Ein Buch für Genießer

Ein Pirat und ein Mädchen. Eine geheimnisvolle Welt innerhalb der Welt. Die mystische Einführung eines neuen Akolythen. Und schließlich ein kleiner Junge, Sohn einer Wahrsagerin, der in einer Gasse auf eine Tür stößt, die auf die Mauer gemalt ist, und sich für einen Moment wünscht, sie zu öffnen – und es dann doch nicht tut. Noch nicht.
Der Junge heißt Zachary und wächst zu einem jungen Mann heran, der Neue Medien studiert und sich für das Erzählen von Geschichten interessiert. Als er eines Tages in der Unibibliothek ein Buch ohne Autor entdeckt, in dem seine eigene Erinnerung an die Tür in der Gasse erzählt wird, kann er nicht anders, als dieses Rätsel lösen zu wollen, und fällt bei seinen Nachforschungen wie Alice durchs Kaninchenloch in eine wundersame Welt aus lebendigen Geschichten, Gefühlen und Honig.

Schon Der Nachtzirkus, Erin Morgensterns Debüt, hatte mich vor zehn Jahren mit seiner Andersartigkeit verzaubert, und „Das sternenlose Meer“ steht ihm in nichts nach. Der Leser bekommt kleine Stückchen von Geschichten gefüttert, die zusammenhangslos und bizarr erscheinen, aber mit so viel Sprachgefühl erzählt sind, dass man die Verwirrung beiseitelegt und sich einfach mitreißen lässt. Die eigentliche Geschichte entfaltet sich nur sehr langsam, aber kurze Sätze verleihen ihr etwas Drängendes, etwas, das weitergelesen werden möchte.
Zacharys Interesse an Computerspielen steuert eine weitere Dimension des Geschichtenerzählens bei. Interaktive Quests, bei denen der Protagonist selbst entscheiden muss, welche Tür er nun öffnet, wem er Glauben schenkt und wie die Geschichte weitergehen muss. Morgenstern baut wunderbare Anspielungen von Klassik bis Popkultur ein und schafft es, „Das sternenlose Meer“, obwohl es vielschichtiger ist als viele Belletristik, trotzdem nie versnobt daher kommen zu lassen.
Aber worum geht es nun eigentlich? Piraten, sternenlose Meere oder Zachary? Es geht um Geschichten, die erzählt werden müssen, und die enden müssen, um neu beginnen zu können. Die Figuren in Das sternenlose Meer sind weniger detailliert ausgeschriebene Charaktere, in die sich der Leser hineinversetzen soll (auch wenn ich mich in Zachary sehr oft wiedererkannt habe), sondern vielmehr Metaphern und Instrumente der Geschichte.

Daher ist Das sternenlose Meer definitiv keine Leseempfehlung für Fans von direkt erzählten Geschichten mit wohldefinierten Handlungssträngen und packenden Geschehnissen. Es ist kein Buch für ein paar flotte Kapitel im Bus auf dem Weg zur Arbeit, sondern eine einlullende Geschichte für verregnete Tage für Leser, die voll und ganz in Worten und Eindrücken aufgehen wollen. Sobald man davon ablässt, diese Geschichte verstehen zu wollen, kann man anfangen, sie zu genießen. Wie auch Der Nachtzirkus ist Das sternenlose Meer vor allem anders, aber absolut bezaubernd.

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Erin Morgenstern: Das sternenlose Meer
Blessing Verlag, Vö. 25. Mai 2020
Hardcover, 640 Seiten
€ 22,00 – ebook € 17,99

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