Das Green Book – Rassismus in den USA früher und heute

Cover-Overground-railroadSeit Wochen toben in den USA – und auch in anderen Ländern – emotionale Proteste gegen herrschende rassistische Strukturen und systematische Benachteiligung von BPoC und anderen Minderheiten. Auslöser war die völlig überzogene Gewalt seitens der Polizei bei der Festnahme des Schwarzen George Floyd, die schließlich in seiner grausamen Ermordung resultierte (ihr wisst schon, fast neun Minuten mit einem Knie im Nacken …) – ja, das ist jetzt bewusst so formuliert, denn wer die Videoaufnahmen gesehen hat, kann eigentlich zu keinem anderen Ergebnis kommen. George Floyds Tod ist in gewisser Weise symbolträchtig, aber nur ein Beispiel für jahrzehntelange, jahrhundertelange Diskriminierung von Schwarzen in den USA, die auch mit dem Civil Rights Act von 1964 nicht abgenommen hat und oft nicht mal subtiler geworden ist. Auch in Deutschland haben wir ein massives Rassismus-Problem, und um diese Strukturen zu verstehen, lohnt ein Blick in ein anderes Land und dessen rassistische Geschichte.

Ist es vorstellbar, dass in einem Land Schwarze sich in ihrem eigenen Wagen als Chauffeur ausgeben mussten, wenn sie von der Polizei angehalten wurden, und aus diesem Grund auch immer eine Chauffeursmütze dabeihatten? Sonst hätte nämlich die Gefahr bestanden, dass der Polizist denkt, das Auto sei gestohlen, er hätte wütend auf den Schwarzen Fahrer und neidisch auf den Wagen werden und den Mann am Ende vielleicht sogar umbringen können. Ist es vorstellbar, dass in einem Land Schwarze in vielen Städten nach Sonnenuntergang keinen Zutritt mehr hatten, sogenannten „sundown towns“, und sie deswegen Reisen und andere längere Fahrten viel genauer planen mussten als Weiße? Ist es vorstellbar, dass Schwarze an den meisten Tankstellen nicht bedient wurden, sehr oft nicht in Hotels übernachten und in Restaurants nicht essen durften? Oder auch nur irgendwo die Toilette benutzen durften? Ist es vorstellbar, dass Schwarze quasi Freiwild waren und jederzeit und überall umgebracht werden konnten, wenn irgendeinem Weißen irgendetwas nicht gepasst hat?
Wem das zu abstrakt erscheint, der sollte sich Overground railroad erarbeiten. Der Titel ist angelehnt an das sogenannte „Underground railroad“, das amerikanische Untergrundnetzwerk für Sklaven auf der Flucht, Mitte des 19. Jahrhunderts (wozu es von Colson Whitehead auch den ausgezeichneten Roman Underground railroad gibt). Die Autorin Candacy Taylor erzählt, basierend auf den dreißig Jahre umspannenden Ausgaben des sogenannten „Green Book“ des Postboten Victor Green und seiner Frau Alma, die Geschichte afroamerikanischen Reisens und Lebens in den USA – beziehungsweise mit welchen Schwierigkeiten dies in Zeiten der Rassentrennung, des Ku Klux Klan und des alltäglichen Rassismus verbunden war. Das Green Book ist Kinogängern aus dem gleichnamigen Film Green Book – Eine besondere Freundschaft bekannt, hier im Buch erfährt man allerdings noch sehr viel detaillierter, welche Bedeutung die jährlichen Ausgaben für Schwarzes Leben in den USA hatten. Dreißig Jahre gab es dieses überlebenswichtige Branchen- und Adressenverzeichnis, von 1936 bis 1966, und die Autorin hat alle Ausgaben analysiert und sich auf die Spuren der einzelnen Einträge begeben. Fast 5000 Adressen ist sie im Lauf von drei Jahren abgefahren und hat meistens nichts mehr vorgefunden, doch sie erzählt die oft spannenden Hintergrundgeschichten wie zum Beispiel zum Marsalis Mansion Motel (und Nightclub) von Wynston Marsalis‘ Großvater Ellis Marsalis in Mississippi oder den legendären Clubs in Harlem.
Anhand der mit den Jahren zunehmenden Einträge im Green Book illustriert die Autorin, wie sehr sich der Radius Schwarzen Reisens mit dem eigenen Auto mit den Jahren erweitert hat und dass es mit der Zeit immer mehr Unternehmen von Schwarzen für Schwarze gab (da sie in Geschäften von Weißen oft nicht einkaufen durften oder nicht bedient wurden). Gefährlich blieb es aber trotzdem noch, gerade in Staaten mit wenig Adressen für Schwarze, was besonders deutlich wurde nach Eröffnung der Route 66, die sich von Chicago nach Los Angeles erstreckt, dabei aber durch acht Bundesstaaten mit jeweils völlig unterschiedlichen Gesetzen führt. Für Weiße damals die Verkörperung von absoluter Freiheit, für Schwarze mitunter lebensgefährlich.
Parallel zu den Orten, die sie bereist und deren Geschichte sie erzählt, klärt Candacy Taylor umfassend über die Benachteiligung auf, die Schwarze zu Zeiten der Rassentrennung erfahren haben (Kredit für Hauskauf? Keine Chance) und die bis in die Gegenwart nachwirken. Sie illustriert, warum die damaligen Beschränkungen, in welchen Vierteln sich Schwarze niederlassen durften beziehungsweise geduldet waren, immer noch Auswirkungen auf die heutigen Wohnsituationen haben, warum in einem Land, in dem die meisten nach Eigenheim streben, so viele Schwarze in heruntergekommenen Mietwohnungen hausen müssen, warum so viele Schwarze Männer im Gefängnis sitzen und und und.

Es ist erschütternd und gleichzeitig spannend, der Autorin durch dreißig Jahre Green Book und an so viele Orte zu folgen, die damals für Schwarze enorm wichtig waren und heute in 75% der Fälle nicht mehr existieren; nur fünf Prozent sind noch in Betrieb. Zum einen liegt das am Zahn der Zeit – wir sprechen hier immerhin über viele Jahrzehnte, da gibt es Eigentümerwechsel, Schließungen, Häuser werden verkauft und abgerissen usw. Zum anderen haben Schwarze es natürlich nach dem Civil Rights Act genutzt, endlich auch zu von Weißen geführten Unternehmen Zutritt zu haben, weshalb sich die Zahl rein Schwarzer Betriebe immer mehr verringert hat.
Es ist ungeheuer lehrreich, Candacy Taylors Ausführungen zu offiziellem Rassismus vor dem Civil Rights Act und dem bis heute bestehenden subtileren Rassismus in der modernen amerikanischen Gesellschaft zu folgen. Natürlich lässt sich davon wenig eins zu eins auf Deutschland übertragen, aber gerade Polizeigewalt gegen BPoC oder Racial Profiling kennt man hier auch sehr gut. Und ganz allgemein: Es ist ein hervorragend recherchiertes, mit einem ausführlichen Adressanhang akribisch zusammengestelltes Buch, das sich bei aller Detailfülle sehr flüssig liest. Der Autorin ist hier wirklich ein zeitgeschichtliches Dokument gelungen, und wer sich für die USA als Land und die dortige Gesellschaft interessiert, kann hier wertvolle Informationen finden und vielleicht ein wenig besser verstehen, warum in Amerika gerade so viele Menschen trotz Covid-19, trotz brutaler Reaktionen der Polizei an vielen Orten auf die Straßen gehen und für „Black Lives Matter“ demonstrieren. Jahrzehntelange Wut über Benachteiligungen und Diskriminierungen hat sich angestaut und entlädt sich jetzt.

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Candacy Tayor: Overground railroad. The Green Book and the roots of black travel in America
Abrams Press, New York, 2020
360 Seiten, bisher nur auf Englisch erhältlich
Preis: € 32,31 (Hardcover), € 17,46 (Kindle), Preise laut amazon.de

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