Hardcore in der Hitze

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Im Sommer lockt das Backstage in München zu Party, Film, Diskussion und tollen Konzerten bei freiem Eintritt. Längst ist das Free & Easy ein Muss für die Stadt geworden, und mindestens einmal innerhalb der knapp drei Wochen sollte man schon dort gewesen sein. Die Veranstalter scheuen keine Kosten oder Mühen und holen zahlreiche namhafte Bands nach München, die meist unterstützt von noch unbekannteren, lokalen Gruppen erstklassige Konzerte spielen.
Gestern waren Suicidal Tendencies in der Landeshauptstadt, und das ließen sich die Metalheads nicht zweimal sagen. Doch zuerst hieß es warten. Warten auf die Bandausgabe, warten auf den Beginn, warten auf den Hauptact. Denn natürlich sollten zwei Formationen erst einmal die Stimmung im ziemlich heißen Werk noch weiter anheizen.

Um 20 Uhr begeben sich I Kissed Captain Hook auf die Bühne. Zu Beginn hauen sie ordentlich rein, und das bis dato leere Werk füllt sich ein wenig, um den harten Klängen der Hardcore-Punk-Formation aus Garmisch-Partenkirchen zu lauschen. Das Tempo ist gut. Nicht zu schnell, aber auch nicht einschläfernd. Meist ein gutes Midtempo, das aber trotz aller Wucht nicht mitreißen kann. Ein einziger Besucher schüttelt freudig den Kopf, lässt dies aber auch bald bleiben. Irritierend ist Sänger Hannes, der ziellos über die Bühne läuft, nach rechts, nach links, Kehrtwende … Man kann es nicht mal als Teil einer Performance ansehen, zumindest ich kann dies nicht. Leider gehen auch seine Ansagen unter, da sie zu unstrukturiert und unverständlich sind – ach ja, und wer steht da eigentlich gerade auf der Bühne? Diese Unsicherheiten machen sich hin und wieder in der Musik bemerkbar. Kleine Verspieler, die aber zu einem Auftritt dazugehören und diesen auch authentisch machen.
Der Drummer ist frisch Papa geworden, erfahren wir schließlich, und das ist dem Publikum auch einen spärlichen Applaus wert.
Die Songs enden abrupt, es fehlt ein bisschen an musikalischer Reife. Hardcore sind sie, aber noch sehr zahm. Lediglich der letzte Song „Pull the Trigger“ ist ein richtiges Brett, das aber leider ziemlich schnell wieder an Tempo verliert.
Leider nicht ganz überzeugend an diesem Abend, aber I Kissed Captain Hook haben durchaus Potential. Da geht noch was

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Die Umbaupause ist mit knapp 18 Minuten recht kurz gehalten, dann stürmen Gravity Lost auf die Bühne. Was auch immer der Gitarrist macht, es sieht wild und gefährlich aus, wie er sein Instrument herumschleudert. Im Werk ist jetzt mehr los. Die Münchner sind anscheinend bekannter, und in der Mitte bildet sich ein kleiner Moshpit, der stellenweise ganz schön abgeht. Die Musik ist gut. Feiner Hardcore in ordentlichem Tempo, schnell, brutal, laut. Hier und da könnte es etwas ausgereifter sein, noch runder, noch mitreißender. Es gibt Songs, die sind – auf der einen Seite sehr schön, auf der anderen Seite wird dadurch das Mitziehen erschwert – so unberechenbar, dass man sich gar nicht darauf einlassen kann. Fängt man das Headbangen an, muss es gleich wieder bleiben lassen und sich in den geänderten Rhythmus einfinden. Dafür nimmt die Band die Bühne komplett ein, Bassist und Gitarristen stehen nicht wie angewachsen auf ihren Plätzen, sondern bewegen sich auch und tragen zur Show bei. Der Sänger growlt ordentlich, macht am Mikro eine wirklich gute Figur und spricht das Publikum an, das sich zum Mitklatschen hinreißen lässt und hin und wieder jubelt. Die Stimmung wird besser, es wird heißer, und ja, man freut sich auf den Hauptact. Das Ende wird jedoch in die Länge gezogen. Eine einzige Textzeile wird immer wieder wiederholt, dazu ändert sich mal die Melodie, aber es ist irgendwann nur noch nervig, und man wünscht sich, dass die Band bitte einfach geht. Das tun die Jungs schließlich auch, und ganz zum Schluss schmeißt der Drummer sein Set um und rauscht ab.
Musikalisch auf dem absolut richtigen Weg, waren Gravitiy Lost eine gute Wahl, um das Werk auf Suicidal Tendencies vorzubereiten.

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Doch die lassen auf sich warten. Das Werk ist proppenvoll, es wird immer heißer, die Menge immer ungeduldiger. Sprechchöre fordern die Band auf, endlich auf die Bühne zu kommen und loszulegen. Aber wir müssen bis nach 22 Uhr warten, obwohl der Umbau längst fertig ist, bis es dunkel wird und die Formation endlich erscheint. Sie legen mit harten Beats und beachtlicher Schnelligkeit los. Amerikanischer Punk, wie sie selbst angeben, der hart und brutal von den Wänden widerhallt. Die sogenannte Arena, also der etwas tiefergelegene Teil direkt vor der Bühne, ist ein einziger, wilder Moshpit, auch wenn man nicht wirklich viel tun kann, da es so eng ist. Das Publikum ist außer Rand und Band. Jubel, die Arme sind nach oben gereckt, Klatschen, und natürlich wird auch lautstark mitgesungen, was Sänger Mike ausnutzt, indem er oft das Mikro Richtung Zuschauer hält. Diese brüllen sich die Seele aus dem Leib, reißen sich die Shirts vom Körper und werfen Becher durch die Gegend. Die Show ist gewohnt gut, und das Brett, das Suicidal Tendencies liefern, ist ausgereift, schnell und haut richtig rein. Die Songs sind lang, manchmal merkt man gar nicht, ob es noch der alte oder ein neuer ist, aber dafür auch sehr facettenreich. Kurze Passagen in langsamerem Tempo zeigen, dass es auch anders geht, als mit Brachialgewalt auf das Drumset einzudreschen und die Saiteninstrumente zu malträtieren. Aber dafür ist man an diesem Abend schließlich ins Werk gekommen. Suicidal Tendencies sind gut drauf, und man merkt ihnen die Freude an, in München vor vollem Haus auftreten zu können. Der Jubel zwischen den einzelnen Songs bestätigt dann auch, dass sie herzlich willkommen sind.
Während es drinnen richtig abgeht, stehen draußen all diejenigen, denen es dann doch zu heiß ist oder die kein Bändchen bekommen haben. Schade, denn die Amerikaner beweisen einmal mehr ihre Power und legen einen soliden Auftritt hin.

Fazit: Ein gelungener Abend mit drei guten Bands. Die Zusammenstellung hat sehr gut gepasst, und zwei unbekannte Gruppen, die an diesem Abend auf sich und ihre Musik aufmerksam gemacht haben, konnten gewiss neue Fans dazu gewinnen.

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Fotos by Bärchen.

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