Poesie und Performance

Katzenclub oder Wiesn-Eröffnung? Die Entscheidung fällt zumindest mir überhaupt nicht schwer, und das anfangs noch zögerliche Eintreffen der Leute ist sicher dem wirklich garstigen und kalten Wetter geschuldet, bei dem man sich vielleicht zweimal überlegt, ob man noch mal vor die Hütte möchte. Wer sich aufgerafft hat, wird jedenfalls belohnt. Nach der bandlosen Sommeredition des Katzenclubs – dafür mit lauschigem Soundgarden im Freien, großartiges Konzept – gibt es heute wieder einen Live-Act, und was für einen! Nachdem die ursprünglich geplanten Ascii.Disko absagen bzw. den Auftritt auf 2023 verschieben mussten, konnten die Veranstalter den gar nicht mehr so geheimen Geheimtipp Potochkine aus Frankreich verpflichten. Wer sie – wie ich – auf dem WGT verpasst hat, hat heute eine neue Chance, noch dazu im kuschlig-familiären Rahmen der Kranhalle.

DSC_2717Um kurz nach neun geht’s los, und Polly Paulette und Ernst Smp beginnen den Auftritt mit einer hochspannenden Drone-Einlage. Mit dem Rücken zueinander stehen die beiden Musiker*innen an ihren jeweiligen Tischen mit zum Teil beeindruckender Elektronik (allein die Verkabelung auf Ernsts Tisch ist quasi ein eigenes Bandmitglied) und erschaffen im roten Dämmerlicht schon jetzt eine hochgradig hypnotische Atmosphäre. Und das ist erst der Anfang! Im Lauf der nächsten Stunde fackelt das Duo aus Marseille ein wahres Feuerwerk an EBM, Techno, Coldwave, Elektropunk und ganz, ganz viel Ausdruck ab, das sofort in die Füße geht. Selbstvergessen tanzen möchte man, gleichzeitig wäre es aber schade, auch nur eine Sekunde von dem zu verpassen, was auf der Bühne passiert. Polly singt Songs wie „Dans ta face“, „Préférer se taire“ oder „Possédée“ nicht einfach, sie lebt sie, sie verkörpert sie, sie bringt sie im wahrsten Sinn des Wortes auf die Bühne. Ihre Stimme ist mal laut und durchdringend, mal leise und flüsternd, mal elektronisch verzerrt, dazu fliegen die langen, dunklen Haare, die Hände gestikulieren, ihre Mimik erzählt die Songs über die – sicher für viele im Raum geltende – Sprachbarriere hinweg. Ernst kann zwar nicht wie sie die ganze Bühne ausnutzen, geht aber hinter seiner Elektronik genauso ab. Der Auftritt ist fast wie ein Konzert im Theaterformat, und das ist auch kein Wunder, denn Polly und Ernst kommen ursprünglich vom Theater. Sie schreiben auch Theatersoundtracks, nachzuhören auf dem Album Mythes, das die Musik zu drei Theaterstücken enthält und von dem es am Ende noch den Track „L’acacia“ als Zugabe zu hören geben wird.
DSC_2598Bis dahin wird aber noch fleißig getanzt, besonders in die Beine geht der Instrumentaltrack „Destruction“, zu dessen Beginn Polly einen kurzen Abstecher ins Publikum macht, aber auch „Pogo“ sorgt – wenn auch nicht gleich für einen Pogo – für ordentliches Zucken unter den Anwesenden. Spannend ist auch der Titel „Charivari furieux“ vom Album Potochkine aus dem Jahr 2018, der sehr wahrscheinlich nicht die gleichnamige Schmuckkette in der bayerischen Tracht zum Thema hat (um noch mal den Bogen zur Wiesn zu schlagen), „Katzenmusik“ oder „Kartoffelsalatvariante“ – weitere Bedeutungen von „Charivari“ – aber sehr wahrscheinlich auch nicht. Egal, der Song beschließt den Auftritt jedenfalls furios, und Polly und Ernst verabschieden sich gerührt vom begeisterten Publikum, um kurz darauf für die Zugabe zurückzukommen.

Potochkine haben einen mitreißenden Querschnitt aus ihrem bisherigen Schaffen geboten – das aktuelle Album Sortilège ist übrigens bei Young & Cold Records erschienen – und für ein hypnotisches Konzerterlebnis gesorgt. „Zwischen Theater und Elektro, zwischen Poesie und Performance“, so werden Potochkine beschrieben, und dem ist nichts hinzuzufügen.
Nach dem Auftritt nehmen sich Polly und Ernst am Merchtisch noch viel Zeit für Gespräche, Autogramme (und Setlisten, merci beaucoup!) und mischen sich unters bis in die frühen Morgenstunden tanzende Volk. Ein großer Dank geht an Potochkine, den Katzenclub, alle DJs und Besucher*innen, die diesen Abend so schön gemacht haben.

Weiter geht’s am 04.10. mit The Soft Moon, am 26.11. mit dem großen Katzenclub-Festival (She Past Away, Agent Side Grinder, Minuit Machine etc.) und am 17.12. mit Clan of Xymox, alles im Feierwerk.

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1. Dans ta face
2. Eros
3. Préférer se taire
4. Possédée
5. Sauvez moi du chaos
6. Les chevaux
7. Destruction
8. Quand les autres nous effraient
9. Pogo
10. Je deteste attendre
11. Charivari furieux

12. L’acacia

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