Josef Wilfling, Münchner Mordkommission

 

07.12.2012, VHS-Unterschleißheim
Josef Wilfling, Unheil: Warum jeder zum Mörder werden kann
Unheil ist Josef Wilflings zweites Buch, 2010 erschien sein Erstling Abgründe. Beides sind seine Erfahrungsberichte.

Josef Wilfling war bis 2009 als Ermittler und zuletzt Leiter der Münchner Mordkommission tätig; hier hat er die höchste Aufklärungsquote aufzuweisen. Am 07.12.2012 sitzt mir ein fülliger Herr gegenüber, seine fränkische Sprachfärbung, die Art und Weise wie er meist offen über seine Arbeit spricht, kommen bei mir gut an.

Nach eigenen Angaben war Josef Wilfling zu gutmütig für die Verkehrspolizei und wurde daher bei der Mordkommission eingesetzt. Die „Faszination des Bösen“ trat damit in sein Leben. Wenn man das Böse kennengelernt hat, ist die Faszination allerdings weg und die Angst kommt zum Vorschein. Für den Zeitungsleser oder Nachrichtenhörer ist es auch nur faszinierend, wenn die Geschehnisse weit weg sind.

Obwohl der Polizist viel Schreckliches gesehen hat, verlor er nie den Glauben an die Menschheit, denn es gibt immer noch genug gute Menschen. Wilfling spricht auch davon, dass man ein intaktes (privates) Umfeld braucht und nach dem Dienst abschalten können muss sowie mit Kollegen über die beruflichen Schrecknisse sprechen soll, um sich dem Bösen immer wieder stellen zu können. Mit seiner Frau ist er seit über 40 Jahren verheiratet, aber zuhause wurde nie vom Dienst gesprochen. Er geht davon aus, dass seine Frau seine Bücher bisher nicht gelesen hat – obwohl sein Neuling bei ihr auf dem Nachttisch liege.

In der Zeit von 1987 bis 2009 gab es in München und im dazugehörigen Landkreis über 300 Morde und 800 Mordversuche. Bei der Mordkommission ist Teamarbeit angesagt, um die Fälle von Sexualmord, Raubmord und andere mit den ER-Tötungsarten (erschlagen, ersticken, erschießen) lösen zu können.

Die Motivlage der Täter wird unterschieden in emotional (aus Leidenschaft) und rational (eiskalter Mörder). Ebenso hat Wilfling drei Serienmörder-Fälle bearbeitet und aus jedem Fall gelernt. Diese Taten sind meistens sexuell motiviert. Eine besondere Kategorie sind für ihn die Ehrenmorde. Sechs davon musste er unter die Lupe nehmen, sie haben ihn sehr erschüttert.

Bei diesem Vortrag geht es um das Böse im Alltag. Was ist böse? Der Mensch kommt nicht als Mörder zur Welt. Jeder hat gute Seiten, wie auch böse, letztendlich ist das eine persönliche Entscheidung, für welche man sich entscheidet.

Ein Mörder will nicht gefasst werden, er würde ansonsten alles verlieren. Jeder probiert den perfekten Mord. Gibt es diesen? Nein, vollkommen, perfekt ist nur Gott (besagt eine philosophische Antwort). Fehlerfrei? Ja, fehlerfrei ist möglich. Es gibt viele unentdeckte Tötungsdelikte, vor allem in Zusammenhang mit älteren Menschen. Nicht umsonst fordern die Ermittler eine zweite Obduktion vor der Beisetzung der Opfer; allerdings sieht der Gesetzgeber dafür keinen Handlungsbedarf. Die Regierung will das subjektive Sicherheitsgefühl der Bevölkerung nicht beunruhigen.

Es hat mich nicht überrascht, dass der Mörder meist im Nahbereich des Opfers zu suchen ist. In der Anfangsphase der Ermittlungen werden zuerst Ehemann, -frau, Lebensgefährte, -in verhört. Ein Ausspruch von Herrn Wilfling an diesem Abend ist: „Erst Rosamunde Pilcher, dann TATORT“.
Eine bedenkliche Entwicklung stellt der eskalierende Konflikt zwischen Eltern und Kindern dar. Man erkennt eine zunehmende Verrohung, und dass den Kindern keine Werte mehr vermittelt werden.
Einen weiteren Krisenherd birgt die Erbschaft. Wenn Gier, Neid und Missgunst aufkommen, die Enterbung droht, entwickelt sich das Böse. Das konnte Wilfling auch bei den Untersuchungen zum Mord des Schauspielers Walter Sedlmayr verfolgen.
Eine hohe Dunkelziffer gibt es in der Altenpflege. Nicht jeder Fall, bei dem ein/eine Altenpfleger(in) die zu pflegende Person tötet, wird entdeckt.
Nachbarschaftskriege (Orginalton Wilfling: „Gibt es eigentlich noch gute Nachbarschaften?“) werden auch vielfach blutig beendet. Auslöser kann der Ast sein, der über den Zaun hängt, und enden kann es bei dem großen Blumentopf, der auf dem Kopf von einem der Kontrahenten landet. Der Tod, das Gefängnis, die Zerstörung von Familien sind die Folge.
Mobbing hat sich mittlerweile zum riesigen Problem entwickelt. Nicht nur im Beruf und am Arbeitsplatz, auch an Schulen, vor allem Mädchenschulen, wird dank Internet anonym agiert.

Die schlimmsten Verbrechen in Bayern und Deutschland wurden durch Polizisten und Postboten verübt. Man nehme als Beispiel den BND-Mitarbeiter, der 2001 seine Frau grausam mittels zwei Hämmer tötete oder auch den Mädchenmörder von Krailling (Postbote), der seine zwei kleinen Nichten schrecklich zugerichtet hat (vom Täter wurden drei Tötungsmöglichkeiten angewendet).

An diesem Abend gibt es auch ein paar wissenswerte Zahlen:
Jährlich flüchten 45.000 Frauen in Frauenhäuser.
2011 wurden 146 Kinder umgebracht, das sind drei pro Woche! 2010 waren es noch 183; zweidrittel der Opfer waren jünger als sechs Jahre. 70.000 Kinder wurden schwer verletzt. Wo ist das passiert? In der Familie! Totgeschüttelt, erschlagen, verhungert …
Unter den Senioren gibt es 12.000 Opfer; wie oben schon beschrieben ist allerdings die Dunkelziffer groß.

Wie wird man zum Mörder? Leider reduziert sich die Hemmschwelle immer mehr, negative Emotionen kochen hoch, das Böse schwappt über – ein Schwelbrand.
Wer sind die Täter? 10 % sind Frauen, 90 % Männer.
Warum passiert ein Mord? Ein Hauptgrund ist die Verlustangst. Aus Neid, Hass und Rache, Habgier, Raffsucht oder zur materiellen Bereicherung: Dafür geht man über Leichen.

Laut Herrn Wilfling ist Deutschland die Insel der Glückseligkeit und München ist das Paradies! Als Gegensatz nennt uns der noch immer engagierte Ermittler Zahlen aus Honduras bzw. Mexiko: Jährlich passieren dort 80 bis 120 Morde.
In München gab es 37 Morde im Jahr 1987 – 15 Morde von Januar bis Juli, einer im Dezember 2005 – 2009 drei Morde, 2012 zwei.
Sind die Menschen besser geworden? Mag sein, aber die verbesserten sozialen Verhältnisse tun das ihre.

Könnte auch ich zum Mörder werden? Emotionen sind nicht kontrollierbar. Eine Empfehlung des Redners ist: Sollte man bei Hass- und Rachegedanken nach drei Tagen immer noch nicht frei davon sein, sollte man professionelle Hilfe annehmen.

Ich hoffe, demnächst Unheil hier rezensieren zu können.

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