Frei sein – um einen hohen Preis

c) Monacensia

Bohème? Das klingt doch toll! Locker, ungebunden, unkonventionell, ausschweifend – Künstlerleben einfach! War das wirklich so? Mitnichten. Dieses ungebundene Künstlerdasein, diese Andersartigkeit war oft mit großen Entbehrungen verbunden. Gerade für Frauen, die ohnehin weniger Rechte hatten als die Männer. Anhand des Lebens und Wirkens von drei Frauen wird hier so ein Bohème-Leben in München vorgestellt. Franziska zu Reventlow, Emmy Hennings und Margarete Beutler stehen im Fokus.

Die Damen wollten nicht unter den Deckmantel der Ehe, um ein Auskommen zu haben. Sie wollten eigenständig so leben, wie sie wollten, und nicht, wie man es von ihnen erwartete. Damals konnten junge Frauen oftmals nicht arbeiten, sie waren absolut von ihren Männern abhängig. Zusammenleben als unverheiratetes Paar war eine Straftat, Kuppelei und Unzucht war das Vergehen. Die Arbeitswelt war den Frauen verschlossen, medizinische Versorgung gerade in Bezug auf Frauenkrankheiten war eine Katastrophe, die Freiheit ein Kind zu bekommen oder nicht war in weiter Ferne (und bei den heutigen Debatten um das Recht auf Abtreibung meint man fast schon wieder einen Schritt auf diese unschöne Vergangenheit zuzutreiben). Diese Künstlerinnen zahlten einen hohen Preis dafür, aus Konventionen und Rollenerwartungen auszubrechen. Hunger und Krankheiten waren an der Tagesordnung. Frauen, die ihre sexuellen Bedürfnisse stillen wollten, waren Straftäterinnen. Sie hatten keusch zu sein. Doch nebenher florierte die Prostitution, sie war oft der letzte Ausweg bei akuter Existenznot. Wurden die Damen erwischt, wurden nur sie inhaftiert, die Freier nicht. Für uneheliche Kinder wurde im 19. Jahrhundert ein Vormund eingesetzt. Franziska zu Reventlow kämpfte dafür, ihren Sohn alleine aufzuziehen. Hilfe und Halt gab es oft untereinander oder auch in Künstler-WGs. In dieser Ausstellung sieht man exemplarisch an den drei Vertreterinnen der Münchner Bohème, Franziska zu Reventlow (1871-1918), Emmy Hennings (1885-1948) und Margarete Beutler (1876-1949), wie sie den Kampf gegen die Konventionen für ihre Unabhängigkeit ausfochten.

Hier wird ihr Leben in verschiedenen Themenfeldern dargestellt. Appetitlich inszeniert mit Jugendstilschrift und -bildern bleibt man gerne stehen und liest sich alles durch. Biografische Dokumente, Manuskripte, Tagebücher, Briefe und Fotografien zeichnen ein Bild dieser Zeit.

Ganz besonders gut gefielen mir auch die kleinen Videos der Schauspielerinnen der Münchner Kammerspiele. In wenigen Minuten werden hier Szenen und Gefühlswelten der drei Damen der Münchner Bohème dargestellt. Schöne Idee, flotte, schnelle Mädchen-Songs wie „Girls just wanna have fun“ und „I wanna dance with somebody“ von zerbrechlichen, melancholischen Männerstimmen singen zu lassen. Das hinterlässt nachhaltige Eindrücke.

Die Frauen damals waren Künstlerinnen, Schriftstellerinnen, Übersetzerinnen, schrieben für bekannte Zeitschriften wie den „Simplicissimus“ – und doch reichte das Geld nicht immer zum Leben. Sie mussten sich allerhand einfallen lassen. Aber die Gedanken waren frei. SIE waren frei!

Es gibt ein umfangreiches Begleitprogramm, das dazu einlädt, mehr über die Frauen der Münchner Bohème zu sammeln. Jeder Schnipsel, den Besucher beitragen können, nimmt das Archiv auf. (Kuratorinnen Laura Mokrohs und Sylvia Schütz)

„Frei leben! Die Frauen der Bohème. 1890 – 1920“
In der Monacensia im Hildebrandhaus, Maria-Theresia-Straße 23, München
Mo., Di., Mi., Fr.: 9:30 bis 17:30 Uhr
Do. 12:00 bis 19:00 Uhr
Sa., So. 11:00 bis 18:00 Uhr
Eintritt frei
1. Juli 2022 bis 31. Juli 2023

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