Film: Menashe

Einblick in eine streng abgeschottete Welt

MenashePejes, Mikve, Kugel, Tora, Talmud, Tallit, Zizit, Fabrengen – wer mit einem oder mehreren dieser Wörter etwas anfangen kann, der weiß schon, in welcher Welt sich der Film Menashe bewegt. Genau, in der jüdischen, genauer gesagt der ultra-orthodoxen beziehungsweise chassidischen Welt. Man kennt die Bilder schwarzgekleideter Männer mit Hüten und Mänteln sowie den charakteristischen langen Schläfenlocken, die dicht über heilige Schriften gebeugt dasitzen oder im Stehen beten. Die Frauen, die sich um große Kinderscharen kümmern und oft auch das Geld für die Familie verdienen. Viel mehr weiß man allgemein nicht, wie ultra-orthodoxe jüdische Familien leben. Menashe gibt einen seltenen und eigentlich unerhörten Einblick in das Leben seiner gleichnamigen Hauptperson, den es in dieser Form noch nicht gegeben hat. Weiterlesen

Film: Safari – Match me if you can

Liebe in den Zeiten der sozialen Medien

Safari

Der Lufthansa-Pilot, der sich für uns später als MVG-Trambahnfahrer herausstellt, möchte Anerkennung und Sex; ein anderer möchte nur Sex; wieder jemand anders möchte endlich einmal Sex; sie möchte endlich wieder wahrgenommen werden; eine andere möchte sich eigentlich gerne fortpflanzen oder zumindest eine Familie haben; und wieder ein anderer sucht Sex – und eigentlich aber eine Mutter für seine Tochter. Ganz viele verschiedene Personen – in diesem Fall in München – nutzen die Dating-App „Safari“. Man gibt sich gerne Tiernamen, und die Profile werden gnadenlos geschönt. Da wird aus einer 48jährigen gleich mal eine scharfe Braut von 24 Jahren.

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Film: Kindeswohl

Zwischen Paragraphen und Psyche

Fiona Maye (Emma Thompson) ist kindeswohl eine äußerst angesehene Richterin am Londoner Royal High Court, stets gut vorbereitet, kompetent und professionell auf ihrem Fachgebiet des Familienrechts. Hinter der souveränen, eleganten Fassade schautes jedoch privat weit weniger perfekt aus: Ihre Ehe ist nach 30 Jahren quasi am Ende, zerstört durch ihr zeitintensives berufliches Engagement. Das geht so weit, dass ihr Ehemann Jack (Stanley Tucci), ein Geschichtsprofessor, ihr ankündigt, jetzt eine Affäre mit einer wesentlich jüngeren Frau beginnen zu wollen, da sie seit mittlerweile elf Monaten keinen Sex mehr hatten. Worauf Fiona nach einem Moment der Überraschung mit sachlicher Kühle reagiert, ihn der Wohnung verweist und sich umgehend wieder dem Aktenstudium widmet.
In dieser Krise wird sie mit einem besonders schwierigen Fall konfrontiert: Der 17-jährige Adam (Fionn Whitehead) liegt mit einer Leukämie-Erkrankung in einer Klinik, doch er und seine Eltern verweigern die dringend notwendige Bluttransfusion, da eine solche nicht mit ihrem Glauben vereinbar ist – sie alle sind fundamentale Anhänger der Zeugen Jehovas. Fiona trifft eine ungewöhnliche Entscheidung: Sie unterbricht die Verhandlung, verlässt den Gerichtssaal und besucht Adam im Krankenhaus. Der erweist sich als intelligenter junger Mann, der sich der Tragweite seiner Entscheidung vollkommen bewusst und bereit ist, für seine Religion zu leiden und zu sterben. Adam ist aber sofort begeistert von der Richterin, sie reden eindringlich über Leben und Tod, über Gedichte und Musik, es entstehen eine große persönliche Nähe und gegenseitiges Verständnis. Weiterlesen

Film: Sauerkrautkoma

Ein unfreiwilliger Ausflug in die große Stadt

Sauerkrautkoma

Normalerweise geht es in Niederkaltenkirchen ja recht ruhig zu, aber im Moment kommt der Eberhofer Franz (Sebastian Bezzel) ganz schön in Stress. Alle wollen’s was von dem Dorfpolizisten. Da langt es nicht, dass der Papa (Eisi Gulp), die Oma (Enzi Fuchs) und sämtliche Freunde vom Franz allmählich finden, dass es langsam mal an der Zeit wäre, dass er seine langjährige Freundin Susi (Lisa Maria Potthoff) heiratet, nein, man hat ihn auch noch nach München zwangsbefördert. Schweren Herzens zieht er erstmal zu seinem Spezl Rudi (Simon Schwarz) in die Wohnung. Das ganze München-Unterfangen geht schon gut los: Sein Zimmer ist ein ehemaliger Selbstmord-Tatort, der Wagen seines Vaters wird gleich am Einzugstag geklaut, und als man ihn wiederfindet, liegt eine weibliche Leiche im Kofferraum.

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Film: Nico, 1988

Die Priesterin der Finsternis

nico

Wer kennt Christa Päffgen? Christa Päffgen ist 1938 in Deutschland geboren. Sie kam als junges Mädchen in den USA mit Andy Warhol zusammen, war seine Muse, sie modelte, sie schauspielerte für Federico Fellini, und vor allen Dingen: Sie sang auf dem Debütalbum von The Velvet Underground. Sie war seitdem für immer Nico, die kühle Blonde mit der dunklen prägnanten Stimme mit dem deutschen Akzent. Der Film gibt aber nicht ihr gesamtes Leben wieder – das passierte schon in dem sehr guten Film Nico Icon von 1995 – sondern ihre letzten drei Lebensjahre, 1986 – 1988. Christa (Trine Dyrholm, toll!) war damals schon lange nicht mehr schmal und blond, sondern eine ganz normale brünette Frau in ihren Vierzigern. Wer sie kennenlernte, nannte sie natürlich Nico, aber sie, sie wollte mit ihrem richtigen Namen angesprochen werden: Christa. Der Film zeigt die letzten Auftritte Nicos in Städten wie Manchester, Prag, Nürnberg, Berlin. Man sieht, wie sie sich häuslich niederlässt. Ein Bad mit fließend warmem Wasser ist nicht so wichtig, vielmehr ein Rückzugsort, an dem sie sich Heroin spritzen kann.

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Film: Mamma Mia 2

Alles klar auf der Chiquitita: eine einzige große ABBA-Party!

 

Mamma Mia

Die Geschichte um Donna und ihre Tochter geht weiter! Vor zehn Jahren hat Sophie (Amanda Seyfried) auf der kleinen griechischen Insel ihre drei potentiellen leiblichen Väter kennengelernt, denn ihre Mamma Donna (Meryl Streep) war in ihren jungen Jahren ein Wildfang! Das war damals eine furiose, lustige Geschichte in Form eines absoluten Feel-Good-Musicals. Nun könnte man erwarten, dass die Story weitererzählt wird. Das passiert auch, aber in Unterbrechungen. Denn die Geschichte macht einen entzückenden Zeitschlenker. Es geht nicht um die geradlinige Weiterentwicklung der Story. Wir sehen die junge Donna mit ihrem frisch erlangten Highschool-Abschluss, und wie sie an ihre drei völlig verschiedenen Männer kommt – und auf die griechische Insel. Das wird flott inszeniert („I kissed the teacher“ als erster Hit), mit unheimlich sympathischen, jungen Hauptdarstellern (u.a. mit Lily James, der man die temperamentvolle junge Donna abnimmt) und den drei Typen, die wirklich Pierce Brosnan, Colin Firth und Stellan Skarsgård in ihren jungen Jahren hätten sein können. Weiterlesen

Science Fiction Kurzfilm: Zone Out

Wenn Philip K. Dicks Geschichten, David Lynchs Phantasien und Ex-Machina Realität werden

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Da war diese Künstliche Intelligenz namens „Benjamin“. Der Künstler und Informatiker Ross Goodwin und der Regisseur Oscar Sharp sind die Schöpfer von Benjamin. Goodwin und Sharp fütterten die KI mit Dutzenden Drehbüchern von Science-Fiction-Filmen, darunter Blockbuster wie Independence Day und I Robot, aber auch Fernsehserien wie Akte X oder alte Filme wie The last man on earth von 1964. Zudem gab man Aufnahmen von Gesichtern von Schauspielern dazu. „Benjamin“ legte los. Er dachte sich eine Filmrahmenhandlung aus.

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Film: Mantra – Sounds into Silence

Singen bis zur absoluten Entspannung

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„Chanten“, gemeinsam singen, ist mittlerweile weltweit ein Phänomen. Was früher weitab der emsigen, modernen Welt in Indien in sogenannten Ashrams stattfand, gibt es mittlerweile in der ganzen Welt. Die Regisseurin Georgia Wyss geht in ihrem Dokumentarfilm diesem Phänomen nach. Sie zeigt Menschen, tief in sich versunken, mit geschlossenen Augen und seligem Lächeln auf dem Gesicht. Jeder hat einen anderen Hintergrund, ein anderes Schicksal. Zu viel Arbeit, ausgebrannt, sich minderwertig fühlend, ungeliebt, den Frieden in Drogen oder Alkohol suchend. Die meisten haben rein zufällig die Chants für sich gefunden und eine Zusammenkunft namens „Kirtan“, das gemeinsame Singen.

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Film: Augenblicke: Gesichter einer Reise

La Grande Dame und der Streetart Künstler

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Der mittlerweile 35-jährige Streetart Künstler und Fotograf JR und die 90jährige Regisseurin Agnès Varda wurden irgendwann aufeinander aufmerksam. JR kannte Agnès Vardas Werk, und diese wurde wegen seiner geklebten überdimensionalen Gesichter und Augen auf ihn aufmerksam.Die Filmemacherin sprach ihn an, und nach einem Kennenlernen machten sie sich auf einen gemeinsamen Weg. Sie fuhren mit einem „Fotomobil“ (ein Transporter, der zum mobilen Fotolabor umgebaut wurde) in ganz Frankreich herum. Die beiden suchten nach großen Gebäuden, Wänden, Häusern, auf die man riesige, im Fotomobil fotografierte und danach ausgedruckte Bilder aufkleben konnte.

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Film: A quiet place

Ein lautloser Alptraum

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Gleich der Anfang erinnert sehr an The walking Dead: Eine Familie streunt durch Läden und schaut, was man noch gebrauchen kann, dabei gehen sie leise, ganz leise vor. Warum? Selbst das Tablettenfläschchen wird langsam umgedreht, damit die sich drehenden Pillen kein Geräusch ergeben. Die Erde ist ein stiller Ort geworden. Ein Großteil der Menschheit wurde durch mysteriöse Wesen vernichtet, die bei dem kleinsten Laut angreifen. Mittendrin ist eine Familie, die versucht zu überleben. Das mutet jetzt wie I am Legend an, wo ein einsamer Will Smith sich alleine durchschlagen musste, auch bedacht, keine Wesen anzulocken – die dort aber wenigstens nur nachts unterwegs waren.

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