CD: Gimme Shelter – Friedensfahrt

Repeating history?

4PAN1T„Wir alle merken wohl, dass im Moment viele Dinge in unserer Welt nicht ganz richtig laufen. Fehlende Menschlichkeit und Solidarität, fehlendes Geschichtsbewusstsein und die Verhöhnung von Opfern des Nationalsozialismus. Die Liste ist endlos – ebenso wie die Ignoranz mancher Mitmenschen. Solche Themen haben wir diesmal verarbeitet und unseren Gedanken, Ängsten und Hoffnungen einfach mal Luft gemacht. Aber natürlich drehen sich einige Songs auch wieder um Liebe, Sehnsucht und Leidenschaft.“ Ein Zitat aus dem Band-der-Woche-Interview von Robert Grolms zum neuen Synthiepop-Werk Friedensfahrt, das Ende September erschienen ist. Das ist eine Aussage des GimmeShelter-Sängers, die mich neugierig gemacht hat. Weiterlesen

Album: Grün Wasser – Not ok with things

Auf einer trostlosen Überlandstraße in einer gottverlassenen Gegend mitten in der Nacht fährt im Regen ein Auto vorbei

GRÜN-WASSER-CoverGrün Wasser sind Keely Dowd (Vocals & Production) und Essej Pollock (Electronics & Production) aus Chicago. Die beiden Freundinnen gründeten ihr gemeinsames Projekt 2015; 2016 erschien ihr erster Longplayer Nein/9, zwei Jahre später Predator/Prey. Keely Dowd macht kein Geheimnis daraus, dass sie in diesen ersten Jahren der Band mit Alkoholismus und Depressionen zu kämpfen hatte. Sie gewann. In den Lyrics das dritten Albums Not ok with things spielen nicht nur die Folgen von und der Kampf gegen Abhängigkeit und Krankheit eine große Rolle, sondern auch die gesellschaftlichen Strukturen und Mechanismen, die beide hervorbringen oder befördern: Zwänge, Sprachlosigkeit, soziale Hierarchien, destruktive Rollenbilder, toxische Beziehungen. Keine leichte Kost, sollte man meinen, aber wie klingt das in Musik übersetzt? Anders, und: catchy.

Weiterlesen

CD: Geometric Vision – Fire! Fire! Fire!

Nebel, Tanzfläche, schweben

a3871787772_10Bald ist wieder Katzenclub in München (02.11.2019), und auf dem Festival sind unter anderem Geometric Vision aus dem italienischen Neapel zu Gast, die ich euch vorstellen möchte. Sänger Ago Giordano hat sich zunächst solo im Darkwave ausprobiert, dann aber mit Gennaro Campanile, der den Bass bedient, und Gitarrist Roberto Amato Mitstreiter gefunden. Das Debütalbum Dream ist 2013 erschienen und zwei Jahre später folgte Virtual analog tears. Das aktuelle Album Fire! Fire! Fire! erschien bereits 2018 und soll nun endlich gewürdigt werden. Weiterlesen

Album: Nairod Yarg – Nairod Yarg

Das Spiegelbild des Dorian Gray

pochette-nairod-yarg-hdWir rezensieren Nairod Yarg, Google Translate und ich. „Aufgabe oh so schwer!“, sagt es beim Übersetzen der französischen Homepage. Pah, sag ich, ganz einfach: Ihre Einflüsse nennen sie ja freundlicherweise gleich auf ihrer Homepage, und wer sich vorstellen kann, wie Oscar Wilde, Banksy, David Lynch und Virginie Despentes unter einem musikalischen Hut klingen, kann sich bestimmt auch vorstellen, was Nairod Yarg machen. Das Label, das die Band ihrer eigenen Musik gibt, ist schlicht „cold-loud“, und wer bin ich, das besser wissen zu wollen? Ansonsten: Die sind sehr, sehr gut. Fertig!

Extended version: Nairod Yarg sind Sébastien Ficagna und Rudy Centi aus Villefranche-sur-Saône (nahe Lyon), Frankreich. Sie kannten sich bereits von dem früheren Bandprojekt Plastic People, und als sie sich im Sommer 2018 beide ohne Band wiederfanden, forderten sie sich selbst und gegenseitig heraus: zehn Songs in zwei Monaten und einen Monat drauf den ersten Gig! Offenbar übererfüllten sie diese Vorgabe, denn auf ihrem selbstbetitelten Erstling finden sich bei einer Lauflänge von gut 34 Minuten sogar elf Songs. Wenn es denn eine Genre-Zuordnung geben muss, wäre Postpunk mit starkem Wave-Einfluss (der Bass! und der Drumcomputer!) und Noise-Rock-/Metal-Elementen (die Gitarre!) vermutlich nicht falsch – und käme doch nicht wirklich an das heran, was auf dieser Platte alles passiert.

Weiterlesen

CD: Lindy-Fay Hella: Seafarer

Ein nordischer Engel

Lindy-Fay_CoverMeer, Felsen, Brandung, Gischt, eine kaum erkennbare Gestalt, über ihr ein Halbkreis aus Ästen, fast als wolle sie in eine andere Welt eintreten. Das ist das Cover und auch das Thema des Silberlings. Lindy-Fay Hella, bislang Sängerin der norwegischen Ambient-Folk-Formation Wardruna – allen spätestens seit der Serie „Vikings“ durch das wunderbare Titellied bekannt – wollte Neues ausprobieren. Seafarer ist ihr Debütalbum, und es befasst sich mit der Anderswelt, einer anderen Welt als der bekannten. 2017 hat Hella mit den Aufnahmen begonnen, anfangs alleine, dann kamen nach und nach Mitmusiker dazu, zuerst Herbrand Larsen, dann ihr Cousin Ingolf Hella Torgersen, und später wurden es immer mehr. Kristian Gaahl Espedal beispielsweise hat gesanglich unterstützt. Bedingung war für die Musiker nur, sich ein Instrument auszuwählen und mitzumachen, sodass es ein schönes, rundes, passendes Gesamtkunstwerk werden könnte. Wenngleich die Musik natürlich mit Stilmitteln und verschiedenen – spannenden – Instrumenten à la Einar Selviks Projekt Wardruna ausgestattet ist, so stehen im Mittelpunkt Stimmen, Frauenchöre, Männerchöre und allen voran die engelsgleiche und doch stimmgewaltige Lindy-Fay Hella selbst.

Weiterlesen

,

CD: Imperium Dekadenz – When we are forgotten

Kraft in Reinform

1000x1000Über Imperium Dekadenz braucht man nicht mehr viele Worte zu verlieren. Eine Zwei-Mann-Institution – Vespasian (Guitars, Drums, Bass) und Horaz (Guitars, Lyrics, Vocals) – des hiesigen Black Metal Undergrounds, und das bereits seit der Gründung 2004. Ihr Debütwerk …und die Welt ward kalt und leer empfinde ich noch heute als Richtwerk für kommende Black-Metal-Bands. Das Ende August über Napalm Records erschienene neue Album When we are forgotten markiert die bereits achte Veröffentlichung in der Bandgeschichte. Gespannt und mit dem größten Vergnügen habe ich ein Ohr für euch riskiert. Sind Imperium Dekadenz ihren eingeschlagenen Weg fortgegangen? Weiterlesen

CD: Eridu – Lugalbanda

Sumerische Heldenepen

Eridu-Lugalbanda-CoverEridu ist nicht nur die vielleicht älteste sumerische Stadt in Süd-Mesopotamien (heutiges Süd-Irak), sondern auch die neue Band von Emanuel „Enki“ Daniele, den aufmerksame Beobachter der Münchner Metalszene schon von seiner früheren Band Gilgamesh kennen dürften. Gilgamesh hatte sich mit dem Album The Awakening und diversen Live-Auftritten (u. a. auf dem Dark Easter 2017) einen hervorragenden Ruf erspielt, umso überraschender kam dann der Split. Jetzt melden sich Eridu mit in Eigenregie veröffentlichtem Debütalbum zurück, das inhaltlich und musikalisch an die Vorgängerband anknüpfen soll. Begeben wir uns also weit, weit zurück in die Zeit der Sumerer. Weiterlesen

CD: Elvenking – Reader of the runes – Divination

Phantastische Welten, Runen und Magie

EK_713_ROTR_C_3000x3000In der italienischen Metalszene sind sie gut bekannt – die Rede ist von Elvenking. 1997 gegründet, können sie auf eine beachtliche Diskografie zurückblicken. Auch als Band der Woche haben sie uns schon Rede und Antwort gestanden. Das Interview erscheint demnächst. Wir haben in ihr neuestes Werk Reader of the runes – Divination vorab reingehört.

Weiterlesen

CD: Tarja – In the raw

Der Rohheit schöne Seite

81ZGZ7YuVZL__SL1500_Sängerin Tarja Turunen kann bereits auf eine beachtliche Solokarriere zurückblicken. Zahlreiche Longplayer und Livealben hat sie bereits veröffentlicht. Nun ist es soweit und In the raw steht ab 30.08.19 in den Startlöchern. Es handelt sich um ein Konzeptalbum, das sich zur Aufgabe gemacht hat, die perfekte, glanzvolle Seite von Gold mit der Rohheit des Originalzustandes verbinden. Unterstützend hat sich die Finnin die hochkarätigen Gastmusiker Cristina Scabbia (Lacuna Coil), Björn Strid (Soilwork) sowie Tommy Kaverik (Kamelot) eingeladen.

Weiterlesen

CD: Eggvn – Solve et coagula

Soundtrack für die Sommerhitze

Solve et CoagulaInternational in Erscheinung getreten ist das mexikanische Satanic-Death-Industrial Duo Eggvn (ausgesprochen wie „Eggvin” mit einem stimmlosen i, wie eine Freundin auf dem WGT beim Sänger erfragt hat) zum ersten Mal 2017 mit der EP In God we are damned. Die Veröffentlichung der fünf eigenen Songs, samt eines Remixes, erfolgte auf Bandcamp und Spotify, dazu produzierte man eifrig Videos für YouTube. Dank durchgehend hoher musikalischer Qualität, und nicht zuletzt der dichten Atmosphäre der Videos, in denen eine beklemmend satanische Stimmung in sehr alltäglich-moderne Settings transportiert wird, konnte sich die Band mit den Widdermasken recht schnell über eine ordentliche Fanbase freuen. Weitere Kooperationen ließen genauso wenig auf sich warten (man lasse sich bei Gelegenheit einmal ihren Remix von Synapsyches „The ghost DNA” auf deren Album Mirror terror durchs Hirn fegen) wie ein Plattenvertrag mit Danse Macabre Records.
Im April dieses Jahres folgte nun also das erste „richtige Album”: Solve et coagula. Weiterlesen