Henrik Ibsen „Hedda Gabler“ – Residenztheater München

Gefühle auf dem Gefrierpunkt

 

Henrik Ibsen: Hedda Gabler

Residenztheater München

 

Wenn es um starke Frauenfiguren in der Theaterliteratur geht, dann kommt man keinesfalls an Henrik Ibsen vorbei. Mit der 1879 geschaffenen Nora sorgte er für einen Skandal, war es doch zu jener Zeit undenkbar, dass eine Frau sich von ihrem Ehemann trennte und ihn mitsamt den Kindern sitzenließ.

Doch wo es bei Nora um einen letztlich produktiven Selbstfindungsprozess ging, wendet sich bei der elf Jahre später entstandenen Hedda Gabler die emanzipatorische Energie nur ins zerstörerische. „Ich möchte ein einziges Mal in meinem Leben die Herrschaft haben über ein Menschenschicksal“ ist einer ihrer zentralen Sätze. Eine Sehnsucht, die sie in die Tat umsetzt, indem sie ihren einstigen Liebhaber Ejlert Løvborg gezielt in den gesellschaftlichen und beruflichen Ruin und schließlich in den Selbstmord treibt.

Am Residenztheater hat sich nun Intendant Martin Kušej Noras düsterer Gesinnungsgenossin angenommen. Da er eigentlich als Fachmann für unkonventionelle und mitunter provokante Modernisierungen bekannt ist, erstaunt es umso mehr, dass zumindest die Kostüme (von Heide Kastler) originalgetreu auf das Ende des 19. Jahrhunderts verweisen.

Im Bühnenbild von Annette Murschetz wird diese Authentizität allerdings schon wieder etwas gebrochen. Die hochherrschaftliche Tesman-Villa ist nur andeutungsweise in Form einer hohen weißen Flügeltür auf der linken Bühnenseite vorhanden, während rechts achtlos aufeinander gestapelte Stühle und sonstige Möbelstücke in Vergessenheit geraten zu sein scheinen.

Nur ein wenige Meter breiter Streifen am vorderen Rand der Spielfläche ist hell ausgeleuchtet, der Rest versinkt in nachtschwarzem Dunkel, das die Figuren zu verschlingen scheint und in dem Hedda ihre Langeweile durch das Herumballern mit den Pistolen ihres Vaters vertreibt. Erhellt wird dieses finstere Loch nur im dritten Akt durch ein Lagerfeuer, in dem Hedda das Manuskript Løvborgs Seite für Seite wie die Opfergabe einer archaischen Hohepriesterin verbrennt.

Birgit Minichmayr als Hedda Gabler ist eine Idealbesetzung und der beeindruckende Fixstern des Abends, ein sehr kalt strahlender freilich, um den alle anderen rettungslos herumkreisen. Minichmayrs Hedda ist ein emotionaler Eisberg mit Gefühlen in Gefrierpunktnähe, und ihre präzise eingesetzte Mimik und Körperhaltung sowie der herablassend-gelangweilte Tonfall drücken nichts als Verachtung für die kleinbürgerlichen Existenzen um sie herum aus.

Von Beginn an lässt sie keinen Zweifel, dass die Ehe mit dem pedantischen Kulturwissenschaftler Jørgen Tesman (Norman Hacker) eine reine Zweckbeziehung ist. Der wiederum scheint in erster Linie mit seiner Arbeit und der ersehnten Professur verheiratet zu sein und ist darüber hinaus seiner Tante mehr als innig verbunden. Barbara de Koy ist als Tante „Julle“ ein Hausmütterchen, dessen einzig verbliebener Lebenszweck die Fürsorge für den Neffen ist, die so weit geht, dass sie ihm beim Richten der Kleidung auch mal am Hosenstall herumzupfen darf.

Von ihr ist Hedda ebenso unverhohlen genervt wie von Richter Brack, einem weiteren regelmäßigen Gast im Hause Tesman. Hinter einer Fassade freundlicher Jovialität verbirgt sich bei Oliver Nägele jedoch eine schmierige Gefährlichkeit, die sich am Ende in seinem Erpressungsversuch Bahn bricht, durch den er die ersehnte ménage-à-trois mit Hedda und Jørgen zu erreichen hofft.

Dass diese Hedda mal ein Verhältnis mit dem nach langer Abwesenheit wieder auftauchenden Ejlert Løvborg gehabt haben soll, erscheint fast ein wenig unglaubwürdig. Sebastian Blomberg spielt ihn eher linkisch und vergeistigt denn als einst feurigen Liebhaber. Seine Begleiterin Thea Elvsted (Hanna Scheibe) ist ihm in beflissenem Pflichtbewusstsein ergeben, bringt aber auch eine gehörige Portion Naivität mit, die sie blind werden lässt vor den Manipulationen Heddas.

Diese spielt mit all diesen Mitmenschen wie mit Elementen einer Versuchsanordnung, deren Resultat sie mit kühler Distanz und Gleichgültigkeit aufnimmt. Wenn Løvborg am Ende wieder dem Alkohol verfallen ist und aufgrund des Verlusts seiner Aufzeichnungen und seines Ansehens psychisch wie physisch vor Hedda zusammenbricht, erweckt das in ihr nichts als eine Art ungerührter Neugier. Dass sie ihm die Pistole überreicht, damit er „in Schönheit“ sterben möge, ist da auch nur der folgerichtige Abschluss dieses Experiments am lebenden Objekt.

Kušej setzt konsequent auf Entschleunigung und Konzentration auf das Wesentliche. Oft werden die Darsteller tableauartig an der Rampe arrangiert, in scheinbar unüberbrückbarer Distanz zueinander, was die unterkühlte Atmosphäre des Abends gekonnt unterstreicht. Der Weg in den Abgrund erfolgt bei Kušej in kleinen Schritten, detailgenau, aber unaufhaltsam, leider mitunter auch mit kleinen Längen.

Heddas Selbstmord am Schluss erfolgt unpathetisch, fast beiläufig, von Tesman und Thea in ihrer eifrigen Beschäftigung mit der Rekonstruktion von Løvborgs Notizen beinahe unbemerkt und von Brack lediglich mit einem tonlosen „Sowas tut man doch nicht“ kommentiert – ein der Protagonistin angemessen emotionsloses Ende eines insgesamt fesselnden Theaterabends.

 

Residenztheater München

 

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