Scyr ist das Soloprojekt von Julian Riegl, das er 2021 ins Leben gerufen hat. Der in München lebende Künstler hat im letzten Jahr sein Debüt-Album So sad veröffentlicht – melancholischer Post Punk und New Wave mit einem  tanzbaren, gitarrengetriebenen Sound, der tief in die 80er Jahre eintaucht. In seiner Musik verbindet Scyr „nostalgische Gefühle mit modernen Elementen“, die eine verträumte Atmosphäre erzeugen. Wir sind gespannt auf das neue Album, das Juilan für das kommende Jahr angekündigt hat!

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Foto 1: © Julian Riegl

Wer verbirgt sich hinter Scyr? Wie ist dein Projekt entstanden?
Scyr ist der Künstlername für mein Soloprojekt. Im „echten“ Leben heiße ich Julian Riegl und lebe in München. Ausschlaggebend für dieses Soloprojekt war die Neugier, wie ein Album klingen würde, wenn ich von Anfang bis Ende die volle Kontrolle über den gesamten kreativen Prozess habe. Seit meiner Jugend habe ich in einigen Bands gespielt, bei denen die Musik vor allem zusammen geschrieben wurde und mehr oder weniger im Proberaum entstand. Sobald man genug Material für eine Platte zusammen hatte, suchte man sich ein Studio, um die Stücke aufzunehmen und anschließend abmischen zu lassen. Bei meinem Soloprojekt ging es mir darum zu sehen, was passiert, wenn ausschließlich ich die Musik und Texte schreibe, alle Instrumente selbst einspiele und die Songs mische. Ich liebe es, mit anderen Menschen Musik zu machen und finde es unglaublich, welche Synergien dabei entstehen, aber bei diesem Projekt steht letztlich das Experiment der völligen künstlerischen Unabhängigkeit im Vordergrund.

Wie bist du auf deinen Band-Namen gekommen, und was bedeutet er für dich?
Ich habe nach einem kurzen Namen gesucht, der gleichzeitig alt, aber irgendwie auch futuristisch klingt. Ich habe ganz schön lange gebraucht, um das selbst zu verstehen. Letztendlich habe ich eines Nachmittags ziemlich gedankenverloren auf einem Notizblock herumgekritzelt (was ich sonst übrigens nie mache) und hatte dann diese Buchstaben dort stehen. Mir gefällt der Gedanke, dass diese Idee möglicherweise direkt dem Unterbewusstsein entsprungen ist. Um die Bedeutung dahinter ging es mir ehrlich gesagt nicht, was mich auch wundert, weil ich es normalerweise eher langweilig finde, wenn Form über Inhalt geht. Außerdem gefällt es mir, dass es etwas nordisch klingt und damit auch schon etwas Düsteres mitschwingt.

Beschreibe deinen Sound mal außerhalb aller Genre-Schubladen. Wie klingt deine Musik?
Da Genregrenzen ja ohnehin meistens fließend sind, finde ich diese Frage sehr interessant. Ich würde sagen, meine Musik ist von einer tiefen Melancholie geprägt. Ebenso wichtig ist mir dabei, nostalgische Gefühle mit modernen Elementen zu vereinen.

Was sind deine ersten musikalischen Erinnerungen?
Meine früheste musikalische Erinnerung ist folgende: Ich bin als 14-Jähriger durch die Computerspiel-Abteilung eines Kaufhauses geschlendert und hatte mich wohl auf einmal in die CD-Abteilung verlaufen. Dort lief die damalige Single von Rammstein „Sonne“. Der Sound, vor allem die tiefer gestimmten Gitarren, diese auf mich seltsam wirkende Stimme und der hohe Singsang im Refrain hatten mich regelrecht elektrisiert und ich war wie erstarrt. Natürlich war ich viel zu schüchtern, um einen Verkäufer nach dem Songtitel zu fragen (es gab ja noch kein Shazam), und ich bin einfach gegangen. Erst Wochen später habe ich dann erfahren, wie der Song heißt und von wem er war. Davor habe ich mich nicht im geringsten für Musik interessiert und konnte auch kein Instrument spielen. Auch wenn man von dieser Erinnerung in meiner Musik nicht so viel direkt heraushören kann, hat es doch dazu geführt, dass ich damals als Teenager unbedingt ein Instrument lernen und vor allem eine Band gründen wollte.

Welchen Einfluss hat deine Umgebung auf deine Musik? Aus welcher Stimmung heraus ergeben sich für dich die besten Musikstücke?
Da ich in München aufgewachsen bin und hier immer noch lebe, könnte man auf die Idee kommen, dass diese Stadt und ihr Flair nicht ideal für düstere und melancholische Musik ist. Tatsächlich mag ich die Stadt am liebsten bei Nacht und mit etwas verlassen wirkenden Straßen. Dabei habe ich zumindest das Gefühl, besonders viel Inspiration zu spüren. Den Mythos, dass man am besten Musik machen kann, wenn es einem schlecht geht, halte ich für nicht ganz zutreffend. Wobei Musik machen (und hören) natürlich eine starke therapeutische Wirkung haben kann. Auf eine spezielle Stimmung kommt es mir zum Musik machen nicht an, aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass die besten Stücke entstehen, wenn man möglichst nicht rational vorgeht, sondern es einfach „fließen“ lässt und sich keine Schranken im Kopf setzt.

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Foto 2 & 4: © Sophie Wanninger / Foto 3: © Derya Bessinger

Erzähl uns ein wenig über dein Debüt-Album „So sad“, das du im letzten Jahr veröffentlicht hast. Wie sind die Songs entstanden? Wie sieht dein Songwriting aus?
Einige Songs lagen schon seit Jahren auf meinem Rechner und wurden wieder und wieder verändert. Andere sind erst kurz vor der Fertigstellung entstanden. Bis jetzt war es immer so, dass ich zuerst die Musik schreibe. Das fängt mit einem Riff auf der Gitarre oder einer Melodie auf dem Synthesizer an und wird dann durch etwas Rhythmisches ergänzt. Nach und nach kommen dann mehr Elemente hinzu, und eigentlich erst ziemlich spät überlege ich mir Gesang dazu. Dafür reicht es zunächst auch aus, einfach nur irgendwelche Wörter zu singen, denn es geht primär um die Melodie der Stimme. Dann kommt der schwierigste Teil für mich: ich frage mich, was mir der Song denn eigentlich sagen will, und versuche einen Text zu schreiben. Dabei ist es mir wichtig, keine eindeutigen Aussagen zu fabrizieren, sondern die wahre, tiefe Bedeutung des Songs „im Dunkeln“ zu halten. Mir gefällt der Gedanke, dass ich meine eigene Musik nicht wirklich verstehen kann und sie immer etwas mysteriös bleibt.

Was sind für dich thematische Inspirationen, die sich auch in den Texten niederschlagen?
Meine größte Inspiration sind Träume. Manchmal habe ich das Glück, dass ich mich noch einen halben Tag an den Traum der letzten Nacht erinnern kann. Danach ist alles wie ausgelöscht. Die Bilder und Emotionen, die mir im Traum erscheinen, sind wie aus einer anderen Welt und doch kommen sie tief aus mir, vielleicht aus dem Unterbewusstsein. Es fällt mir dabei etwas leichter, dieses in Klang und Sounds zu verarbeiten als in Texte. Da ich ein Cineast bin, ziehe ich auch viel Inspiration aus Filmen.

Die Einflüsse, die du in deiner Musik verarbeitest, würden wir die auch in deiner Plattensammlung oder auf deiner Playlist wiederfinden? Welche Musik hörst du gerade besonders gerne?
Definitiv! Mein Lieblingsjahrzehnt sind die 80er Jahre, vor allem natürlich alles, was mit New Wave, Postpunk und Synthpop zu tun hat. Aber auch moderne Wave Bands wie Drab Majesty, Lebanon Hanover und Twin Tribes höre ich sehr gerne. Ganz aktuell höre ich gerne das neue Album von DIAF, der mit der Verbindung aus bayerischen Texten und Wave doch etwas sehr Besonderes geschaffen hat.

Was ist die überraschendste CD/LP in deinem Regal?
Das trifft wahrscheinlich auf das Album „Patchouli Blue“ von Bohren und der Club of Gore zu. Überraschend daran ist nicht die düstere Stimmung, sondern eher das extrem langsame Tempo und die Stilistik aus dem Jazz, denn in diesem Genre kenne ich mich bislang noch gar nicht aus. Ich hatte das große Glück, letztes Jahr ein Konzert der Band in den Münchner Kammerspielen zu sehen. Es war ein besonderes Erlebnis und ich erinnere mich, dass während des Konzerts im Publikum nicht ein einziges Smartphone zu sehen war.

Gibt es ein Instrument, dass sicher nie auf einem Scyr-Album zu hören sein wird?
Grundsätzlich finde ich alle Instrumente faszinierend, von daher möchte ich nichts ausschließen und bleibe offen für neue Einflüsse!

Welche künstlerischen Einflüsse außerhalb der Musik haben deine Herangehensweise an deine Musik beeinflusst?
Dazu zählen für mich Film und Literatur. Einer meiner Lieblingsschriftsteller war schon immer Franz Kafka. Aktuell lese ich eine Biographie über ihn, und es ist faszinierend zu sehen, wie unregelmäßig seine Schaffensphasen waren und was es für das alltägliche Leben bedeutet, seine Identität als Künstler zu bewahren. Ich möchte damit nicht sagen, dass ich glaube, mich in ihm wiederzufinden, denn das wäre vermessen. Aber dennoch gibt es Charaktereigenschaften und Gemütszustände, die ich gut nachvollziehen kann. Wenn es doch nur so einfach wäre, Kreativität und Inspiration jederzeit abrufen zu können und Songs einfach so zu schreiben und sofort zu veröffentlichen. Wahrscheinlich wäre das aber auch ein bisschen langweilig …

Was bedeutet es für dich, Musik zu machen? Gibt es noch andere Projekte, in die du so viel Kreativität und Leidenschaft steckst?
Auch wenn ich damit das Risiko eingehe, in Pathos zu verfallen – ich habe mir manchmal Gedanken gemacht, was von meinem irdischen Dasein bleiben wird und was mich als Person ausmacht. Vielleicht ist es unter anderem das Musikmachen. Die Idee, dass meine Musik, wenn auch nur als Einsen und Nullen im Internet, ewig bestehen wird, ist tröstlich.
Wie bereits erwähnt, liebe ich Filme. Ich arbeite auch als Sound Designer in einem Filmtonstudio und fange gerade an, auch Musik für Filme zu schreiben.

Was sind deine Pläne? Was steht als Nächstes an? Worauf freust du dich am meisten?
Ich werde in nächster Zeit ein paar kleinere Konzerte in München spielen und arbeite an meinem zweiten Album. Die meisten Songs sind auch schon relativ fortgeschritten und ich experimentiere zum ersten Mal auch mit deutschen Texten. Das ist sehr spannend, weil die Klangfarbe im Vergleich zum Englischen viel härter und schwerer klingt. Sehr beeindruckt bin ich immer wieder, wie die Bands der Neuen Deutschen Welle in den 80ern damit umgegangen sind.
Ich freue mich besonders darauf, für das kommende Album vielleicht auch andere Musikerinnen und Musiker als Gäste für einzelne Songs gewinnen zu können. Auch wenn es ein Soloprojekt ist, macht eine Zusammenarbeit großen Spaß und ich bin gespannt, was daraus noch entstehen wird.

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