absoluten Höhepunkt und der Jubel derart stark, dass man meinen könnte, der Hirsch sei ausverkauft.

Es gibt noch einmal Met für diejenigen aus der ersten Reihe, die möchten. Dieses Mal traut sich sogar eine Dame, die den „Schluck!“-Rufen nachkommt und „etwas von ihrem Handwerk versteht“, wie Castus zwinkernd mitteilt. Ein scheinbar letztes Lied, frenetischer Applaus und Corvus Corax verschwinden hinter der Bühne. Nach einer solchen Zugabe wagen viele gar nicht, um eine weitere zu bitten und einige wenden sich bereits dem Ausgang zu.
Ein fleißiger Helfer der Band schleicht nach vorne, nimmt zwei Dudelsäcke und geht wieder. Da muss doch noch etwas kommen, denkt man sich und applaudiert und jubelt einfach weiter.
Wir werden nicht enttäuscht. Gemächlichen Schrittes und die Dudelsäcke spielend, kommen die sieben Musiker erneut auf die Bühne. Mit zwei Liedern, die noch einmal alles von ihnen abverlangen, verabschiedet sich die Band endgültig. Zuvor wird noch mit den kleinen Becken gespielt. Castus zumindest lässt das Kind im Manne raus, winkt mit den roten Puscheln, die daran befestigt sind und missbraucht das Instrument als Hütchen.
Dann ist es aber wirklich vorbei. Die Musiker verbeugen sich artig und unter großem Applaus.
Sogar nach dem Konzert nehmen sich Corvus Corax noch viel Zeit für ihre Fans. Sie signieren geduldig CDs, Plakate und nackte Haut; lächeln in unzählige Kameras und sind zu einem Plausch bei Bier oder Met bereit.
Es war ein grandioser Abend! Die Könige der Spielleute haben zwei Stunden eine tolle Show geliefert und das Publikum sehr gut unterhalten. Die Freude an der Musik wurde auf die Zuschauer übertragen und Nürnberg freut sich auf ein (hoffentlich baldiges) Wiedersehen.

CD-Review: Corvus Corax – Sverker

Sie haben es wieder getan: Corvus Corax veröffentlichen am 25.11.11 ihr neues Album „Sverker“.
Schon im Vorfeld hatten sie täglich einen Song in Auszügen veröffentlicht, um auf die neue Scheibe aufmerksam zu machen. Dabei können sich die Könige der Spielleute, die eben noch in Mexiko gastierten und in den nächsten Tagen ihre Tour durch Deutschland beginnen, bereits großer Beliebtheit erfreuen, stehen sie doch seit 22 Jahren auf der Bühne und begeistern.
Ob Dudelsack, Schalmei, Trumscheit oder Percussion, die Spielleute wissen, wie man in alte Zeiten entführt.
Auch ihr neues Album ist schöne, gediegene Musik. Ruhige Töne schlagen sie dieses Mal an und begeben sich mit „Sverker“ auf die musikalischen Spuren des mittelalterlichen Nordeuropas. Zehn Länder wurden bereist, auf der Suche nach Inspiration, Legenden und Bräuchen. Dass Corvus Corax fündig geworden sind, beweisen sie eindrucksvoll.

Das Intro ist ruhig, dunkel, stimmt gut ein auf das, was kommt, als wolle es sagen: Setzt euch hin, entspannt euch, schließt die Augen und lasst euch in den Norden entführen.
„Gjallarhorn“ klingt nach Ankunft. Langsam und majestätisch beschreitet man den Bifröst, der in der Mythologie Midgard und Walhalla verbindet. Heimdal ist der Wächter der Götter und besitzt das Gjallarhorn. Wie ein langsamer Marsch auf dieser Brücke, auf dem Weg ins Walhalla schreitet die Musik voran.
Der dänische König „Sverker“ scheint in dem gleichen, schreitenden Stil aufzutreten, zumindest ähnelt das Thema des gleichnamigen Songs dem Vorangehenden.
Geradezu tanzen möchte man, wenn „Fiach Dubh“ erklingt. Eine kleine irische Kneipe vor Augen, Guinness trinkend und sich die roten Bärte zwirbelnd. Das kann ich mir sogar als Frau vorstellen, wenn ich der leichten Musik zuhöre und diese mich entführt aus dem kalten Deutschland.
„Trinkt vom Met, vom Bier und vom Wein. Alles, ja, alles, das muss hinein, und wenn dann die Nacht beginnt, füllet die Gläser hoch bis zum Rand!“ Kann man stilechter zum Trinken aufgefordert werden als durch dieses Lied?
Da passt es dann auch, dass der nächste Song uns noch einmal zum Trinken bewegen möchte, aber das Tanzen bitte nicht vergessen und die Liebe auch nicht! „The Drinking Loving Dancers“ hat Elemente eines ruhigen, hymnenartigen Gesangteils und die spielerische Leichtigkeit der Dudelsäcke, die man von Corvus Corax gewohnt ist. Selbst im Sitzen wippe ich mit, weil es bei diesem Lied gar nicht anders geht.
Flötenspiel beschreibt den Tag im Mai, der als nächstes mit sanfter Stimme besungen wird. Eine schöne Ballade, die nachdenklich stimmt. Da macht es auch nichts, dass man den Text nicht versteht.
„Havfru“ könnte die Jagd durch’s Wasser beschreiben, auf der Suche nach einem unglücklichen Seemann, der sich in die Meerjungfrau verliebt und ihrem tödlichen Gesang folgt. Der Trommelrhythmus zieht mit und wird sehr schön vom Dudelsack untermalt.
Militärisch hingegen klingt der Beginn von „Baldr“. Ein Aufmarsch zur Schlacht, die jungen Krieger noch alle angespannt und siegesgewiss. Das instrumentale Stück erinnert an die Kampfvorbereitungsszenen aus „Herr der Ringe“, „Die Chroniken von Narnia“ oder ähnlichen Filmen. Gegen Ende hin wird es schneller und ich habe das Gefühl, die Spannung steigt – worauf auch immer – bis es abrupt abbricht.
Ein Wikingerschiff, das langsam durch Wasser gleitet, oder doch ein Bach, der durch einen Wald rauscht, vielleicht auch der Klang der Räder einer Kutsche, die langsam auf unsicherem Weg gezogen wird. Ich kann mich nicht entscheiden, welche Assoziation am ehesten zum Beginn von „Ragnarök“ passt. Vielleicht doch das Schiff, das sich anschleicht, die Feinde ins schlafende Dorf bringt, die sogleich die Bewohner ermorden oder gefangen nehmen und die Besitztümer plündern, musikalisch sehr schön durch schnellen Trommelrhythmus, Schalmei und weitere Instrumente dargestellt. Fast anklagend erscheint dann eine helle, weibliche Stimme, als beweinte sie das in Flammen aufgegangene Dorf. „Ragnarök“ bezeichnet in der nordischen Mythologie das Schicksal der Götter, die in der letzten großen Schlacht gegen die Riesen kämpfen. Drei lange Jahre dauert der Kampf, der viele – und schließlich auch Odin – das Leben kostet. Im Weltbrand wird die ganze Welt zerstört. Doch am Ende entsteht ein neues Gleichgewicht zwischen Ordnung und Chaos, und Fimbultyr (Odin) kann eine neue Welt erschaffen. Es fehlen Blitz und Donner, es fehlt der richtige musikalische Weltuntergang, aber Corvus Corax setzen ihn in dunklem, ruhigem Ton um, mit sich wiederholendem „Ragnarök“. Ein würdiger Weltuntergang.
„Tjúgundi biðil“ ist kurz und rein instrumental, wie mir scheint eine Schalmei. Mich erinnert das Stück an Jagdsignale wie „Sau tot“ und vermutlich ist es so ähnlich auch gedacht.
Den Abschluss bildet das düstere “Na lamá-sa“. Nun ist es also vorbei mit der CD, scheint es zu sagen. Das gälische Stück geht auf das 10. Jahrhundert vor Christus zurück und es kommt bekannt vor. Ein passender Abschluss, der einen langsam wieder aufwachen lässt.

Fazit: Corvus Corax ist mit „Sverker“ wieder ein Glanzstück gelungen. Ruhiger zwar, aber nicht minder fesselnd wie die vorherigen Alben. Sie entführen, sie nehmen einen mit in die alte nordeuropäische Zeit und sorgen für ein Feuerwerk an Assoziationen. Ein sehr gelungenes Album.

Anspieltipp: The Drinking Loving Dancers


Corvus Corax – Sverker
VÖ: 25.11.11
Label: Soulfood

Tracklist:
1. Intro gjallarhorni
2. Gjallarhorni
3. Sverker
4. Fiach Dubh
5. Trinkt vom Met
6. The Drinking Loving Dancers
7. Lá í mbealtaine
8. Havfru
9. Baldr
10. Ragnarök
11. Tjúgundi biðil
12. Na láma sa