40 Jahre Extrabreit

cover-Extrabreit-Auf-Ex-„Ich bin haaart wie Marmelade, ich bin zäääh wie Himbeergelee…“ Sorry, ich konnte nicht anders. Aber natürlich haben Extrabreit noch viel mehr Hits im Laufe ihrer nunmehr vierzigjährigen Bandgeschichte geschrieben, alleine schon, wenn man die legendären Zusammenarbeiten mit Hildegard Knef, Marianne Rosenberg und Harald Juhnke bedenkt. Nach zwölf Jahren erscheint pünktlich zum Jubiläum das 13. Album Auf Ex! am 13.11.2020, das natürlich 13 Songs beinhaltet. Extrabreit, das sind heute die drei alten Breiten Sänger Kai Havaii, Gitarrist Stefan Kleinkrieg und Drummer Rolf Möller, sowie die beiden Neuzugänge Gitarrist Bubi Hönig und Bassist Lars Larsson, die allerdings auch schon seit 2002 fest zur Band gehören. Also dann, Auf Ex!

Extrabreit in Hagen am 18.08.2020.

Fotocredit: Extrabreit

„Die wichtigste Frage gleich zuerst: Warum gibt es Extrabreit noch?“ – „Das fragen sich viele. Das liegt einfach daran, dass wir immer noch leben!“ Nachdem das dank eines Interview-Schnipsels gekärt ist, startet mit der Vorab-Singleveröffentlichung „Die Fressen aus dem Pott“ direkt die erste Hymne, die der bandtypischen Selbtironie nicht entbehrt. Auch Extrabreit werden nicht jünger. Das zeigt sich auch in der Selbstreflexion, die bei „Vorwärts durch die Zeit“ zu Tage tritt. Der Song selbst legt mit Bläsern untermalt einen großen Auftritt hin, nicht zuletzt auch durch den eingängigen Refrain, der bestens mit dem Sprechgesang in den Strophen harmoniert. Bei den ersten Takten von „Robotermädchen“ habe ich direkt „Westerland“ von Die Ärzte im Sinn, und auch wenn Extrabreit in der Folge ihren eigenen Song entwickeln, ist dieser ebenfalls hymnenhaft angelegt. „Winter“ agiert hingegen insgesamt etwas ruhiger und zurückhaltender, was den Kontrast zum Refrain verstärkt. „Es wird ein langer, dunkler Winter, so wie es selten war zuvor.“ Dabei fröstelt es mich tatsächlich, denn mit den aktuellen Problemen bekommt der Song eine sicherlich unbeabsichtigte prophetische Note. Kai Havaii resümmiert in „Sonderbar“ sein Leben, das recht beschwingt auftritt. Mit „Gib mir mehr davon“ folgt eine traurige Ballade, die beweist, dass Extrabreit auch die leisen Töne beherrschen. Ob beabsichtigt oder nicht, das Gitarrenspiel erinnert mich dabei zwei- oder dreimal an Guns ’n‘ Roses. Beflügelt von „Mary Jane“ wird nun wieder gerockt, bevor Kai in „Meine kleine Glock“ verstörende Gefühle offenbart. Live geht dabei bestimmt der Punk ab. Im Vergleich dazu empfinde ich „Ganz neuer Tag“ als etwas beliebig.
Die Gitarre zu Beginn von „Donnerstag“ erzeugt eine staubige Western-Atmosphäre, die bestens zu „Deine Farbe ist grau“ passt. Dennoch machen Extrabreit nicht etwa plötzlich Country, sondern bleiben dem Punk Rock treu. „Kein zurück“ erinnert mich musikalisch und auch stimmlich passagenweise stark an Udo Lindenberg, den Song könnte auch der Panikrocker intonieren. Wobei das jetzt nicht negativ gemeint ist, im Gegenteil. Mit „Seine Majestät der Tod“ folgt ein düsterer und psychedelischer Ausflug, der eine unheimliche Intensität besitzt. Auch wenn das keine Hitsingle im herkömmlichen Sinne sein mag, ist das für mich einer der stärksten Songs. „War das schon alles“ ist prädestiniert als krönenden Abschluss einer schweißnassen Show, ein Punk-Rock-Song mit Mitsingfaktor, nach dem man nach Zugaben verlangt. Und so ist das auch noch nicht alles, es gibt tatsächlich noch drei Bonustracks. Den Anfang macht mit „Über uns der Himmel“ eine Art Rock-Ballade, eine überraschende Coverversion von Hans Albers, im Original aus dem Jahr 1947. Vor meinem geistigen Auge läuft dazu als Video aber nicht etwa eine zertrümmerte Nachkriegslandschaft ab, sondern die Jever-Werbung aus dem Fernsehen. Jetzt habe ich Durst und muss erst mal zum Kühlschrank. In „Immer wieder Extrabreit“ feiert sich die Band fulminant selbst. Das ist so ein Song, der vielleicht nur so zum Spaß im Proberaum entstanden ist, aber viel zu gut ist für die Schublade. Als Bonustrack ist er ideal eingesetzt. Im Gegensatz zu „Geiles Teil“, auf das ich jetzt nicht näher eingehen und lieber den Mantel des Schweigen darüber ausbreiten möchte.

Fazit: Auf Ex! ist ein gelungenes Album mit vielen tollen Songs. Die Breiten wissen, was sie tun und bleiben sich treu. Punk Rock mit leichtem Pop-Appeal, kombiniert mit oft humorvollen und selbstironischen Texten. Trotzdem sorgen sie mit kleinen Ausflügen in szenefremde Gefilde für Abwechslung. Doch es gibt einen großen Wermutstropfen: Die Songs gehören eindeutig auf die Bühne, um bei einem Live-Konzert ihre volle Magie entfalten zu können. Es ist sehr schade, dass das zum 40-jährigen Jubiläum weder der Band noch dem Publikum momentan vergönnt ist.

Anspieltips: Die Fressen aus dem Pott, Seine Majestät der Tod

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Extrabreit: Auf Ex!
Premium Records /Soulfood, Vö. 13.11.2020
CD 15,99 € / LP 21,99 € erhältlich über EMP

Homepage: https://die-breiten.de/
https://www.facebook.com/dieBreiten/
http://www.soulfood-music.de/

Tracklist:
01 Die Fressen aus dem Pott
02 Vorwärts durch die Zeit
03 Robotermädchen
04 Winter
05 Sonderbar
06 Gib mir mehr davon
07 Mary Jane
08 Meine kleine Glock
09 Ganz neuer Tag
10 Donnerstag
11 Kein zurück
12 Seine Majestät der Tod
13 War das schon alles
14 Über uns der Himmel (Bonustrack)
15 Immer wieder Extrabreit (Bonustrack)
16 Geiles Teil (Bonustrack)

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