Ein Konstrukt düsterer Emotion

 

„It twists and turns into something that is not to be“ – das sind die ersten Worte, die einem Mikael Stanne entgegen schreit, wenn man die aktuelle CD Construct von Dark Tranquillity in den Player schiebt. Allerdings ist die Zeile bestimmt nicht auf das Album bezogen, denn es ist gewiss etwas, dass sein darf und soll.

DT-Construct2013

Schon bei dem Opener „For Broken Words“ bemerkt man eine Schwere und beklemmende Atmosphäre, die dieses Album von seinem Vorgänger unterscheidet. Das erste Lied ist kein brachialer Brecher, wie es auf einigen früheren Alben (We Are the VoidCharacter) zu hören war, sondern eher ein Midtempo-Lied, das die bereits angedeutete, schwere Atmosphäre des Albums spiegelt. Die zieht sich weiter, über „The Science of Noise“, dass zwar schneller, aber entgegen dem Titel kein Krach ist, und die Singleauskopplung „Uniformity“, bis hin zu den letzten beiden Stücken „Weight of the end“ und „None becoming“. Insgesamt beinhaltet der Silberling ein allgemein geringeres Tempo, mit einem vermehrten Ohrenmerk auf einfachere Melodien und einen teilweise erstaunlich wenig aggressiven Sound. Gerade letzteres kann man durchaus als zweischneidiges Schwert ansehen: So bieten zwar einfacher und ruhiger gestrickte Sounds, wie sie beispielsweise „Endtime Hearts“ oder „What Only you know“ im Refrain aufweisen, zusammen mit Mikael Stannes markanter, starker Shouting-Stimme eine verdammt gute Mischung, andererseits könnte man sagen, dass die Härte der früheren Werke der Band fehlen. Tatsächlich existiert kein Lied im schnellen, brachialem Stile eines „I am the Void“ (We are the Void) oder „Nothing to no one“ (Fiction). Alles in allem geht Construct stärker in eine melodische Richtung, was auch unterstrichen wird durch Herrn Stannes klare Stimme bei „Uniformity“, „What only you know“ und „State of trust“.

Gewollte Atmosphäre

Das stimmungs- und atmosphärenreiche Klangbild des Albums ist von der Band hörbar gewollt, genauer gesagt von den Songwritern Niklas Sundin (Gitarre), Martin Brandström (Keyboard) und Anders Jivarp (Schlagzeug). Die Texte wurden komplett von Sänger Mikael Stanne geschrieben und handeln von Enttäuschungen, tiefgehenden Erlebnissen und verarbeitetem Frust. Die Emotionen, die tief in den Liedern verwurzelt sind, werden wortwörtlich herausgeschrien bei Zeilen wie „There is no message, there is no value“ („For Broken Words“) oder „Sometimes I feel apathetic to this life“ („Apathetic“) und lassen einen quasi in ein tiefes, musikalisch gezeichnetes Loch blicken.

Aufgenommen wurde das Werk im Februar 2013 und bereits im Mai unter dem Label Century Media veröffentlicht. Gemischt wurde es von Jonas Bogren in den Fascination Street Studios in Örebro. Und wie sollte es anders sein, gibt es Construct in verschiedenen Varianten zu kaufen. Neben der Standard-Version gibt es noch die Nostalgiker-Schallplatte, zusammen mit einer sieben Zoll Single, und das limitierte Box Set. Letztere ist die hier rezensierte Version und kommt in einer schicken, schwarzen Klappbox daher, in welcher sich ein 24-seitiges Booklet findet, die Haupt-CD in einer Falthülle mit dem alternativen Cover der US-Edition und der Zusatz-CD „Deconstruct“, auf der sich die Bonustracks „Immemorial“ und „Photon Dreams“ finden, welche sonst nur in der US-Edition von Construct zu finden sind.
Der Bonustrack „Immemorial“ passt sich perfekt in das Album ein, melodisch, midtempo und düster-schwer. Aber auch hier, wie das restliche Album, mit vergleichsweise einfacheren Melodien. „Photon Dreams“ hingegen ist ein leider ziemlich kurzes Instrumental. Aber wenn Photonen das träumen, was das beklemmende Bonuslied andeutet, kann man nur froh sein, keines dieser Teilchen zu sein. Ein schöner Abschluss des Albums, der einem, lässt man sich darauf ein, noch einmal eine Gänsehaut zaubert. Bedauerlich nur, dass uns jene Lieder in Europa vorenthalten werden, es sei denn, wir leisten uns die Box.

DT-Construct-US-Edition

 

Fazit: Das Album ist eindeutig Dark Tranquillity, man hört es in jedem Lied. Dennoch geht die Band hörbar andere Wege, vielleicht so stark wie seit Projector von 1999 nicht mehr. Das kann man mögen oder auch nicht. Tatsache ist aber, dass das Album für sich ein gutes Album und aus einem Guss ist und einen auf eine emotionale Reise mitnehmen kann, wenn man sich denn nun darauf einlassen möchte. Nackenwirbel zerstörende Brecher gibt es dagegen leider nicht so viele wie auf früheren Scheiben.

Anspieltipp: Endtime Hearts

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Dark Tranquillity: Construct (Limited Box Set – inkl. Bonus-CD: Deconstruct)
Century Media, 24.5.2013
17,99 €
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Tracks:
1. For broken words
2. The science of noise
3. Uniformity
4. The silence in between
5. Apathetic
6. What only you know
7. Endtime hearts
8. State of trust
9. Weight of the end
10. None becoming

Deconstruct (nur 2 CD Limited Edition)
1- Immemorial
2- Photon Dreams

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