Akte des Widerstands

Wie klingt es, wenn die Sonne singt? Auf jeden Fall wird es unüberhörbar sein. Avazê Xor, das ist Sorani und heißt übersetzt: Das Singen der Sonne. Unter diesem Namen fand sich vor einigen Jahren in Kurdistan ein Künstler*innen-Kollektiv zusammen, um gemeinsam zu benennen und anzugehen, was sie sahen und fühlten und nicht hinnehmen konnten: die Unterdrückung und Gewalt gegen Frauen und queere Menschen in patriarchalen Systemen. Die Sprache dafür fanden sie in konzeptueller Aktfotografie und Make-up-Art. Die Arbeiten der Gruppe sind jetzt in München im Kunstraum Florida in Haidhausen zum ersten Mal zu sehen.

Es ist eine eher kleine Ausstellung und eine erste Auswahl aus dem kollektiven Werk. Weitere Teilausstellungen in anderen Räumen werden später noch folgen. Aber der Besuch kann trotzdem am besten mit Zeit und Ruhe angegangen werden, denn die Arbeiten sind stark und vielschichtig. Sie thematisieren auf sehr komplexe und respektvolle Weise die sichtbaren und unsichtbaren Folgen von Freiheits- und Rechtsberaubung und sexualisierter Gewalt gegen Frauen und Angehörige queerer Communities. Die Wunden, die die Körper auf den Fotos teilweise tragen, sind zwar in dieser Form durch FX-Make-up nachgebildet. Aber die physischen und psychischen Verletzungen, die so erahnbar werden, sind alltägliche Realität für sehr viele Menschen.
Ebenso wichtig ist eine andere Botschaft, die in den Bildern klar zum Ausdruck kommt: Von sexualisierter Gewalt betroffene Menschen sind nicht Opfer. Sie sind nicht auf diese Gewalterfahrung reduzierbar. Sie sind Überlebende, sie besitzen unglaubliche Stärke und Schönheit. Es gibt andere, bessere Dinge in ihrem Leben, selbst wenn die Gewalt ein gegenwärtiger Teil davon ist. Und es kann eine Solidarität und einen kollektiven Lebenswillen geben, durch die Befreiung denkbar und möglich wird.
Keine leicht mal weg-angeschaute Ausstellung also, sondern eine Auseinandersetzung mit einem schwer erträglichen Thema in einer subtilen Umsetzung, die gleichzeitig Stärke und Empowerment vermittelt.

Um darüber hinaus zu verstehen, wie radikal die gezeigten Bilder sind, ist es gut, im Hinterkopf zu behalten, unter welchen Bedingungen sie entstanden sind. In den Herkunftsländern der Künstler*innen war die Veröffentlichung der Arbeiten unmöglich, wegen umfassender Repression und patriarchaler Tabus in Gesetzen und Kultur, die die Lebenssituation von Frauen und LGBT*IQ+, in den Worten einer der Künstler*innen, insgesamt zu einer Katastrophe machen. Ein Übergriff durch die Sittenpolizei in Teheran, bei dem eine junge Frau zu Tode kam, geht gerade durch die Zeitungen und hat vor Ort starke Proteste ausgelöst; es ist kein Einzelfall. Ebenfalls im Iran haben Anfang des Monats zwei LGBT*IQ+-Aktivist*innen, Zahra Sedighi-Hamadani und Elham Choubdar, Todesurteile erhalten. Derzeit versuchen verschiedene Organisationen, durch internationalen Druck deren Aufhebung zu erreichen (auch über Unterschriftensammlungen, ein Link zum Mitzeichnen steht am Ende des Artikels). Aus einer solchen Situation heraus sexualisierte Gewalt zu benennen und gerade das Tabuisierte und Verleugnete offen zu zeigen – weibliche oder weiblich gelesene Körper, und das Unrecht gegen sie –, ist ein massiver Akt des Widerstands.

Gleichzeitig – auch darauf weist der Informationstext am Eingang hin – sollte beim Besuch der Ausstellung auch reflektiert werden, durch welche Brille man als weiß eingeordneter und im globalen Norden aufgewachsener Mensch auf die Bilder schaut. Höchstwahrscheinlich wird es unwillkürlich (auch) eine sein, die das Gezeigte exotisiert und wegzuschieben versucht in etwas Fernes und Fremdes, in ein „anderes Land, und zum Glück ist das bei uns ja nicht so“. Warum ist aber so unmittelbar (wieder)erkennbar und verständlich, um was es hier geht? Die Geschichte sexualisierter Gewalt ist eine mit vielen Varianten, die sich gegenseitig nicht relativieren können oder dürfen.

Wegen dieser Lage, und auch, damit sich alle im Raum wohlfühlen können, gilt in der Ausstellung: Keine Fotos von den Exponaten und auch nicht von anderen Menschen, wenn die nicht explizit zugestimmt haben. Deswegen gibt es in diesem Artikel hier auch keine Bilder von den Bildern. Hingehen und selber anschauen ist sowieso besser. Die Atmosphäre des Raums – kein „white cube“, sondern genau an der Grenze zwischen einem sehr angenehmem Ausstellungsraum, wo bei Bedarf auch eine Sitzgelegenheit und ein Glas Tee zu haben sind, und einem Spiegelbild häuslicher Enge eingerichtet – verdichtet die Aussage der Bilder noch einmal zusätzlich.

Avazê Xor: Die Körper, die sprechen.
Ausstellung im Rahmen der Reihe Queerthing 2022, organisiert vom Queerfeministischen Netzwerk München
Kunstraum Florida, Lothringerstr. 13, München (im Hinterhof, Eingang rechts neben dem Tor zur Lothringer-Halle)
Noch bis 24.09.2022: Montag bis Freitag 17:00 – 21:00 Uhr, Samstag 15:00 – 20:00 Uhr
Freier Eintritt, Spenden willkommen.

Weitere Serien der Reihe werden vom 17.10. bis 14.11.2022 in der Glockenbachwerkstatt (Blumenstr. 7) und ab 20.11.2022 im Lesbisch-queeren Zentrum (LeZ, Müllerstr. 23) zu sehen sein. Aktuelle Informationen gibt es auf https://www.kalinka-m.org/queerthing22/

Die Kampagne zur Freilassung von Zahra Sedighi-Hamadani und Elham Choubdar kann auf allout.org mitgezeichnet werden.

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