Adventskalender – 19. Türchen

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Per aspera ad astra — Eine Weihnachtsgeschichte

Es war im 64. Jahr, nachdem uns die Chl’k den interstellaren Antrieb gebracht hatten. Wir waren gerade auf einer längeren Reise im Hyperraum, seit mehr als vier Wochen hatten wir bereits keinen normalen Raum mehr gesehen. Es war unüblich, so lange im Hyperraum zu fliegen, ohne die Navigation im Normalraum zu überprüfen, aber die Notwendigkeit diktierte einen direkten Flug ohne Pausen, ein Chl’k als Navigator machte ihn möglich.

Die Mannschaft war auf eine Notbesatzung reduziert worden – wäre die schwer beschädigte Forschungsstation „Albertus Magnus“ nicht mehr zu retten, mussten wir in der Lage sein, sie zu evakuieren und nicht nur, sie mit Sauerstoff, Lebensmitteln und Ersatzteilen zu versorgen und bei der Reparatur zu helfen. Es war unklar, wie schwer die Station von einem Meteoriteneinschlag beschädigt worden war, es war nicht einmal sicher, dass wir eine noch lebende Besatzung erreichen würden. Sicher war nur, dass jede Verzögerung die Wahrscheinlichkeit ihres Überlebens geringer werden ließ.

Gleichzeitig war aber ein so langer Hyperraumflug anstrengend. Unglaublich anstrengend. Nervenaufreibend.

Die Schwerelosigkeit allein und die deswegen vorgeschriebenen Übungen zum Muskelaufbau in wasserfolterartiger, täglicher Routine. Das Fehlen der Sterne – bei längeren Flügen dienten die Pausen im Normalraum nicht nur der Navigation, sondern auch der Besatzung. Längere Flüge in einer surrealen, sternenlosen und schwarzen Masse bringen jede Psyche an die Belastbarkeitsgrenze. Angeblich konnten die Chl’k die Auswirkungen großer Gravitation, beispielsweise eines schweren Sterns, auf den Hyperraum irgendwie wahrnehmen, was sie zu so hervorragenden Navigatoren machte. Doch auch unser Navigator wurde immer mehr von Depression und Gereiztheit eingenommen. Zunehmend eskalierten kleinere Versehen, Missverständnisse oder Meinungsverschiedenheiten in offenen Streit, bei dem die Beteiligten nur schwer und mit höchster Disziplin Gewaltanwendung zurückhalten konnten. Fehler häuften sich – keine gravierenden, aber das war nur eine Frage der Zeit.

Am neunten Tag vor der geplanten Ankunft, nach irdischer Zeitrechnung der 24. Dezember, war es so weit. Die Besatzung stand unmittelbar davor, sich gegenseitig an die Kehlen zu springen, gegen die wahrscheinlich sinnlose Mission zu meutern, alles hinzuwerfen. Ein Ingenieur war tot aufgefunden worden, er hatte sich beim Hauptreaktor das Leben genommen, als seine einsame Nachtschicht immer länger und länger dauerte und immer drückender und unerträglicher wurde, die Computersysteme immer monotoner blinkten und piepten und die Vibrationen des Antriebs immer lauter auf den Schädel, die Ohren, den Verstand drückten. Plötzlich war da dieser Schraubenzieher, der verführerisch aufblinkte, in seiner Hand gewesen, im nächsten Moment schwebten rot funkelnde Kugeln aus Blut durch den Maschinenraum, in denen sich die Lichter der Computersysteme spiegelten.

In dieser dunklen Stunde versammelte uns Kommandant Rubin Brunnenberg, ein alter Veteran mit eiserner Disziplin, in der Messe. Doch anstatt uns mit bellender Stimme preußischen Pflichtgehorsam zu lehren oder uns einzuschärfen, wie fatal der Ausfall auch nur eines weiteren Besatzungsmitglieds für die Mission wäre und die Forscher, die auf Rettung hofften, erzählte er mit leiser, aber eindringlicher Stimme:

„Es war der erste große Krieg des 20. Jahrhunderts. Ganz Europa hatte etwas begonnen, das man nicht guten Gewissens noch Krieg nennen konnte. Es war ein gegenseitig vereinbartes Abschlachten mit den grausamsten Erfindungen und Neuerungen der damaligen Zeit. Statt eines den Soldaten versprochenen schnellen Sieges war es ein Stillstehen in Schlamm und Tod: In Schützengräben, umgeben von Dreck und dem Blut der gefallenen Soldaten verharrten sie, konnten mal 100 Meter Land gewinnen, nur um am nächsten Tag 120 Meter wieder zu verlieren. Wer überlebte, wer starb, das entschied blinder Zufall. Oftmals mussten Kameraden auf dem schmalen Streifen Feld zwischen zwei Gräben zurückgelassen werden, angeschossen, im Stacheldraht verheddert. Aber noch am Leben. Stöhnend, laut und gut hörbar schwer atmend. Dies waren Zeiten, die die Seelen der Menschen auf die Probe stellten.

Einer meiner Vorfahren kämpfte in diesem Krieg. Was er am Weihnachtsabend des ersten Kriegsjahres dort erlebt hatte, erzählt sich meine Familie seit Generationen. Heute möchte ich es euch erzählen:

Er war Ende des ersten Kriegsjahres irgendwo in Flandern in einem solchen Graben.

Wochenlang hatte es geregnet, doch am 24. Dezember brach der Regen ab und ein klarer Tag durch. Die Feldpost beider Seiten hatte den Soldaten unerwartet Geschenke geliefert, allgemein war durch das Wetter und diese kleine Aufmerksamkeit der Obrigkeit die Motivation gesteigert und die Laune gebessert.

Das wundervollste war jedoch, als nicht verabredet nach und nach, von ihren Kommandeuren unterstützt und sogar aufgefordert, die Soldaten beider Seiten unbewaffnet aus den Gräben kamen. Zunächst wurden nur die Leichen der Gefallenen geborgen und begraben. Doch dann begannen ein paar Untätige, die sich langweilten, mit einem Ball Fußball zu spielen. Zunächst schoss der Ball nur zwischen den Füßen des einen Haufens hin und her, aber wie es bei solchen Spielen geht, ging auch mal ein Schuss daneben, der Ball rollte über den zerbombten Acker zwischen den Gräben zu einem Trupp des Feindes. Die schauten erst unsicher, nahmen den Ball aber mit den Füßen auf und spielten ihn zurück. Es folgten noch ein paar unsichere Pässe, plötzlich war man in einem Freundschaftsspiel.

Andere gingen daraufhin zum anderen Schützengraben und begannen, Karten zu spielen, oder tauschten – obwohl sie selbst kaum etwas hatten –eben erhaltene Geschenke wie Zigaretten, Süßigkeiten und anderes, als Geschenk aus. Gemeinsam besuchte man spontan einen Gottesdienst in einer nahegelegenen Kirche, es war eine über die Weihnachtsfeiertage reichende, nicht verabredete, kollektive Absage an die Grausamkeit.

Es war ein Tag Hoffnung, Leben und Licht in Dunkelheit, Tod und Trostlosigkeit.“

Er machte eine kurze Pause, nahm einen Schluck von seinem Kaffee (ich danke persönlich noch heute täglich den Pionieren, die im 21. Jahrhundert die erste in Schwerelosigkeit funktionierende Espresso-Maschine entwickelt haben), sah uns alle an und beendete seinen Monolog dann:

„Wir sind nicht unter Beschuss. Nicht in einem Krieg. Uns bedrängt ein schlimmerer Feind als das. Die Einsamkeit, die Stille, ein schwarzes Nichts um uns herum, wir sind uns selbst hilflos ausgeliefert und fühlen uns im Moment vielleicht verloren. Wehrlos demjenigen ausgeliefert, der uns besser kennt als uns lieb ist. Und uns besser zermürbt als sonst etwas. Wenn aber geschworene Todfeinde plötzlich einen gemeinsamen Gottesdienst besuchen, gemeinsam Fußball oder Karten spielen können, wenn plötzlich derjenige, den du gestern noch erschießen wolltest, weil er auf dich geschossen hat, wenn der plötzlich vor dir steht und dir seine letzte Schachtel Zigaretten zum Geschenk machen möchte und du ihm eine Tafel Schokolade gibst, die letzte Tafel, die du noch hattest, wenn das möglich ist, an diesem besonderen Tag, dann können wir, Kollegen, den Abend doch gemeinsam in einer stillen Feier verbringen und gemeinsam, zusammen und miteinander Kraft schöpfen.“

 

Aufgebrochen waren wir wie Washingtons Männer nach Trenton. Mit jedem Schritt müder, durchfrorener und demotivierter, für eine unmögliche Aufgabe zu wenige, wie jene Männer an Weihnachten damals vom Schneesturm blind und durch Schnee und Eis ohne Schuhe marschierend eine blutig-rote Spur hinterlassend, verlief unser Weg durch einen sternenlosen Hyperraum, eine blinde und schwarze Masse ohne Orientierungsmöglichkeit, erbarmungslos kalt wie nur der absolute Nullpunkt kalt sein kann. Hoffnungslos auf einer verzweifelten Mission.

Wo jenes Flugblatt von Thomas Paine den Männern damals den nötigen Willen entfacht hatte, gab uns ein alter Kommandant mit einer noch älteren Geschichte und einer noch älteren Feier etwas Licht und Hoffnung – und damit die Kraft weiterzumachen.

Washington konnte die Hessen in Trenton besiegen, ein vollkommen unmöglicher Sieg, wir unsere Apathie, Niedergeschlagenheit, die lähmende und ausbrennende Routine, die Depression, die einen selbst bereiteten Tod so verführerisch hatte erscheinen lassen.

Die Geschichte vom unmöglichen Weihnachtsfrieden 1914 hatte uns aus dieser Lethargie und Trostlosigkeit gerissen, war aber nur die Einleitung zu einem spontanen weihnachtlichen Beisammensein mit der plötzlichen Erkenntnis, dass wir hier an diesem speziellen Punkt in Raum und Zeit gemeinsam für uns Familie waren. Hier und jetzt waren wir gemeinsam eins. An einem Abend, der mit Friede und Licht jene Dunkelheit des Herzens vertreiben konnte und in uns weiterwirkte, über diesen Weihnachtsabend hinaus.

Es ist im Grunde egal, ob wir an diesem Abend mit Familie, Freunden, Kollegen, niemandem oder Feinden zusammen sind, diese Nacht und dieser Abend hat das Potenzial, das Licht und die Kraft, wenn auch nur für einen begrenzten Zeitraum, uns alle zu einer Familie zu machen, uns Licht und Kraft zu geben, wenn wir es zulassen.

Fürchtet euch nicht.

 

Text und  Bild: lateranus – Vielen Dank!

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