Ewige Bruderliebe

Ich bin auf ein großartiges Mediathek-Fundstück gestoßen: Das Geheimnis des Totenwaldes. Als erstes sieht man eine Frau in einem Wald um ihr Leben laufen, dann Schnitt, ein alter Herr schreckt von einem Alptraum hoch. Warum?
Im niedersächsischen Iseforst werden im Sommer 1989 kurz nacheinander zwei Liebespaare tot im Wald aufgefunden. Zur selben Zeit wird in Hamburg Thomas Bethge (der alte Herr vom Anfang) zum neuen LKA-Chef ernannt. Dieser hat aber Sorgen: Seine Schwester Barbara wurde von ihrem Mann verlassen, sie ist labil und trinkt zu viel. Als man meint, sie fängt sich wieder, verschwindet Barbara spurlos über Nacht.

Der LKA-Chef Bethge, ihr Bruder, will, dass die Polizei Barbaras Wohnung als Tatort behandelt. Er denkt an einen Zusammenhang zwischen den Doppelmorden in Iseforst und dem Verschwinden seiner Schwester. Er hätte verschiedene Ideen, dem nachzugehen, doch ihm sind die Hände gebunden, weil er für diese Fälle nicht zuständig ist. Das Ermittlerteam ist engagiert, doch immer wieder werden ihre Anstrengungen im Keim erstickt. Da ist man mal nicht zuständig, dann kann man den doch nicht noch einmal befragen, der hingegen kann doch nicht der Mörder sein, wo er so eine gute Ehe führt. Die Jahre vergehen, Existenzen und Beziehungen werden zerstört. Jemand – unschuldig – Verdächtiges bringt sich um, die ganzen Jahre wird Barbaras Ex-Mann verdächtigt, der Mörder seiner Frau zu sein, seine Tochter wendet sich ab von ihm, die Mutter von Barbara zerbricht an der Ungewissheit. Auch Aufrufe im Fernsehen bringen nichts. Jahre nach Bethges Pensionierung, als 75jähriger alter Mann, gelingt es ihm, mit akribischer Hartnäckigkeit und auch mit der Hilfe der damaligen jungen Kollegin den Mord aufzudecken. Es bringt der zerrütteten Familie nach all den Jahren zumindest Gewissheit und ein ganz klein wenig Hoffnung, dass sie wieder zueinander finden.

Diese Geschichte spielt nach einem wahren Fall. Es ist die leicht verfremdete Version der Göhrde-Morde, die zu den bekanntesten und rätselhaftesten Verbrechen der Republik gehören. Barbara Meier, geboren 1948 als Barbara Sielaff, ermordet im August 1989, entdeckt im September 2017 von ihrem Bruder, Hamburgs Polizeichef im Ruhestand. Fast 30 Jahre lang suchte er nach Hinweisen nach seiner Schwester.

Großartige Stimmung im Film, tolles authentisches Setting, jederzeit wird genau die Stimmung und Umgebung der entsprechenden Zeit wiedergegeben, die Schauspieler sind überragend. Silke Bodenbender als Opfer, Matthias Brandt als der suchende Bruder, Karoline Schuch als hoffnungsfrohe energiegeladene Ermittlerin Ende der 80er Jahre, Nicholas Ofczarek als der Stenz, der seine Frau verlässt und dafür 30 Jahre lang abgestraft wird. Sagenhaft, wie glaubhaft alle Schauspieler*innen ihre Rollen auch auf alt geschminkt 20 und 30 Jahre älter spielen. Hildegard Schmahl, die Grande Dame der Münchner Kammerspiele, als anfänglich gefasste, später verzweifelte Mutter ohne jede Hoffnung. Die ganze Story war kinowürdig.

Das Geheimnis des Totenwaldes lief Anfang Dezember als Dreiteiler in der ARD und ist als Sechsteiler à 45 Minuten in der ARD-Mediathek abrufbar.

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Das Geheimnis des Totenwalds
Produktionsland: Deutschland
Regie: Sven Bohse
Länge: 3 x 90 Minuten
Cast: Matthias Brandt, Silke Bodenbender, Karoline Schuch, August Wittgenstein, Nicholas Ofczarek, Jenny Schily, Hildegard Schmahl, Hanno Koffler, Nadeshda Brennicke u.v.a.

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