10.05.2013: Albert Hammond – German Tour 2013 in der Alten Kongresshalle München

„10 minutes later we’ve finished the song!“

Fast 40 Jahre ist es her, dass Albert Hammond auf der Bühne stand. Eine verdammt lange Zeit, und daher ist es auch nicht verwunderlich, dass sich vor allem ältere Semester in der Alten Kongresshalle einfinden und in den Stuhlreihen Platz nehmen. Gleich mehrere Generationen sind vertreten, 70-Jährige sind gemeinsam mit ihren Kindern und den Enkeln erschienen, um einen der ganz großen – nein, vielleicht sogar den größten – Songwriter live zu erleben. Auf dem Tourplakat stehen harte Fakten wie: 360 Millionen verkaufte Platten, 30 Top-40-Hits, Emmy Award Gewinner. Da wird also bald kein Unbekannter, kein Möchtegern stehen, sondern eine Legende. Albert Hammond als solche zu bezeichnen ist weder übertrieben noch verfrüht. Der Songwriter und Produzent hat in seiner Schaffenszeit, die bereits mit zwölf Jahren begann, ein monumentales Repertoire an Songs verfasst, an dem man nicht vorbeikommt – auch wenn das vielen gar nicht bewusst ist. An diesem Abend jedoch werden auch die Jüngeren bald merken, dass sie Lieder von dem 68-Jährigen kennen, obwohl er sie gar nicht selbst gesungen hat.
Zu Beginn fühle ich mich noch absolut „zu jung für den Scheiß“, und obwohl ich die alten Hits kenne, bin ich skeptisch. Schnell merke ich: Bei den ganzen Jungspunden auf den Bühnen traue ich älteren Leuten keine Power mehr zu. Aber dieser Abend soll mich eines Besseren belehren.
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Es wird dunkel, die Band betritt die Bühne. Der Schlagzeuger nimmt hinter seinem Set Platz, das durch einen durchsichtigen Paravent abgeschirmt ist, damit es nicht zu dominant klingt und in dem dafür zu kleinen Saal alles verschlingt. Am Keyboard sitzt ein recht junger Mann, lange Haare, etwas schüchtern und sich allem Anschein nach absolut bewusst, was heute Abend abgehen wird. Die Gitarre wird von einem jungen Kerl gespielt, der mit Cap vorne steht, nach unten schaut und eher verschwindet. Zuletzt ist noch der Bassist da, der die Haare zusammengebunden hat und eine immens ruhige Ausstrahlung hat. Die Spannung steigt. Man kennt nun die Band und … Albert Hammond himself tritt auf. Ruhig, gelassen, wie der nette Kerl von nebenan, der gerade zur Gartenparty kommt und seine Gitarre mitgebracht hat. Das Publikum jubelt, applaudiert und klatscht sofort den Takt des ersten Liedes mit. Natürlich kennen wir es alle, denn wer hat noch nicht „Everything I want to do“ gehört und sich von der fröhlichen Melodie anstecken lassen? Bereits jetzt ist der Jubel ohrenbetäubend, und der Applaus brandet – wie nach jedem Song und mit Steigerung – auf. „Bravo“-Rufe, Pfiffe, Anerkennung. Eigentlich reicht dieses erste Lied.
Hammond ist da, er ist angekommen, er wird diesen Abend rocken, und jeder weiß: Es werden so viele Erinnerungen geweckt werden, dass man sentimental werden könnte – und es sicherlich auch wird. „Down by the river“, „I don’t wanna live without your love“, „Rebeca“. Letzteres als Erinnerung an ein Playboy-Bunny, das er einmal kennengelernt hatte und von dem er so angetan war, weil die junge Frau so schön war, dass er ein Lied für sie schreiben musste. Die ersten Takte genügen, dann wissen die meisten schon, was nun kommt.
Der 68-Jährige hat eine wahnsinnige Ausstrahlung, wirkt mega-sympathisch und zieht jeden in seinen Bann. Er lächelt, ein ehrliches, nettes Lachen, das gar nicht von seinem Gesicht verschwinden möchte an diesem Abend, seine Finger fliegen über die Saiten der Gitarre in seiner Hand, an der ein lilafarbenes Band geknotet ist. Das Alter merkt man dem Sänger nicht an, er wirkt jung, fit und kraftvoll und beweist an diesem Abend, dass er es noch kann. Wie er es schafft, sofort das an sich schwierige Münchener Publikum zu begeistern und mitzuziehen, ist mir ein Rätsel; es mag an der Ausstrahlung und dem Charme liegen, an der gesamten Atmosphäre, die er aufbaut und die wie ein Wohnzimmerkonzert erscheint. Wir sind hier, wir sind Freunde, wir hören Musik, die einer von uns macht.
Da vorne steht ein Star, aber er hat – auch wenn er sie sich absolut leisten könnte – keine Starallüren und keine Arroganz. Immer wieder betont er, dass das hier, also Bühne und Publikum, wie sein Wohnzimmer ist. Er fühlt sich also auch selbst wohl, und das sieht man ihm an. Hammond trippelt auf der Stelle und lacht, nickt seiner Band zu und plaudert immer wieder aus dem Nähkästchen. Es ist eine Reise durch fast 50 Jahre Musikgeschichte. Unterwegs treffen wir Hal David, Tina Turner und Johnny Cash. Für alle hat Albert Hammond geschrieben, mit ihnen hat er zusammengearbeitet, Songs produziert und Hits gelandet.
Begonnen mit „Little arrows“, über „Freedom come, freedom go“ bis hin zu „Don’t turn around“, das man als Pop-Nummer des Quartetts Ace of Base kennt, die damit in den 1990ern Erfolg hatten.
1Rockig, fetzig und mit viel Schwung werden die Zuhörer durch die Jahre getragen, aber es wird auch ruhig, ernst, melancholisch. Zu Beginn hat der Sänger mit den höheren Tonlagen noch leichte Probleme, die man mit wohlwollendem Lächeln quittiert. Doch schließlich ist auch das vorbei, und Hammond präsentiert seine Hits fehlerfrei und absolut tadellos. Wenn er „99 miles from L.A.“ singt oder das Liebeslied an seine Ehefrau, „When you tell me“, anstimmt, sich ins Publikum begibt, Hände schüttelt und die Reihen entlanggeht, bekommt man Gänsehaut. Man spürt, dass Hammond meint, was er singt, dass er in diesem Augenblick jede einzelne Zeile eines jeden Hits genauso empfindet. Unglaublich, wie dieser Mann die Lyrics transportieren kann und damit die Zuhörenden begeistert, egal ob auf Englisch oder Spanisch – im Übrigen ein Wunsch aus dem Publikum, dem anscheinend spontan stattgegeben wurde. Nach zwei Stunden geht er kurz von der Bühne, für eine Minute vielleicht, in der der Applaus nicht abebben mag, kommt zurück und bedankt sich, macht weiter. Man merkt nicht, dass er müde ist, dass es langsam reicht und so ein Auftritt anstrengend ist. Nein, Hammond steht da wie ein junger Hüpfer und singt, spielt, lacht, springt.
Der Saal steckt voller Erinnerungen, manch einer hört die Songs, singt leise mit, klatscht im Takt und denkt wohl an die Zeit, zu der „I need to be in love“ oder „I’m a train“ im Radio gelaufen sind, als man noch jung war und voller Träume und Hoffnungen. Beim langersehnten Hit „The Free Electric Band“ hält es keinen mehr auf dem Platz, das Publikum erhebt sich, rockt mit, zeigt sich textsicher, und was wie die Rockversion des Musikantenstadls scheint, ist ein Meer aus Erinnerung, Melancholie, Traum und Freude. Ausgelassene Stimmung begleitet den Song, und schließlich steht Hammond lachend da. Der Mann, der über 1000 Lieder geschrieben hat, einfach so. „There are a lot of hits“, sagt er, „I don’t know why. That’s one of the things, that happens.“ Immer wieder spricht er von einer Energie, die beim Songwriting in ihn fließt, um uns diese Energie in den Songs weiterzugeben. Hammond ist dankbar für sein Leben, seine Werke, sein Talent, was ihn noch sympathischer erscheinen lässt.
Nach zweieinhalb Stunden endet der Auftritt mit „It never rains in Southern California“. Ein atemberaubendes Konzert geht zu Ende, und ein Weltstar verbeugt sich lächelnd und bescheiden. Wer nicht da war, hat eindeutig was verpasst.
Im Anschluss und ohne Verschnaufpause signiert Hammond geduldig Tonträger und Eintrittskarten und lächelt in unzählige Kameras. Hammond, der Mann, der Deutschland liebt, weil wir als einzige im Radio die Hits der 1970er spielen. Danke für diesen Abend!
:mosch: :mosch: :mosch: :mosch: :mosch:
Setlist (abgeänderte Reihenfolge und unvollständig, da zwei Publikumswünsche erfüllt wurden):
Everything I want to do
Down by the river
I don’t wanna live without you
Rebeca
Careless heart
Snows of New York
Little arrows
Freedom come, freedom go
Good morning freedom
Gimme dat ding
Don’t turn around
Give a little love
Praise the Lord
Smokey factory blues
I don’t wanna die in an air disaster
The peace maker
Dream
99 miles from L.A.
To all the girls
I need to be in love
I don’t wanna loose you
When you tell me
One moment in time
Nothing’s gonna stop us now
I’m a train
The Free Electric Band
It never rains in Southern California
The air I breathe
When I need you
Fotos by LJ und Kyra Cade.

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1 Antwort
  1. sunsetrock
    sunsetrock says:

    Super toll geschrieben! Ich habe Albert im Frühjahr 2x gesehen, war grenzenlos begeistert und freue mich auf die Herbsttour!

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